Entsorga 6/2021

1 6/2021 6 Dezember 2021 Altbatterien aus E-Autos: Knacken mit dem Taschenmesser Das Fachmagaz i n für Kre i s l aufwi r tschaf t Abwasser: Da steckt Energie drin 30 Jahre Verpackungsverordnung Pluspunkt für das Recycling Thema Textilrecycling: Zerreiß- probe

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3 6/2021 Editorial Eine ganze Generation kennt es gar nicht mehr anders, das Leben mit dem Gelben Sack, der Gelben Tonne. Die beiden sind untrennbar mit dem Grünen Punkt verbunden, zusammen mit der Verpackungsverordnung: 30 Jahre. 1991 entstand unter dem damaligen Umweltminister Klaus Töpfer die Verpackungsverordnung, nach langem und später unvermindert heftig fortgesetztem Streit um Einwegverpackungen wie die Getränkedose. Ein Meilenstein in der Geschichte der Haushaltabfallentsorgung, ähnlich wichtig wie die staubfreie Müllabfuhr in den 50ern des vergangenen Jahrhunderts. Das war ein damals wichtiger Hygieneschritt. Der Grüne Punkt ist eine entscheidende Wegmarke zu einer zirkulären Gesellschaft. Die Einführung war nicht einfach. Vor allem beim Verständnis mit dem Grünen Punkt. Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Start haben sich weite Teile der Gesellschaft noch nicht an das richtige Verhalten mit Verpackungsabfällen gewöhnen wollen. Vor allem in Siedlungen mit Gemeinschaftseinrichtungen zur Entsorgung geht ein Gutteil der Entsorgungswege wild durcheinander. Fehlt es an Verständnis? Nein, zunächst wohl eher an sozialer Kontrolle. Und dann bleibt da das Bemühen um einen gut gemeinten Umgang mit den Abfällen. So wandert manches Plastikteil in die Gelben Tonne, das da nicht hingehört. Es wird beim weiteren Prozess aussortiert. Schade drum, denn dann geht’s in die thermische Verwertung und bleibt damit einem echten Recycling vorenthalten. Das zu verändern wäre ein echter Fortschritt. Aber war und ist der Grüne Punkt eine Erfolgsgeschichte? Ich meine, zusammengenommen, ja. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten mit der Abfallverbringung nach Asien und Afrika konzentriert sich der Verwertungsprozess stärker auf Europa. Das Hinterlassen unserer Abfälle in Entwicklungs- und Schwellenländern war eine echte Sauerei, die allerdings eher von Abnehmerländern wie China unterbunden wurde als durch freiwillige Einsicht bei den Verursachern, uns. Der Grüne Punkt kostet Geld. Ich meine beim Einkauf. Das nimmt der Verbraucher nonchalant nicht einmal zur Kenntnis, denn schließlich werden die Cent-Beträge auf dem Kassenbon nicht ausgewiesen. Je nach Einkaufsverhalten addiert sich das unbemerkt zu einem doch spürbaren Posten im jährlichen Haushaltsbuch. In den 30 Jahren seiner Existenz hat die Einsicht in die ökologische Notwendigkeiten die hauptsächlich für Verpackungsmüll verantwortliche Industrie zunächst kaum umgetrieben. Im Gegenteil, der Verpackungsaufwand erklomm stets neue Gipfel. Langsam erleben wir eine Umorientierung. Umwelt- aspekte rücken stärker ins Bewusstsein: Recyclingmaterial, Meereskunststoffe, Materialeinsparungen, Monomerkunststoffe: Die Spielwiese ist groß und manches Greenwashing ist wohl auch dabei. Und im Entsorgungsmarkt: Dort hat sich Wettbewerb breitgemacht. Der einstige Klassenprimus DSD steht nicht mehr in vorderster Front (aber wohl noch auf Patz 2). Hier greift jetzt mit der Schwarz-Gruppe ein Handelskonzern nach den Sternen und legt bei der Expansion auf internationaler Ebene ein beachtliches Tempo vor. Schön, der Wettbewerb belebt das Geschäft auf dem Weg zur Circular Economy. Der Grüne Punkt wird weiser. Verlag und Redaktion wünschen Ihnen eine schöne Weihnachtszeit und einen gesunden Jahresausklang; einen ebensolchen Start natürlich auch. 30 Jahre und ein bisschen weise privat Bernd Waßmann Redaktionelle Leitung

4 6/2021 „Das Duale System hat sich bewährt“ Beim Kunststoffrecycling aus Verpackungen wird mittlerweile eine Quote von 60,6 Prozent erreicht. Das ist mehr als der Gesetzgeber fordert. Der Grüne Punkt ist angekommen. Seit 30 Jahren besteht nun das Ziel, mit einem Symbol die Abfallmengen aus der Verpackung einzufangen. DSD-Chef Michael Wiener zieht im Interview Bilanz. Foto: Tomra Editorial 3 30 Jahre und ein bisschen weise Aus dem Dualen System wurden Duale Systeme. Der Grüne Punkt ist ein Meilenstein in der Geschichte der Haushaltsabfallentsorgung. Titel 10 „Das Duale System hat sich bewährt“ Michael Wiener führt heute das Duale System Deutschland. Für ihn ist das 30jährige Bestehen ein Grund zum Feiern, sagt er im Interview. Abfallwirtschaft 14 Circular Economy: So läuft der Hase Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften hat zehn Kernprozesse für das Funktionieren der Circular Economy entwickelt. Alle gesellschaftlich relevanten Gruppen sind beteiligt. 16 Prioritäten verschieben sich Yann Ménière ist Chefökonom am Europäischen Patentamt. Er hat einen guten Überblick darüber, was in der Recyclingtechni gerade läuft – und wo es klemmt. 18 In der Zerreißprobe Es wird Zeit, sich von der linearen zur zirkulären Textilwirt- schaft zu entwickeln. Handeln ist dringend notwendig, hat auch die EU-Kommission erkannt. 22 Goldgräberbux‘ mit Doppelleben Auch Levis setzt bei Klassikern verstärkt Recyclingstoffe ein. 23 Laufen auf der Kohlenstoff-Wolke Mit Hilfe der Chemiker von Borealis ist der der Sportschuhmarke On gelungen, einen Schuh auf Basis von Kohlenstoffemissionen zu entwickeln. 24 Besser abgeschnitten Die schweizerische EMPA untersuchte die Gebrauchs- tüchtigkeit von Recyclingjacken: Ermutigend 27 Knacken mit dem Schweizer Taschenmesser Fraunhofer IPA arbeitet an einer Roboterzelle mit unter- schiedlichen Werkzeugen, die für die E-Auto-Batterie- Demontage geeignet ist. Abluft 28 Mannem vorne Die Abfall- und Biomasseverbrennung in Mannheim soll bereits 2040 als Schadstoffsenke dienen. Dafür gibt es international Lob. Inhalt 10

