Entsorga 1/2022

1 März 2022 Abfall und Klimaschutz: Kreislaufwirtschaft birgt viel Potenzial Das Fachmagaz i n für Kre i s l aufwi r tschaf t Bald ist Ifat: Ein erster Blick in die Hallen Klimaziele in Deutschland verwirklichen: Noch in der Spur? Oldenburg: Wenn der Himmel die Schleusen öffnet… Waßmann/Struhalla-Kautz

3 1/2022 Editorial Deutschland kniet im Scherbenhaufen seiner Energiepolitik und versucht zu sortieren, kitten und beschaffen, was möglich ist. Wir müssen neben einer politischen auch eine energetische Zeitenwende realisieren, denn jetzt entscheidet sich, wie wir durch den nächsten Winter kommen: Ob die Bürger frieren und die Schmiedehämmer schweigen. 25 Prozent des Energieverbrauchs deckte das Land bislang aus russischen Quellen. Eines ist aber mit dem (wievielten?) Putinschen Krieg jedem klar geworden: Von diesem Werten müssen wir runter, eher sofort als schnell oder gar bedächtig. Schlüsselenergie ist das Gas. Gut die Hälfte unserer Haushalte hängt an der Gasleitung, die wiederum zu mehr als 50 Prozent von russischen Quellen gespeist wird. Die Industrie nahm im Jahr 2020 rund 230 TwH Gas ab, was etwa einem Drittel des Verbrauchs entspricht. In den Fabrikhallen wird es vermeintlich dunkel, wenn die Gasleitung nach Russland zugedreht wird – von welcher Seite auch immer. Es müssen also neue Quellen oder andere Brennstoffe her. Frackinggas aus den USA beispielsweise, oder LNG aus Katar oder den VAE. Kurzurteil: Das bedeutet, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Dann gibt’s die Kohle. Die reicht weiter als wir denken können. Aber aus dieser Quelle wollen wir bis spätestens 2035 aussteigen, denn knapp ein Drittel der globalen CO2-Emissionen stammen aus der Verbrennung von Braun- und Steinkohle – bei stark steigendender Tendenz (+ 6 Prozent auf 36,3 Mrd. t), obwohl der deutsche Anteil an der globalen Verbrennung mit nicht einmal 2 Exajoule weltweit ziemlich unbedeutend ist. Zum Vergleich China: Hier liegt die Produktion bei mehr als 82 Exajoule, wachsend. Allein in einem Jahr legt China bei der Kohleverfeuerung rund 40 Gigawatt zu und verspricht ein Ende der Wachstumsphase erst ab 2030. Selbst im Pandemiejahr 2021 wuchs die Stromerzeugung aus Kohle um 9 Prozent – alles vor dem Hintergrund des Pariser Klimaabkommens. Kommt dazu, dass die afrikanischen Länder einen Nachholbedarf bei der Energie reklamieren. Wohlfeil ist bei uns der schnelle Ruf nach erneuerbaren Energien und deren zügigem Ausbau. Gut, wenn schon nicht der Gashahn, dann wird eben der Geldhahn aufgedreht: Christian Lindner schickt bis 2026 rund 200 Mrd. Euro durch die Leitungen im Vertrauen auf die Erneuerbaren. Wundersam in einem Land, das seine einst blühende Solarindustrie an den Rand des Bankrotts getrieben hat, und nicht zu vergessen: Im letzten Jahr ist die Solarstromerzeugung um etwa 7 Prozent witterungsbedingt zurückgegangen. Bei der Windenergie sträubt sich jeder Weiler, wenn ihm die Windradflügel zu nahekommen. Das ist ein Problem in einem dichtbesiedelten Land. Aber der Ausbau muss eher rasant als zügig erfolgen. Neues Leben scheint weltweit in die Atomkraft zu kommen. Nebst Frankreich und Japan vorneweg bauen etliche Länder stärker auf die Kernenergie. Sie berufen sich auf neuere Techniken und kleinere Reaktoren. Das stößt bei den deutschen Stromkonzernen auf wenig Gegenliebe. Die Meiler seien bereits in der Abklingphase und an eine Reaktivierung wird nicht gedacht, schon weil es dann an Brennstäben fehlt. Auch der Bevölkerung ist die Nuklearenergie kaum noch zu vermitteln. Sie fragen nach weiteren Lösungen? Sparen ist die preiswerteste aller Energiequellen, auch wenn es erst einmal Geld kostet. Und Investition in die Direct-Air-Capture-Technik. Die ist mächtig teuer. Aber: Die Kohlevorkommen reichen noch 2.000 Jahre. Und teuer ist in diesen Zeiten relativ. Was wärmt uns in den nächsten Wintern? privat Bernd Waßmann Redaktionelle Leitung

