wwt 1-2/2022

8 www.umweltwirtschaft.com Wasserszene Im Gespräch mit Prof. Dr.-Ing. Jörg E. Drewes Wasserwiederverwendung für die landwirtschaftliche Bewässerung Sehr trockene Sommer, geringere Niederschlagsmengen, sinkende Grundwasserstände und ein zunehmender Wasserbedarf erfordern ein Umdenken im Umgang mit den Ressourcen. Demografische Entwicklungen, wachsende Ballungszentren, der Bedarf an mehr Produkten aus regionaler Landwirtschaft und neue Industrien führen perspektivisch zu höherem Wasserbedarf, und das unter dem Druck des Klimawandels. Seit fünf Jahren wird deshalb bundesweit an zukunftsfähigen Technologien und Konzepten zur Wasserwiederverwendung geforscht. Mit der EU-Verordnung 2020/741 gelten nun neue Mindeststandards für die Wiederverwendung von in Kläranlagen gereinigtem Abwasser. wwt befragte Professor Jörg E. Drewes zur EU-Verordnung, damit verbundenen Chancen und erforderlichen Schritten. wwt: Herr Professor Drewes, was sind die Kernaspekte der EU-Verordnung, die bis Juni 2023 in allen EU-Staaten umgesetzt werden muss? Drewes: Einige Mitgliedsstatten der EU hatten bereits vor 2020 nationale Anforderungen für eine Wasserwiederverwendung erlassen. Mit dieser Verordnung beabsichtigt die EU erstmalig eine europaweite Harmonisierung von Mindestanforderungen für eine Wasserwiederverwendung in Form einer Verordnung, die für alle Mitgliedsstaaten bindend ist. Die Verordnung regelt damit zum ersten Mal einheitliche Mindeststandards für eine Wasserwiederverwendung für die landwirtschaftliche Bewässerung. Diese Standards umfassen weitergehende Aufbereitungsschritte wie Desinfektion und Filtration sowie Wasserqualitätsparameter, die einzuhalten sind. Sehr bedeutend ist aber auch die Vorgabe, dass jedem Projekt ein Risikomanagementplan zugrunde zu legen ist, der die konkrete Realisierung, weitergehende Anforderungen an Auslegung, Betrieb und Anwendung beschreibt und alle Akteure umfasst, wie die Betreiber der weitergehenden Aufbereitung, den Transport und Speicherung sowie die finalen Anwender. wwt: Wie ist die Verordnung inhaltlich zu bewerten? Welche Chancen bietet sie, was sind Knackpunkte? Drewes: Die Verordnung ist als ein Kompromiss unter 27 Mitgliedsstaaten zu verstehen, daher die Verständigung auf minimale Anforderungen für bisher nur eine Form der Wasserwiederverwendung, der landwirtschaftlichen Bewässerung. In Zukunft mag das auf andere Formen der Wiederverwendung wie urbane Anwendungen, Kühlwasser oder Grundwasseranreicherungen erweitert werden. Weiterhin wurde ein einheitliches Vorgehen für ein Risikomanagement festgelegt, dass sich an international üblichen Standards orientiert. Damit gibt es erstmalig eine einheitliche Grundlage in Europa für die Realisierung von Wasserwiederverwendungsprojekten. Nicht alle Mitgliedsstaaten haben die Entwicklung und Verabschiedung dieser Verordnung einhellig unterstützt. Es gab Bedenken bezüglich der generellen Notwendigkeit einer Wasserwiederverwendung in einigen Regionen Europas, der zum Teil fehlende Detaillierungsgrad für die praktische Umsetzung wurde kritisiert und einige Anforderungen für den Schutz von Mensch und Umwelt erschienen nicht weitgehend genug, um nur einige Felder zu benennen. Allerdings steht es den Mitgliedsstaaten bei der Übernahme in nationales Recht frei, weitergehende Anforderungen festzulegen, wovon etliche Länder wie auch Deutschland sicher Gebrauch machen werden. wwt: In Südeuropa ist die Wasserwiederverwendung in der Landwirtschaft schon länger ein Thema, bei uns eher nicht. Hat sich die Relevanz, auch vor dem Hintergrund des Klimawandels, für uns verändert und wurde der Thematik bislang ausreichend Aufmerksamkeit gewidmet? Drewes: Die Wahrnehmung in Deutschland bezüglich einer Wasserwiederverwendung hat sich in den letzten sechs Jahren spürbar geändert. Das ist ganz sicher den Auswirkungen des Klimawandels geschuldet. Erinnern wir uns nur an die extrem trockenen Sommer 2018, 2019 und 2020. Die Prognosen legen nahe, dass solche extremen und langanhaltenden Trockenphasen in Zukunft häufiger auftreten werden. Das ist für etliche Regionen in Deutschland schon heute eine große Herausforderung. Daher kann eine trockenheitsresistente Ressource wie die Wasserwiederverwendung eine wichtige Rolle in der Erweiterung von lokalen Wasserversorgungsportfolios sein, insbesondere für solche Anwendungen, wo es nicht zwingend Trinkwasserqualität bedarf. Aber auch unabhängig vom Klimawandel rechnet sich eine Wasserwiederverwendung auch ökonoBild 1 Prof. Dr.-Ing. Jörg E- Drewes ist Inhaber des Lehrstuhls für Siedlungswasserwirtschaft an der TU München. Quelle: TUM

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