5 6/2021 30 Biogas unterstützt die Hautpflege In Sachsen wird erprobt, ob sich die Biogase auch für die Herstellung von Grundstoffen für die Kosmetik- industrie nutzen lassen. Abwasser 33 Abwasser steckt voller Energie Anaerobe Bakterien im Abwasser pflegen einen regen Elektronenaustausch. Daraus lässt sich über einen Umweg Energie gewinnen. 37 Dreck unter Druck Höchstdruckwasserstrahlen ist ein probates Mittel zum Erhalt der Abwasser-Infrastruktur. 39 Konfektion für den Untergrund Abwasserschächte erleichtern den Zugang zum Abwassersystem. Aber auch sie sind sanierungs- anfällig. 41 Im Rausch der Jahre Ein Drittel des aufbereiteten Wassers erreicht den Abnehmer nicht. Edelstahlrohre halten dicht, sagen die Stahlunternehmen. 43 Das Rohr wird smart In Spaichingen wurde eine Grobstoffrückhaltung in ein Regenüberlaufbecken integriert. Rubriken 03 Editorial 06 Nachrichten 07 Zur Person 51 Wirtschaft 54 Industrie 58 Zu guter Letzt / Impressum Inhalt Circular Economy: So läuft der Hase Die Gesellschaft befindet sich in einem Transformationsprozess. Teil davon ist der Weg zur Circular Economy. Einige Punkte machen den Erfolg aus. Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Foto: Pixabay 14 47 Auch Wasser bekommt ein zweites Leben Langfristig ist zu erwarten, dass gereinigtes Abwasser als zusätzliche Wasserressource genutzt wird. Bildung 50 Blick für Zusammenhänge An der TU Clausthal entsteht ein Bachelorstudiengang „Nachhaltige Rohstoffversorgung und Recycling“. Zu guter Letzt 58 Steuerzahlers „Griff ins Klo“ Das neue Schwarzbuch Steuerverschwendung liegt vor. In der Zerreißprobe Die Textilindustrie gilt als eine der stark umweltbelastenden Industrien. Fast Fashion verschärft die Situation noch: Der Textilverbrauch bei den EU-Bürgern steigt. Handeln wird notwendig. Einige Modemarken setzen bereits stark auf recycelte Stoffe, wie hier das Berliner Modelabel Raffauf. Foto: Raffauf 18

6 6/2021 Nachrichten Abfallverbringung in der EU Keine Überregulierung anstoßen Rund 33 Millionen Tonnen Abfall hat die EU im Jahr 2020 laut EU-Kommission in Drittländer ausgeführt und rund 16 Millionen Tonnen eingeführt. Die EU-Kommission hat heute neue Vorschriften für die Abfallverbringung in der EU vorgestellt. Diese sollen drei Ziele verfolgen: die Verhinderung der Verlagerung der EU-Abfallproblematik in Drittländer, die Erleichterung des Transports von Abfällen zum Recycling und zur Wiederverwendung in der EU und die bessere Bekämpfung illegaler Abfallverbringungen. In getrennten Stellungnahmen äußern sich die privaten Entsorger über den BDE und die kommunalen durch den VKU. Dessen Vizepräsident gab diese Stellungnahme ab (Auszug): „Der Export ist zum einen klimaschädlich, da beim Transport Emissionen entstehen. Zum anderen kann Abfall in Deutschland und der EU durch die besseren Recyclingverfahren gut wiederverwertet werden. Seit dem Erlass der Verpackungsverordnung vor 30 Jahren ist die Herausforderung, Kunststoffe zu recyceln, bekannt – jedoch wurde zu wenig getan. Es ist daher nicht nachvollziehbar, dass es in Deutschland bis heute noch immer keine ausreichenden Kapazitäten gibt, um alle Kunststoffabfälle hochwertig zu verwerten. Zudem müssen wir bei der Herstellung gegensteuern: Die Recycelbarkeit von Kunststoffverpackungen nimmt tendenziell eher ab, da immer häufiger mit Verbundstoffe aus unterschiedlichen Materialfraktionen bei einer Verpackung genutzt werden. Hier brauchen wir wirksame Anreize für die Kunststoffverpackungsindustrie. Ein Mittel dazu wäre, die seit 2021 geltende EU-Kunststoffsteuer für nicht recycelte Kunststoffverpackungen auf die Hersteller umzulegen. Aktuell wird sie leider immer noch aus dem Bundeshaushalt und damit durch die Steuerzahler finanziert. Schließlich ist uns wichtig, dass die gemischten Siedlungsabfälle weiterhin dem Nähe- und Autarkieprinzip unterliegen, also die Mitgliedstaaten selbst für die Entsorgung ihres Restmülls zuständig sind. Diese Regelung dient dem Schutz kommunaler Entsorgungsstrukturen...“ Für den BDE spricht dessen Präsident Peter Kurth (ebenfalls im Auszug): „Es ist richtig, konsequent gegen die illegale Verbringung vorzugehen und kriminelle Strukturen zu zerstören. Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass die für die KreislaufwirtBDE-Präsident Peter Kurth: Eher verbrennen als deponieren - auch im Ausland. Foto: BDE schaft nötige grenzüberschreitende Abfallverbringung durch nicht erfüllbare Überregulierung zum Erliegen kommt. Aus den bisher bekannten Vorschlägen geht hervor, dass die EU-Kommission sich vorbehält, Exporte von Grün gelisteten Abfällen in andere Länder zu unterbinden, wenn diese sich nicht ausdrücklich dazu bereit erklärt haben und nachweisen können, dass sie über die entsprechenden Kapazitäten verfügen. Wir begrüßen grundsätzlich, dass die EU- Kommission in ihren Vorschlägen die grenzüberschreitende Abfallverbringung innerhalb der EU zum Zweck des Recyclings als essenziellen Teil der Kreislaufwirtschaft ansieht und sie grundsätzlich vereinfachen digitalisieren und entbürokratisieren möchte. Der BDE ist auch mit den Vorschlägen zur Bekämpfung der Kriminalität mit Abfällen vollkommen einverstanden. Dennoch dürfen die Kommissionsvorschläge nicht dazu führen, dass der für die Kreislaufwirtschaft notwendige globale Markt und weltweite Handel mit Abfällen zum Zweck des Recyclings durch langwierige Prüf- und Genehmigungsverfahren zum Erliegen kommt. Auch Vorhaben zur Einschränkung der thermischen Verwertung durch Unterbindung der entsprechend notwendigen Abfalltransporte innerhalb der EU wäre ein falscher Schritt. Die Alternative zur thermischen Verwertung im Ausland wäre vielfach Deponierung von Abfällen im Inland. Deponierung ist die Ursache für große Mengen an Treibhaugasemissionen und muss verhindert werden, eben auch durch die Möglichkeiten thermischer Verwertung in anderen Ländern.“ www.vku.de, www.bde.de

7 6/2021 Nachrichten … heißt die aktuelle ENTSORGA-Webseite mit den täglichen Branchennachrichten Mehrweg bei McDonald‘s Ein Burger-Brater baut vor Eine der entscheidenden Einwegikonen beginnt, umzudenken: Bei McDonald’s machen sie ernst mit Mehrwegsystemen, denn die sollen bis Ende des nächsten Jahres für den Bereich Getränke und Eis bundesweit eingeführt werden. Ein Versuch startet jetzt in 10 Restaurants (Region München und Hauptstadt Berlin) bei der Ausgabe beliebter Getränkle und Desserts sowohl für den Inhouse- als auch für den To-go-Verbrauch. Für die Zeit bis Ende des Jahres müssen die Verbraucher die Mehrweglösung allerdings nachfragen. Vor Ort haben Gäste und Mitarbeiter:innen die Chance, ihre Meinung zu den neuen Verpackungslösungen zu abzugeben. Dieses soll entscheidend zur Feinabstimmung des Konzepts beitragen. Damit stellt McDonald‘s Deutschland bereits jetzt erste Weichen für alternative und kunststoffsparende Verpackungslösungen, noch bevor eine gesetzliche Mehrwegpflicht 2023 greift. Die Gäste können in den ausgewählten Restaurants bei ihrer Bestellung angeben, für welche der Testprodukte sie gerne eine Mehrwegverpackung nutzen möchten. Pro Verpackung wird ein Euro Pfand erhoben. Bei der Rückgabe der Mehrwegbecher in den teilnehmenden Testrestaurants wird das Pfand rückerstattet. So will McDonald‘s sicherstellen, dass die Verpackungen den Weg zurück ins Restaurant finden und wiederverwendet werden können. www.mcdonalds.com Covid-Müll Milliarden Masken im Meer Die Corona-Pandemie hat weltweit zu einem deutlich erhöhten Aufkommen von Plastikmüll geführt. Eine Schätzung sagt, bis August seien rund 8,4 Millionen Tonnen Plastikmüll in 193 Ländern durch die Pandemie angefallen. Das schreiben Forschende der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in den „Proceedings“ der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften („PNAS“). Zum Vergleich: Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) produziert die Menschheit insgesamt rund 300 Millionen Tonnen Plastikmüll im Jahr. Das Team um die Wissenschaftler Yiming Peng und Peipei Wu geht davon aus, dass ein Großteil des Corona-Abfalls (87,4 Prozent) in Krankenhäusern entstand, insbesondere in asiatischen Ländern. 7,6 Prozent seien auf Masken und andere Schutzausrüstung für den privaten Gebrauch zurückzuführen, wie aus der Studie hervorgeht. Verpackungen für den boomenden Online-Handel hätten rund 4,7 Prozent des zusätzlichen Abfalls ausgemacht. ww.pnas.org