4 1/2022 Voll am Ziel vorbei Die Welt weiß bestens Bescheid über die Klimakrise, die sich bereits jetzt deutlich spüren lässt. Dennoch überwiegen in der Diskussion die nationalen Interessen. Eine globale gemeinsame Kraftanstrengung lässt sich nicht absehen. Der Ukraine-Krieg trägt zur Lösungsverschleppung bei. Ein Interview mit Prof. Franz Josef Radermacher, Mitglied im Club of Rome. Foto: © IMAGO / Future Image Editorial 3 Was wärmt uns in den nächsten Wintern? Gas, Strom, Kohle oder Atom: Wir haben nicht die Wahl, mit welchen Stoffen die Energie erzeugt wird. Nur Sonne und Wind sind gesetzt. Titel 10 Voll am Ziel vorbei Prof. Franz Josef Radermacher zeigt wenig Begeisterung über die Umweltpolitik. Vor allem die nationalen Ziele und Egoismen sind ihm ein Dorn im Auge. Abfallwirtschaft 15 Verträge müssen auf Papier Agora Industrie macht deutlich, worauf es bei den Carbon Contracts for Difference (CCoF) am meisten ankommt: die notwendigen finanziellen Mittel. 18 Im Müll steckt enormes Potenzial Eine ehrgeizige Projektion legt dar: Mit wirkungsvollem Recycling lassen sich mehr als 280 Mio. Tonnen CO2 einsparen. Dazu muss allerdings auch die Deponierung heruntergefahren werden. 22 Ketten für den Kreislauf ‚Delivering on Circularity‘ nennt sich ein White Paper von DHL und entlarvt Mode und Unterhaltungselektronik als Problembranchen, bei denen die Lebensdauerverlängerung zur Nachhaltigkeit deutlich beiträgt. Derweil schließt Primark erste Filialen. 24 Recyclat statt Fegefeuer Mit der Stillegung von Kohlekraftwerken müssen sich auch Ersatzbrennstoffe neue Wege suchen. Die energiehungrige Zementbranche bietet sich als Abnehmer an. Allerdings wäre Recycling der bessere Weg. 28 Feucht, knittrig und ständig auf der Flucht Folien und Flexible Verpackungen sind in der Sortieranlage eine Herausforderung. Mit dafür geeigneten Anlagen lassen sich die Probleme aber bewältigen. 40 Zurück in Neues Alteisen ist nicht unbedingt solches: Der Metallgehalt dort ist höher als in den meisten Erzen. Eine qualitativ hochwertige Recyclingkette wird empfohlen. Inhalt 10

5 1/2022 Messe 30 Endlich wieder Ifat 32 Wichtiger denn je Nach zwei Jahren Corona-Pandemie und vier Jahre nach der letzten Ifat, warten die Messemacher in München, sagt der Projektleiter Philipp Eisenmann. 34 Die ersten Aussteller der Ifat offen- baren, was sie uns auf der Münchener Show ab dem 30. Mai zeigen werden. Abwasser 43 Wenn der Himmel die Schleusen öfnet… Zum Wassermanagement in Oldenburg zählt auch das Verkehrsmanagement, denn wasserverspritzende Fahrzeuge erhöhen die Schäden. 47 Natürlich gut vererdet Es braucht Geduld, aber es funktioniert. Die Klär- schlammvererdung ist ein umweltfreundlicher Weg der Behandlung. 