8 6/2021 Zur Person Städtetag Lewe ist neuer Chef der Städte Stefan Böhme trat Mitte Oktober die Nachfolge von Otto Heinz als VBS-Präsident an. Mit dem neu gewählten Präsidenten Stefan Böhme und dem ebenfalls neu gewählten Vizepräsidenten Andreas Janka wurde ein Führungswechsel an der Spitze des VBS vollzogen. Nach 15 Jahren als VBS-Präsident trat Otto Heinz nicht erneut zur Wahl an und leitete so einen Führungswechsel ein. Der neue Präsident leitet seit 1995 die Böhme GmbH im oberfränkischen Rehau. Böhme trat 1997 in den VBS-Juniorenkreis ein, war für den Verband Regionssprecher in Franken, Mitglied des Vorstandes und zuletzt Vizepräsident des VBS. Als neuen Vizepräsidenten wählte die Mitgliederversammlung einstimmig Andreas Janka (J. Ehgartner GmbH, Geretsried). In den erweiterten Vorstand wurden gewählt: Reinhard Büchl jun., Michael Buchheit, Frank Gärtner, Matthias Harms und Markus Wittmann. Prof. Dr. Josef Settele wurde für seine Leistungen beim Erhalt der Biodiversität mit dem Heinz-Sielmann-Ehrenpreis gewürdigt. Als Leiter des Department Naturschutzforschung im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung verweist er auf die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Artensterben. Er hat mehrere Bücher über den Verlust der Artenvielfalt veröffentlicht. Markus Lewe, OB in Münster, Markus Lewe, ist neuer Präsident des Deutschen Städtetages. Vizepräsidenten wurde der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung, der seit Juni 2019 das Präsidentenamt innehatte und turnusmäßig abgibt. Lewe ist seit 2009 Oberbürgermeister in Münster, im Herbst 2020 gewann er dort zum dritten Mal die Direktwahl. Für ihn wird es die zweite Amtszeit – er stand bereits von Januar 2018 bis Juni 2019 als Präsident an der Spitze des Deutschen Städtetages. Seitdem war er Vizepräsident. Dr. Hildebrand von Hundt ist seit Oktober 2021 Geschaftsfuhrer des WFZruhr: Der promovierte Holzwissenschaftler war bereits maßgeblich am Aufbau des WFZruhr beteiligt. 2005 wurde er Produktmanager und hat Strukturen mitgestaltet, Inhalte gesetzt und zahlreiche Messen, Veranstaltungen, Diskussions- und Netzwerktreffen, Webinare und vieles mehr organisiert. »Wichtig ist mir immer, dass Netzwerken konkret stattfindet und die Kommunikation stimmt«, betont von Hundt: »Wir sind in einer so spannenden Branche mit ganz viel Potenzial und den wirklich wichtigen Zukunftsthemen an Bord – das mussen wir immer noch starker kommunizieren.« Simon Müller ist neuer Direktor Deutschland bei Agora Energiewende. Damit verantwortet er fortan die Arbeit von Agora in Deutschland zu übergreifenden Fragen der Energie- und Klimapolitik sowie in den Bereichen Strom, Wärme und Energieinfrastruktur. Zuvor war der gelernte Physiker acht Jahre lang in der internationalen Klima- politik bei der Internationalen Energieagentur (IEA) unter anderem als Leiter des Referats System- und Marktintegration Erneuerbare Energien tätig sowie zwei Jahre als Abteilungsleiter für Energielösungen bei Enertrag. René-Christopher Wollmann hat im November als CTO (Chief Technology Officer) beim Nutzfahrzeuganbieter Quantron begonnen. Wollmann übernimmt die Gesamtverantwortung für die Nutzfahrzeug- und Komponentenentwicklungen und den Ausbau der Hydrogen-Entwicklung mit dem Partner Ballard Power. Der Elektrotechnik-Ingenieur greift auf einen umfassenden Wissens- und Erfahrungsschatz aus der Elektro-Mobilitätsbranche zurück. Rund zehn Jahre lang war Wollmann bei Mercedes-AMG tätig. Ab 1. Januar 2022 wird Susanne Kuppers den Vorstand bei APK als Chief Financial Officer erganzen. Bereits im Oktober 2021 konnte das Unternehmen eine weitere zentrale Stelle besetzen: Maik Pusch kam als neuer Direktor Corporate Development an Bord. Markus Lewe auf dem Lambertikirchplatz in Münster. Foto: Stadt Münster

9 6/2021 Nachrichten Leistungsnachweis Abwasserbehandlung Deutsche Kläranlagen glänzen Die DWA erhebt über ihre Kläranlagen-Nachbarschaften jährlich den Leistungsstand der Abwasserbehandlung. Deutsche Kläranlagen haben im Jahr 2020 die Vorgaben der EU-Kommunalabwasserrichtlinie nicht nur erfüllt, sondern großenteils übertroffen. Trotz der konstant hohen Reinigungsleistung konnten die Betreiber den Energieverbrauch der Anlagen weiter senken, bei gleichzeitiger Steigerung der Eigenenergieerzeugung. Diese Aussagen belegt der aktuell veröffentlichte 33. Leistungsnachweis kommunaler Kläranlagen der DWA. Gert Schwentner, Sprecher der Kläranlagen-Nachbarschaften der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA): „Dass die Kläranlagen auch im Jahr 2020 unter den deutlich erschwerten Arbeitsbedingungen der Pandemie die gewohnt hohen Reinigungsleistungen jederzeit gewährleisten konnten, insbesondere auf kleineren Kläranlagen, die ohnehin mit einer dünnen Personaldecke zu kämpfen haben, verdient höchste Anerkennung. Im Fokus der Kommunalabwasserrichtlinie stehen besonders Nährstoffe wie Phosphor und Stickstoffe, um eine Eutrophierung der Gewässer sowie von Nord- und Ostsee zu verhindern. Bezüglich der Phosphor-Elimination hat sich die Reinigungsleistung auf sehr hohem Niveau bestätigt, bundesweit wurden 93,1 Prozent des Gesamtphosphors in den Kläranlagen aus dem Abwasser entfernt und in den Klärschlamm eingebaut. Die Vorgabe der Kommunalabwasserrichtlinie von 80 Prozent wird somit von den deutschen Kläranlagen deutlich überschritten. Gleiches gilt für den Parameter Gesamtstickstoff, auch hier wurden die EU-Vorgaben mit einer Elimination von 83,2 Prozent sicher eingehalten. Noch höher liegt die Abbauleistung beim Parameter Chemischer Sauerstoffbedarf (CSB), Maß für die Summe aller im Wasser vorhanden und unter bestimmten Bedingungen oxidierbaren Stoffe. Hier wurde 2020 eine Elimination von 95,6 Prozent erreicht. Kläranlagen zählen zu den größten kommunalen Stromverbrauchern – Grund ist vor allem der Energiebedarf bei der Belüftung der Belebungsbecken. Die Abwasserwirtschaft ist sich dementsprechend der Verantwortung hinsichtlich des Klimawandels bewusst und arbeitet seit Jahren gezielt und erfolgreich sowohl an der Reduzierung des Energieverbrauchs als auch an der Ausweitung der Eigenenergieerzeugung – wobei die sichere Gewährleistung der Abwasserbehandlung immer im Vordergrund steht. Der Gesamtstromverbrauch der Kläranlagen konnte seit 2011, in diesem Jahr hat die DWA erstmals den Energieverbrauch flächendeckend erhoben, von 34 kWh pro Einwohner und Jahr auf 31,2 kWh gesenkt werden. Hochgerechnet auf die Gesamtheit der Kläranlagen bedeutet dies eine Reduzierung des Stromverbrauchs der Kläranlagen von rund 4000 GW/h im Jahr 2011 auf etwa 3600 GW/h 2020. Demgegenüber steht bei den an der Umfrage beteiligten Kläranlagenbetreibern eine Eigenstromerzeugung, fast ausschließlich über die Verstromung des bei der Klärschlammfaulung entstehenden Faulgases, von 1118 GW im Jahr 2020. Bezogen auf den Elektrizitätsverbrauch dieser 4835 Anlagen hat die Eigenstromversorgung damit mittlerweile einen Anteil von 36 Prozent erreicht. Der aktuelle 33. DWA-Leistungsnachweis kommunaler Kläranlagen basiert auf über 3,6 Mio. Einzelmessungen, die das Betriebspersonal der Anlagen im Rahmen der Selbstüberwachung vorgenommen hat. Die erhobenen Daten fließen als Jahresmittelwerte in den Leistungsnachweis ein. Am aktuellen Leistungsnachweis haben sich 5220 der insgesamt 9105 kommunalen Kläranlagen beteiligt. Diese Kläranlagen vereinen eine Gesamtausbaugröße von 130,8 Millionen Einwohnerwerten. Bezogen auf eine Ausbaukapazität von 151,8 Mio. Einwohnerwerten bedeutet dies eine Beteiligung von 86,2 Prozent der in Deutschland installierten Reinigungsleistung in kommunalen Kläranlagen. Der Einwohnerwert beinhaltet neben dem Abwasser privater Haushalte als Berechnungsäquivalent auch Einleitungen aus Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft. Dadurch bedingt liegt die Gesamtausbaugröße von gut 150 Mio. Einwohnerwerten deutlich oberhalb der Einwohnerzahl von rund 83 Mio. Der Leistungsnachweis unter: https://tinyurl.com/yckj8vuh www.dwa.de

10 6/2021 Titel Michael Wiener, DSD-CEO, über 30 Jahre Grüner Punkt Das Abfallmanagement an der Gelben Tonne hat anfangs Hausmänner aber auch -frauen überfordert. In Großsiedlungen ist es noch immer so. Foto: © Imago / Becker & Bredel cher sind an der Tagesordnung und müssen in den Sortieranlagen der Abfallwirtschaft herausgefischt werden. Michael Wiener ist der Chef des Dualen Systems Deutschland, auf dessen Aufbauarbeit das Verpackungsrecycling beruht. Ein guter Grund, nach 30 Jahren mal nachzufragen: Wie war’s, wie wird’s. EM: 30 Jahre Verpackungsverordnung, DSD ist sogar schon ein Jahr älter: Sind die Geburtstage ein Grund zum Feiern? Michael Wiener: Natürlich! Der Umgang mit Abfall ist heute ein ganz anderer als vor 30 Jahren und daDie Bürger staunten 1991 nicht schlecht, als auf einmal Gelbe Tonnen oder Gelbe Säcke als Abfallbehälter zur Verfügung standen. Unter dem Dirigenten Klaus Töpfer, damals Umweltminister im Kabinett Kohl, entstand ein dritter Weg der Abfallerfassung. Verpackungen, aber nur Verpackungen, sollten in den Behältern gesammelt werden. Dafür zahlten die Verbraucher eine Gebühr für den Grünen Punkt, der auf die beteiligten Verpackungen gedruckt wurde. Das Unterscheiden, was in die Tonne kommt und was nicht, war für die Bürger nicht ganz einfach – und ist es bis heute nicht. Fehlwürfe durch die Verbrau- „Das Duale System hat sich bewährt“ Der Grüne Punkt feiert 2020 seinen 30. Geburtstag, ist damit dem Twen-Alter entwachsen. Ein guter Grund, einmal eine Lebensbilanz über diese ökologische Kraftanstrengung zu ziehen.

11 6/2021 Titel ran hat der Grüne Punkt einen großen Anteil. Damals wurden zwei Drittel der Siedlungsabfälle unsortiert auf Deponien abgelagert. Das gibt es heute gar nicht mehr und zwei Drittel der Siedlungsabfälle werden heute getrennt erfasst und verwertet oder recycelt. Ohne den Grünen Punkt ist diese Entwicklung nicht denkbar. EM: 108 Kilogramm Verpackungsmüll jährlich gehen auf die Kappe eines jeden Bürgers. Blicken wir über die letzten 30 Jahre: Wie hat sich das mengenmäßig entwickelt? Wiener: Die Verpackungsmengen sind nach 1993 zunächst zurückgegangen, weil der Grüne Punkt Verpackungen teurer gemacht hat – das hat einen Trend ausgelöst, Effizienzpotenziale bei der Verpackungsgestaltung und -herstellung zu heben. Seit einigen Jahren steigt der Verpackungsverbrauch wieder an. Das hängt mit der wachsenden Zahl von Singlehaushalten und veränderten Gewohnheiten – Stichwort Coffee to go – zusammen. EM: Was die Verteilung der Verpackungsrohstoffe betrifft: Kunststoff ist wohl eindeutig der Gewinner? Wiener: Nein, Kunststoff steht unter Druck, weil er meist aus fossilen Rohstoffen hergestellt wird und kaum kreislauffähig ist. Papier und papierbasierte Verbundverpackungen sind dabei, ihm den Rang abzulaufen. EM: Gut, Kunststoff ist das ökologische Sorgenkind, sagen Sie: Mikroplastik im Wasser, kaum Abbau der Stoffe in der Natur, Vermüllung der Landschaften. Ist dieser Stoff noch beherrschbar? Wiener: Definitiv ja! Kunststoff lässt sich im Kreislauf führen – wir zeigen ja, wie das geht. Bei einem verantwortungsvollen Umgang damit – keine überflüssige Nutzung, konsequente Erfassung des Abfalls und Kreislaufwirtschaft, mittel- und langfristig auch die Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen – stellt Kunststoff kein Umweltproblem dar. EM: Im Supermarkt gewinnt man den Eindruck: Wenn verpackungstechnisch gar nichts geht, dann geht immer noch Kunststoff. Wie unentbehrlich ist das Plastik? Wiener: Kunststoff ist extrem flexibel und universell einsetzbar, unsere Art zu leben dürfte ohne Kunststoff nicht funktionieren. Umso wichtiger, dass wir uns um die nachhaltige Nutzung des Werkstoffs kümmern. EM: Die rohstoffliche Verwertung der Verbundmaterialien war von Anfang schwierig bis unmöglich. Wie hat sich das entwickelt? Wiener: Die rohstoffliche Verwertung spielt aktuell praktisch keine Rolle mehr. Sie kommt als chemisches Recycling zurück – aber da sind noch viele Fragen offen. Welche Materialien eignen sich, woher kommt die nötige grüne Energie für die Verfahren, wie können wir sie wirtschaftlich darstellen? Der Grüne Punkt engagiert sich stark bei der Beantwortung dieser Fragen, daher haben wir mit einem Partner eine entsprechende Zusammenarbeit gestartet. Wir wollen bisher nicht recyclingfähige Kunststoffabfälle für ein chemisches Recycling gewinnen. Darin sehe ich die Aufgabe des chemischen Recyclings: dort einzuspringen, wo ein mechanisches Recycling nicht geht. Sorgenkind Verbund EM: Blicken wir in die Verwertungsbilanz. Wir unterscheiden zwischen thermischer und stofflicher Verwertung. Wie sieht die Bilanz in Zahlen im Zehn-Jahres-Vergleich aus? Wiener: Die werkstoffliche Verwertung hat in den letzten Jahren stark zugenommen, vor allem getrieben von den deutlich höheren Recyclingzielen im Verpackungsgesetz. Hier ist viel investiert worden, große Fortschritte wurden gemacht. EM: Welche Stoffe stehen gut da? Wiener: Vor allem die Metalle weisen hohe Recyclingquoten auf, Sorgenkind sind die faserbasierten Verbundverpackungen. Hier fehlen Recyclingkapazitäten. EM: Papier ist wohl der liebste Recyclingstoff der Deutschen. Nun gibt es Bestrebungen, das Material aus dem Stoffstrom der Dualen Systeme auszugliedern. Das würde die Bilanzen von DSD mächtig unter Druck setzen, oder? Werkstoffliches Recycling, zum Beispiel für ansehnliche Stühle in Tagungscentern, ist möglich. Foto: DSD