50 Booster für die Biogasproduktion Kokosnüsse sind eine Quelle: Aus der Biomasse der Abfallberge lässt sich ebenfalls Ziegensäure – oder Caprinsäure – gewinnen und zu einem guten Preis vermarkten. Rubriken 03 Editorial 06 Nachrichten 07 Zur Person 58 Industrie 64 Wirtschaft 66 Impressum Inhalt Endlich wieder Ifat Ab dem 30.Mai werden wieder die Hallen gestürmt. Nach vier Jahren Ausstellungspause sehnen sich Anbieter und Käufer nach einem echten Handshake und Live-Demonstrationen. Foto: Messe München 30 Personalmanagement 54 Covid ist der Game Changer Corona hat die Arbeitswelt gehörig durcheinander gewürfelt. Da fordert die Abfall- und Recyclingbranche heraus. Industrie 58 Da kann kommen, was mag Die Trennung von Hausmüllabfällen funktioniert in vielen Fällen nicht optimal. Deswegen wird die Mischmüll- Sortierung in Erwägung gezogen. Tomra hat in Schweden demonstriert, dass es funktioniert. Zu guter Letzt 66 Krähen greifen gern bei Kippen zu In Schweden sammeln die Rabenvögel Kippenstummel – gegen Belohnung versteht sich. Wenn der Himmel die Schleusen öffnet… Starkregenereignisse häufen sich auch in Deutschland – und schnell sind die Kanalnetze überfordert. Autofahrer tragen zusätzlich zur Flut bei. Gut wenn dann ein Verkehrsmanagement das Schlimmste verhindern hilft. Foto: © IMAGO / Gottfried Czepluch 43

6 1/2022 Nachrichten Chemisches Recycling 20 Anlagen laufen, 90 Projekte in Planung Ende 2021 befanden sich weltweit mehr als 90 Projekte für das chemische Recycling von Kunststoffen in unterschiedlichen Planungsstadien; mehr als 20 Anlagen waren in Betrieb. Dies ist das Ergebnis einer Trendstudie von ecoprog. Derzeit existieren wenige Themen in der Abfallwirtschaft, die so stark polarisieren wie chemisches Recycling. Für Befürworter bietet chemisches Recycling die Möglichkeit, Plastik zukünftig vollwertig und ohne Downcycling wiederzuverwerten. Zudem sollen auch verunreinigte und gemischte Abfallströme, die derzeit stofflich nicht verwertet werden können, durch chemisches Recycling recycelt werden können. Kritiker bemängeln vor allem die hohen CO2-Emissionen beim chemischen Recycling. Sie befürchten, dass Abfallströme einer klimagünstigeren werkstofflichen Verwertung entzogen werden, um sie auf diese Weise zu behandeln. Vor diesem Hintergrund hat ecoprog den globalen Markt für das chemische Recycling im Detail untersucht. Derzeit sind weltweit rund 20 Anlagen zum chemischen Recycling in Betrieb. Die meisten dieser Anlagen können nicht als finale kommerzielle Anlagen gewertet werden, sondern dienen vor allem der weiteren Erforschung dieser Technologie. Gleichzeitig boomt die Planung von Anlagen zum chemischen Recycling. Weltweit wurden Ende 2021 mehr als 90 Projekte geplant, ein überwiegender Teil davon in Europa. Wichtigster Treiber der aktuell so dynamischen Marktentwicklung ist das Potenzial des chemischen Recyclings in der Kunststoffherstellung, verbunden mit möglichen Rezyklatquoten. In positiver Hinsicht wird vor allem auf eine Anerkennung des chemischen Recyclings in der Abfallhierarchie spekuliert, wie dieses etwa im Koalitionsvertrag der neuen Ampelregierung in Deutschland der Fall ist. Gegen das chemische Recycling sprechen der hohe Energieverbrauch sowie die noch ungelösten technischen Fragen. Dieses gilt insbesondere für die Reinigung des Outputs aus der Depolymerisation, etwa des Pyrolyseöls, von Verschmutzungen und Additiven. Auch die Diskussion um die politische Einordnung des chemischen Recyclings bedroht dessen Durchsetzung. Dennoch ist das chemische Recycling eine mögliche Schlüsseltechnologie in der zukünftigen Produktion von Kunststoffen, auf die in den kommenden Jahren große Marktanteile entfallen können. Sie betrifft somit