12 6/2021 Titel Wiener: Das duale System mit der Produktverantwortung für Verpackungen aus Papier und Pappe sichert doch gerade den Verwertungskreislauf. Altpapier ist ein Rohstoff mit hoher Volatilität. Es ist noch nicht lange her, da wollte niemand Altpapier haben, die Erlöse fielen auf null. Genau das ist auch der Grund, warum die Produktverantwortung bleiben muss. Nur so ist gewährleistet, dass auch in Zeiten schwacher Rohstoffmärkte die Verwertung gesichert ist. Und in der Papiertonne ändern sich ja gerade die Verhältnisse: Während früher der größte Teil des Altpapiers aus Zeitungen und Zeitschriften bestand, nimmt der Verpackungsanteil immer mehr zu und wird bald überwiegen. Heute benutzen wir das kommunale Sammelsystem der Kommunen mit – es fragt sich doch, ob nicht vielmehr die dualen Systeme die Sammlung übernehmen sollten. Einem Effizienzvergleich hierbei würden wir uns nicht entziehen. EM: Mehrweg ist im Verpackungsbereich ein heikles Thema. Nun sind 2019 die Zahlen leicht angestiegen, aber in den Augen des Umweltministeriums noch himmelweit von den gewünschten 70 Prozent entfernt. Ein Dauerbrenner für die Dualen Systeme? Wiener: Das betrifft uns nicht, da sich Mehrweg außerhalb des dualen Systems abspielt. Womit wir allerdings umgehen müssen: Ab 2022 fallen große Mengen an PET-Flaschen aus dem dualen System, weil die Pfandpflicht für Einweggetränkeverpackungen erweitert wird. Gleichzeitig steigen die Recyclingziele für Kunststoff. Das wird zusätzliche Anstrengungen bedeuten. EM: DSD ist 1990 als Monopolist gestartet. Mittlerweile gibt es zahlreiche Wettbewerber. Welchen Einfluss auf den Markt hat das gehabt? Wiener: Der Markt der dualen Systeme ist von intensivem Wettbewerb geprägt. Es ist auch nicht abzusehen, dass sich das ändert. Bei entsprechenden Regeln, die auch wirkungsvoll vollzogen werden, funktioniert das duale System im Wettbewerb effizienter und leistet auch mehr als ein Monopolsystem. EM: Inwieweit bleibt die Systemvielfalt für die Kunden vorteilhaft? Wiener: Die Kunden profitieren über niedrige Preise, der intensive Wettbewerb gibt ihnen relativ viel Macht über die Anbieter. Michael Wiener: Es fragt sich, ob die Dualen Systeme nicht die Altpapiererfassung mit übernehmen sollten. Foto: DSD Die Abfallbehälter sind meist leicht, weil die Verpackung nicht viel Gewicht mitbringen. Foto: ©Imago / Rainer Unkel

13 6/2021 Titel Rückblick auf 1992: In den Anfängen des Dualen System wurden die Verpackten noch von Hand sortiert. Foto: ©Imago/Rainer Unkel EM: Wie ist die Situation von DSD innerhalb des Wettbewerbs gegenwärtig. Wiener: Wir haben in den vergangenen Jahren Marktanteile verloren, behaupten uns aber nach Marktanteilen auf Platz 2. Unter den unabhängigen Systembetreibern, die nicht zu einem Entsorgungs- oder Handelskonzern gehören, sind wir der mit Abstand größte Anbieter. Damit empfehlen wir uns vor allem für die großen Markenartikler, für die Konzern- und vor allem Handelsunabhängigkeit wichtig ist und die zunehmend erkennen, wie wichtig der Zugang zu Rohstoffen ist. Die Anforderungen in diesem Markt ändern sich grundlegend: Heute brauchen die Hersteller einen Partner, der ihnen hilft, die selbstgesetzten Ziele zu erreichen und gesetzliche Verpflichtungen zu erfüllen. Unsere Kunden brauchen kompetente Beratung bei der recyclingfähigen Gestaltung ihrer Verpackungen und sichere Lieferquellen für Rezyklate. Das können wir anbieten. EM: Der Grüne Punkt ist für den Verbraucher das Symbol für die Verpackungsentsorgung und Verwertung. Wann wird das System um andere verwertbare Stoffgruppen wie Elektrogeräte erweitert? Angedacht war das ja schon mehrmals? Wiener: Für die Erfassung von Elektroschrott gibt es ein etabliertes System, das wird auch so bleiben. EM: Eine Bilanz von 30 Jahren: Hat sich das Duale System bewährt? Wo ist es verbesserungsfähig? Wiener: Dass sich das duale System bewährt hat, sieht man schon daran, dass sich das Konzept der erweiterten Produzentenverantwortung, kurz EPR, das ihm zugrunde liegt, in vielen Ländern und für Heute werden Flakes automatisch sortiert. Die automatischen Anlagen schaffen mehrere 100.000 Standpunkte in der Sekunde. Foto: DSD viele andere Stoffströme durchgesetzt hat. Es funktioniert unabhängig von volatilen Rohstoffmärkten und lässt sich flexibel auf viele Marktbedingungen anpassen. Aus meiner Sicht ist es auch für die Hersteller von großem Vorteil, weil sie darüber die Möglichkeit bekommen, ihr Produkt ganzheitlich über den gesamten Lebenszyklus zu denken. Eben nicht „aus den Augen, aus dem Sinn“. Ich glaube, das bekommt jetzt eine entscheidende Bedeutung, wo es darum geht, sich von fossilen Rohstoffquellen zu lösen: Woher bekomme ich meine Rohstoffe? Wie kann ich mich nachhaltig versorgen? Wie erreiche ich meine eigenen Nachhaltigkeitsziele und erfülle kommende gesetzliche Verpflichtungen, Stichwort Rezyklateinsatzquoten? Ich nenne dass EPR 2.0. Dabei geht es nicht (mehr) um die Entsorgung eines Produktes, sondern um seinen Kreislauf. Dafür ist die erweiterte Produzentenverantwortung, deren Ausprägung das duale System ist, das richtige Werkzeug. Das Interview führte Bernd Waßmann

14 6/2021 Abfallwirtschaft Politik, Ökonomie und Wissenschaft müssen sich breit aufstellen Circular Economy: So läuft der Hase Der Übergang zu einer Circular Economy stellt einen fundamentalen, gesamtgesellschaftlichen Trans- formationsprozess dar, der nur durch die Beteiligung und Kooperation aller Akteurinnen und Akteure gelingen kann. 10 Punkte machen den Prozess aus. An der Circular Economy müssen alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligt werden. Dies fängt schon in Schule und Ausbildung an. Foto: Pixabay formationen im Markt verfügbar sind. Dazu sollte sie Datenschutz und -sicherheit gewährleisten und wirtschaftliche Akteure dazu aufrufen oder verpflichten, bestimmte Daten und Informationen (auf Grundlage von Standards) bereitzustellen. Akteure der Wirtschaft sollten einen kollaborativen Austausch relevanter Informationen und Daten fördern, zum Beispiel durch neue digitale Systeme (wie Distributed-Ledger-Technologien und Produktpässe). 4. Ordnungsrechtliche Instrumente: Die Politik sollte sowohl auf nationaler als auch auf Ebene der Europäischen Union eine kohärente Produktpolitik im Sinne der Circular Economy definieren, um den Werterhalt von Produkten zu ermöglichen. Die Circular Economy Initiative Deutschland definiert die folgenden Handlungsschwerpunkte für Entscheidungsverantwortliche aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. 1. Zirkuläre Geschäftsmodelle: Die Wirtschaft sollte aufbauend auf dem Erfolgsmodell Industrie 4.0 ein ressourcenproduktives, datengetriebenes zirkuläres Wirtschaftsmodell entwickeln. Ziel sollte insbesondere sein, entsprechend dem im European Green Deal anvisierten Narrativ datengetriebene nutzungs- und ergebnisorientierte Dienstleistungsgeschäftsmodelle entlang zirkulärer Strategien zu entwickeln und zu skalieren. 2. Standardisierung: Die Politik sollte wesentliche Zielsetzungen einer Circular Economy definieren, für die die Wirtschaft im Rahmen etablierter nationaler und internationaler Gremien entsprechende Standards und Normen erarbeitet. Dazu gehören unter anderem die Entwicklung von Standards, um den Zustand gebrauchter oder wiederaufbereiteter Produkte zu klassifizieren, Qualitätsstandards für wiederaufbereitete Produkte und Rezyklate und deren Bereitstellungsprozesse, Vorgaben zu Rezyklatanteilen sowie die Entwicklung und Anpassung betriebswirtschaftlicher Messgrößen. 3. Transparenz: Die Politik sollte Maßnahmen entwickeln, damit Circular-Economy-relevante In-

15 6/2021 Abfallwirtschaft 5. Ökonomische Anreize: Die Politik sollte sowohl auf nationaler als auch auf Ebene der Europäischen Union finanzielle Anreize umgestalten, um klima- und ressourcenoptimale Wirtschaftsentscheidungen zu fördern. Denn grundsätzlich kann ein gezielter Ausbau zirkulärer Geschäftsmodelle dazu beitragen, die Marktposition eines Unternehmens zu stärken. Neben direkter finanzieller Unterstützung (unter anderem für Pilotprojekte oder Forschung) oder der Förderung neuer Geschäftsmodelle (zum Beispiel Pfandsysteme und Reparaturangebote) bedarf es auch einer tiefergehenden Neuausrichtung der Steuerregularien. 6. Wieder- und Weiterverwendungs- sowie Recyclinginfrastruktur: Politik und Wirtschaft sollten den Ausbau und die Entwicklung der Wieder- und Weiterverwendungs- sowie Recyclinginfrastruktur vorantreiben. Denn nur so können die nötigen Netzwerke und Kapazitäten geschaffen werden, damit Produkte am Ende ihres ersten Lebenszyklus effektiv und effizient eingesammelt beziehungsweise gehandhabt werden. Mit einer geeigneten Infrastruktur können die Produkte außerdem im Sinne einer Circular Economy dahingehend bewertet werden, ob sie sich für die Weiter- oder gegebenenfalls Umnutzung eignen oder ein hochwertiges stoffliches Recycling möglich ist. 7. Technische Entwicklung und Forschung: Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sollten die Entwicklung von relevanten Material-, Produkt- und Prozessinnovationen technologieoffen fördern – dabei sollten ökologischer Benefit, digitale Technologien zur Erzeugung von Transparenz sowie Methoden und Tools für die Implementierung von Circular Economy im Vordergrund stehen. Zudem sollte die Politik zielgerichtete Wirtschafts- und Wissenschaftsförderung der Circular Economy betreiben. 8. Öffentliche Beschaffung: Die Politik sollte die Nachfrage für zirkuläre Produkte und Geschäftsmodelle erhöhen, indem sie strategische Ziele und Sollvorgaben für gebrauchte, wiederaufbereitete und wiederverwertete Produkte mittels einer wissenschaftsbasierten und praktikablen Entscheidungshilfe festlegt. 9. Institutionelle Verankerung: Die Politik sollte einen zentralen institutionellen Träger einrichten mit dem Ziel, die Circular-Economy-Transformation in Deutschland sicherzustellen. Der Träger sollte das Thema dieser Transformation in Deutschland über Legislaturperioden hinweg inhaltlich vertiefen, Innovationspotenziale herausarbeiten, neue Verknüpfungspunkte schaffen und Circular Economy somit breiter verankern sowie in einen europäischen Kontext stellen. 10. Bildung und Wissenstransfer: Politik, Wirtschaft und Wissenschaft müssen eine Circular-Economy-relevante Bildung und Ausbildung sicherstellen, um das öffentliche Bewusstsein für Circular Economy zu stärken und Kompetenzen aufzubauen. Dies kann zum Beispiel durch Integration in Lehrpläne, Einrichtung von Circular-Economy-bezogenen Studiengangvertiefungen, Studiengängen und Professuren, Schaffung von Lernfabriken, Verbundforschung und der Berücksichtigung in Ausbildungsberufen geschehen, ebenso wie durch die Förderung sozialer Innovationen wie Reparaturinitiativen, Offene Werkstätten, Prosumer-Initiativen und Consumer-Citizenship-Netzwerke. Dr. Susanne Kadner, Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, www.acatech.de Ein institutioneller Träger sollte die Circular-Economy-Transformation in Deutschland sicherstellen

16 6/2021 Abfallwirtschaft Innovationsstand Kunststoffrecycling: So sieht es das Europäische Patentamt Prioritäten verschieben sich EM: Das Europäische Patentamt (EPA) hat jüngst die Entwicklung der Technologien im Kunststoffrecycling ermittelt. Wie lässt sich das Ergebnis knapp zusammenfassen? Yann Ménière: Die Studie („Patente für die Kunststoffe der Zukunft“) zeigt zum einen, dass Europa und die USA die wichtigsten Innovationstreiber für die Kreislaufwirtschaft in der Kunststoffindustrie sind. Zusammen sind sie für 60% der weltweiten Patentaktivitäten im Zeitraum 2010-2019, gemessen an der Anzahl der internationalen Patentfamilien (IPF), verantwortlich. Eine weitere Erkenntnis ist, dass Europa besonders stark in der Grundlagenforschung ist, dafür aber sein Potenzial beim Transfer dieser Technologien in marktreife Erfindungen noch nicht voll ausschöpft. Innerhalb Europas kommen zwar die meisten Erfindungen im Kunststoffrecycling und den Biokunststoffe aus Deutschland. Frankreich, das Vereinigte Königreich, Italien, die Niederlande, Belgien und Spanien zeigen in diesen Bereichen eine höhere Spezialisierung. Bei den Recyclingtechnologien entfallen die meisten Erfindungen auf chemische und biologische Verfahren. EM: Bei einem weltweiten Verbrauch von rund 50 Mio. Tonnen Kunststoffen geht die Hälfte nach Gebrauch auf die Deponie. Wie weit ist die Gefährdung den Verursachern bewusst geworden? Yann Ménière: Anhand unserer Daten können wir erkennen, dass momentan die Kunststoffindustrie noch zu sehr von linearen Prozessen mit Fokus auf Leistungsfähigkeit und Haltbarkeit dominiert wird. Doch Innovationen bei alternativen Kunststoffen und Kreislaufkonzepten zeigen auch, dass sich die Prioritäten verschieben in Richtung Wiederverwendbarkeit, Recycelbarkeit und biologische Abbaubarkeit von Plastikerzeugnissen oder gar dem Ziel, Plastik gänzlich überflüssig zu machen. EM: Welches sind gegenwärtig die stärksten eingeschlagenen Techniken zur Problembewältigung? Kosmetik- und Waschmittelindustrie sind die Fortschrittstreiber bei der Entwicklung recyclingfreundlicher Kunststoffe, hat das Europäische Patentamt in eine Studie ermitteln können. Zusammen mit den USA ist Europa dabei in der Forschung führend, erläutert Yann Ménière, Chef-Ökonom des Europäischen Patentamts in München. Yann Ménière: Noch dominieren Strategien, die sich vor allem um die Beseitigung von Kunststoffabfällen drehen. Hier wären Sortierung, Trennung und Reinigung einzelner Kunststoffarten vor dem Recycling durch optische Erkennung, Robotik und künstliche Intelligenz (KI), wie auch chemische/biologische Recyclingverfahren zu nennen. Für Technologien, die schon bei der Herstellung von Kunststoffen deren Kreislauffähigkeit berücksichtigen, sehen wir zwar noch deutlich weniger Erfindungen, doch lässt sich hier für die vergangenen Jahre eine exponentielle Zunahme beobachten. EM: Sie bescheinigen den Vereinigten Staaten und Europa einen gewissen Vorsprung, was den Technologieschub betrifft… Yann Ménière: …Die USA und Europa sind im untersuchten Zeitraum mit Abstand die wichtigsten globalen Innovatoren in Bezug auf eine kreislauffähigere Kunststoff- industrie, mit einem Anteil von jeweils etwa 30%. Sie sind auch die einzigen großen Innovations- zentren mit einer hohen Spezialisierung in diesem Bereich. Die starke Position Europas dürfte auch auf strengere Vorschriften und einer größeren Sensibilität der Verbraucher in diesem Bereich zurückzuführen sein. Wir sehen auch einen starken Innovationsanstieg bei den leichter zu recycelnden Kunststoffen, einem Teilbereich der alternativen Kunststoffe, mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 10% seit 2010. An einer wirtschaftlich tragfähigen Wiederverwendung von CO2 wird gearbeitet.

17 6/2021 Abfallwirtschaft EM: In welchen Feldern liegen die jeweiligen Stärken? Yann Ménière: Bei Biokunststoffen ist das Gesundheitswesen der Sektor mit der höchsten absoluten Zahl an internationalen Patentfamilien (mit mehr als 19 000 IPF im Zeitraum 2010-19, mehr als dreimal so viel wie der nächstgrößte Sektor (Verpackung mit 6 407). Hier spielt deren Biokompatibilität eine wichtige Rolle. Die Kosmetik- und Waschmittelindustrie sind in diesem Bereich relativ gesehen am innovativsten. Diese Branchen entwickeln einen höheren Anteil an Erfindungen in Biokunststoffen im Vergleich zu herkömmlichen Kunststoffen (1:3) als andere Branchen (1:5 für das Gesundheitswesen). Auch die Verpackungs-, Elektronik- und Textilindustrie leisten einen wichtigen Beitrag zur Innovation bei Biokunststoffen. EM: Lässt sich aus dem technologischen Vorsprung auch ermitteln, auf welchen Feldern es noch hakt? Yann Ménière: Im Vergleich zur Gesamtzahl an Erfindungen (IPF) ist der Durchdringungsgrad von Biokunststoffen bei Verpackung und Elektronik noch relativ gering . Allerdings sehen wir, dass im Verpackungsbereich auch andere Strategien für eine Kreislaufwirtschaft eine wichtige Rolle spielen, insbesondere der Trend hin zu „Zero Waste“, der verbesserten Recyclingfähigkeit und der Wiederverwendbarkeit/Nachfüllbarkeit von Verpackungen. EM: Gleichzeitig betont aber EPA-Präsident António Campinos, dass mehr „für die Kommerzialisierung der Grundlagenforschung getan werden“ müsse. Wo klemmt es? Yann Ménière: Es erfordert viel Energie, Risiko und Zeit, um Innovationen auf den Markt zu bringen. Patente alleine führen nicht direkt zur Umsetzung der Innovationen im Markt. Die Herausforderung besteht darin, eine Technologie an Unternehmen weiterzugeben. Dies setzt mitunter beträchtliche Investitionen voraus, für die auch Subventionen erforderlich sein können, sowie privates Kapital und einen angemessenen Rechtsrahmen. Innovationen auf diesem Gebiet sind in ihrer Entwicklung zunächst teurer und können daher ein Wettbewerbsproblem mit den umweltschädlicheren Standardtechnologien haben. Ohne eine langfristige öffentliche Politik gibt es wenig Anreiz, diese Technologien auf den Markt zu bringen, wo Regulierungsbedarf besteht. EM: Sie betonen die fortschrittlichen Entwicklungen im Sektor chemische und biologische Verfahren. Was passiert hier? Yann Ménière: Zwar ist mechanisches Recycling die derzeit einfachste und am weitesten verbreitete Lösung für die Umwandlung von Plastikabfällen in neue Erzeugnisse. Dafür gab es 4.500 IPF im Zeitraum 2010-19. Spitzenreiter sind jedoch chemische und biologische Recyclingverfahren mit mehr als 9.000 IPF im selben Zeitraum. In der Vergangenheit gab es in diesem Zusammenhang viele Anmeldungen auf Pyrolyse- und Crackingpatente. deren Zahl ist in den letzten Jahren jedoch zurückgegangen, was darauf hindeutet, dass dieser Ansatz an Bedeutung verliert. Seit Neuestem bieten Kunststoff-zu-Monomer-Recyclingverfahren die Möglichkeit einer weiteren Aufspaltung der Polymere in ihre ursprünglichen Bausteine und damit in praktisch neuwertige Rohmaterialien, für eine größere Anzahl an Zyklen. Auch die noch jungen biologischen Kunststoff-zu-Kompost-Recyclingverfahren schlagen bislang nur mit einer relativ geringen Zahl von IPF zu Buche. Diese vielversprechende Technologie nutzt lebende Organismen, um Polymere zu Kompost abzubauen. EM: Einen interessanten Blick in die Zukunft verspricht die alternative Kunststofftechnologie, die auch auf CO2 zurückgreift. Südkorea und Deutschland gelten in der kleinen Gruppe der antreibenden Unternehmen als führend. Verbinden sich hiermit große Hoffnungen? Yann Ménière: In der Tat gibt es hoffnungsvolle Entwicklungen wie das Beispiel von Christoph Gürtler, Walter Leitner und ihrem Team der deutschen Firma Covestro zeigt, die wir auch im Bericht erwähnen. Sie arbeiten an einer wirtschaftlich tragfähigen Wiederverwendung von CO2, bei einer gleichzeitigen Senkung der Menge an fossilen Rohstoffen wie Rohöl bei der Herstellung von Alltagsprodukten. Wie immer müssen sich diese Forschungsdurchbrüche noch auf dem Markt bewähren. Sie wurden in diesem Jahre für den Europäischen Erfinderpreis nominiert - für ihre Entwicklung eines marktfähigen Verfahrens zur Nutzung von CO2 bei der Kunststoffherstellung. www.epo.og Interview: Bernd Waßmann EPA-Chef-Ökonom Yann Ménière: Kunststoff-zu-Monomer-Recycling bietet die Möglichkeit mehrfacher Zyklen. Foto: EPA

18 6/2021 Abfallwirtschaft Textilrecycling ist ein anspruchsvoller Stoff In der Zerreiß „Wenn es alle wollen, dreht sich der Markt“, versprechen Fachleute des Recyclings von Textilien. Die EU-Kommission arbeitet derweil an einer Strategie für Nachhaltigkeit im Textil- bereich. Denn der gilt als eine der umweltschädlichsten Industrien überhaupt. Ein Aspekt der EU-Strategie betrifft die Kreislaufwirtschaft. Zeit, sich von der linearen hin zur zirkulären Textilwirtschaft zu orientieren. Innovative Ideen und Produkte gibt es schon. hin synthetische Werkstoffe benutzen dürfen“, sagt Fox. Handeln ist dringend nötig, das zeigen Zahlen der EU-Kommission. Seit 1996 ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Bekleidung um 40 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sank die Nutzungsdauer deutlich. EUweit werden jedes Jahr fast 26 Kilogramm Textilen pro Einwohner gekauft und elf Kilogramm entsorgt, der größte Anteil davon verbrannt oder deponiert. Das will nicht nur Fox ändern, die gesamte Branche ringt um Lösungen. Es gibt bereits viele Initiativen und Netzwerke. Innerhalb des Textilbündnisses hat sich beispielsweise die Expertengruppe „Kreislaufwirtschaft“ geformt. Ende 2020 wurden Vorgehensweisen zur Bedarfsanalyse und das Clustern der Themen angegangen. „Um das Thema Recyclingtechnologien und Design to Recycle miteinander zu verknüpfen, wurde das Projekt ‚Produktklone‘ auf den Weg gebracht. Hierbei hatten alle Unternehmen der Expertengruppe die Möglichkeit, nicht recyclingfähige Der Stoff aus dem die Kleiderträume werden: Zellstoff als Grundstoff für die Textilherstellung. Foto: Renewcell Dr. Rüdiger Fox, CEO Sympatex Technologies, ist rigoroser Vertreter der Kreislaufwirtschaft. Für sein nachhaltigkeitszentriertes Management hat er schon mehrere Preise gewonnen. „Kreislaufwirtschaft ist die moralische Voraussetzung dafür, dass wir weiterprobe

19 6/2021 Abfallwirtschaft Produkte einzureichen“, sagt Nicole Hühn, CSR Teamlead bei Sympatex. „Mit der Hochschule Niederrhein/Wuppertal Institut wurde ein Partner gefunden, der die nicht recyclingfähigen Produkte untersucht. Die Ergebnisse werden gespiegelt und genutzt, um Alternativen zu entwickeln.“ Das Recycling optimieren Mit dem optimierten Recycling von textilen Produktionsabfällen befasst sich beispielsweise auch das Netzwerk Re4Tex. Hier haben sich nicht nur Forschungsinstitute und Textil-, sondern auch Umwelt- und Recyclingunternehmen zusammengetan. Ziel ist, die Recyclingquote in der Textilwirtschaft spürbar zu erhöhen. Einer der Partner ist das Sächsische Textilforschungsinstitut (Stfi) in Chemnitz. Es errichtet gerade einen neuen Gebäudekomplex als Zentrum für Nachhaltigkeit. Schwerpunkte werden faserbasiertes mechanisches Recycling von textilen Flächen und Garnen sowie Forschungsarbeiten zu deren Wiederverwendbarkeit sein. Was im Sport schon gelingt - Sympatex beispielsweise bietet eine Outdoorjacke mit Zipper und Knöpfen aus 100% aufgearbeiteten PET-Flaschen – gestaltet sich für Arbeitsbekleidung durchaus kompliziert. Denn Strapazierfähigkeit und Farbechtheit aber auch Tragekomfort sind essenzielle Anforderungen, damit Kleidung schützt und lange und gerne getragen wird. Dafür befinden sich heute in der Regel Mischgewebe im Einsatz. „Aber“, so Fox, „man darf nichts mischen, denn dann produziert man schon wieder Sondermüll.“ Die Hoffnung ist, dass der Markt bei steigender Nachfrage schneller reagiert. „Wenn ich heute sage, dass ich Recycling will, antworten die meisten, das will sonst keiner. In dem Moment, wo es alle wollen, wird sich der Markt wahrscheinlich schnell drehen“, glaubt Fox. Er hält zirkulär für das neue Normal. „So ist es auch in der Natur“, unterstreicht er. Auch der Workwear-Spezialist Fristads sieht den Klimawandel und die Umweltzerstörung als eine Herausforderung, zu deren Reduktion die Textilindustrie ihren Beitrag leisten muss. Das schwedische Unternehmen setzt sich dafür ein, den ökologischen Fußabdruck von der Entwicklung seiner Produkte bis zum Lebensende zu verringern. Anhand der Umweltproduktdeklaration (EPD, siehe Kasten S. 20) messen die Schweden die Umweltauswirkungen ihrer Kleidungsstücke. Kontinuierlich werden Materialien durch nachhaltigere Alternativen ersetzt und das Portfolio jedes Jahr um eine neue Green-Kollektion erweitert. Digital Sales Manager DACH bei Fristads, Marcus Gotthardt beobachtet, dass „der Nachhaltigkeits- und Kreislaufgedanke bei den Einkaufsentscheidungen großer Unternehmen und bei öffentlichen Ausschreibungen mittlerweile eine wesentliche Rolle spielt.“ Für abgenutzte Kleidung hat Fristads mehrere Projekte gestartet. In den Niederlanden zum Beispiel haben die Schweden mit dem Verkehrsunternehmen Arriva und dem Flughafen Schiphol ein Wiederverwertungsprogramm etabliert. Alte Kleidungsstücke werden so repariert und überholt, dass sie als „Second-Life-Bestand“ verwendbar sind. Unbrauchbare Teile werden gesammelt, zerkleinert und zu Kniepolstern oder für die Fahrzeuginnenausstattung verarbeitet. Die Kreisläufe fördern Fachleute aus der Forschung oder wie Gerhard Becker, Geschäftsführer des Netzwerks Maxtex, sehen vielversprechende Ansätze in der Branche. Durch die Textilforschung von 16 deutschen Textilforschungsinstituten, unterstützt durch das ForschungskuraAltkleider: Die wenigsten finden den Weg ins Recycling. Foto: Renewcell

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