vor allem das Geschäftsmodell der chemischen Industrie sowie der Mineralölindustrie, die Kunststoffe produzieren beziehungsweise den aus Erdöl gewonnenen Grundstoff dafür bereitstellen. Entsprechend stammen aus diesen Branchen auch jene Unternehmen, die sich derzeit besonders stark im chemischen Recycling engagieren. Hinzu kommen vor allem Abfallunternehmen, die entsprechende Materialströme zur Verfügung stellen, sowie Startups, deren Gründungsidee sich auf die technische Erprobung des Verfahrens bezieht. Die „Trendstudie Chemisches Recycling“ von ecoprog untersucht die technischen Grundlagen, Marktfaktoren, Entwicklungstand, Anlagenbestand, Projekte und Wettbewerb im Bereich des chemischen Recyclings weltweit. www.ecoprog.de … heißt die aktuelle ENTSORGA-Webseite mit den täglichen Branchennachrichten

7 1/2022 Vom Alba-Schreibtisch ging es direkt auf den BSR-Stuhl Susanne Jagenburg übernahm zum 1. April 2022 die Leitung der Abteilung Kommunikation & Marketing der Berliner Stadtreinigung (BSR). Sie tritt damit die Nachfolge der langjährigen BSR-Kommunikationschefin Sabine Thümler an, die kurz vor Weihnachten unerwartet verstorben war und Ende des ersten Quartals 2022 in den Ruhestand gehen wollte. Jagenburg kommt vom Recycling- und Umweltdienstleister Alba, wo sie als Head of Media Relations / Pressesprecherin tätig war. Dr. Alexander Kronimus leitet seit Marz den Geschaftsbereich Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft beim Kunststofferzeuger-Verband Plastics Europe Deutschland. Der promovierte Geologe mit Schwerpunkt in Umweltwissenschaften übernahm diese Funktion von Dr. Ingo Sartorius, der den Verband Ende 2021 in Richtung des Branchen-Think Tanks BKV verlassen hat. Der 46-jahrige Kronimus verfugt uber langjahrige Erfahrung im Verband der Chemischen Industrie (VCI) als Referent fur Energiewirtschaft. Mit der neuen Personalie geht auch die Umbenennung des Geschaftsbereichs einher, der bislang unter dem Namen Mensch und Umwelt firmierte. Eckhard Zinke gingt als langjähriger Leiter des Zeppelin Vertriebs- und Servicezentrums Sachsen und Thüringen in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird Jörg Kästner. Dessen bisherige Position als Leiter der Zeppelin Niederlassungen Hamburg und Rendsburg übernimmt Lars Käselau. Jürgen Vormann, seit 2004 Vorsitzender der Geschäftsführung der Infraserv Verwaltungs GmbH und der Infraserv GmbH & Co. Höchst KG, wird das Unternehmen zum Jahresende verlassen. Der 59-Jährige hat seinen Vertrag im vergangenen Jahr auf eigenen Wunsch nur bis Ende 2022 verlängert. Hans-Georg Härter, der frühere Vorstandsvorsitzende der ZF Friedrichshafen AG, und der ehemalige McKinsey-Partner Philipp Härle sollen das Wasserstoff-Start-Up Green Hydrogen Technology im neu gegründeten Beirat bei der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft begleiten. Marcus Reuter, bisher alleiniger Geschäftsführer bei Hauraton, hat die vier Mitglieder der Geschäftsleitung Dieter Bastian, Christoph Ochs, Michael Schenk und Patrick Wieland als Geschäftsführer bestellt. Die Quantron AG besetzt die Position des Chief Financial Officer (CFO) mit Ulrich Hörnke auf Vorstandsebene. Neben den klassischen CFO Aufgabenfeldern im Bereich des Accounting, Controlling, interner und externer Berichterstattung und Risk Management wird sich Hörnke auch mit Umsetzung der Strategie von Quantron sowie mit der strategischen bzw. internationalen Weiterentwicklung beschäftigen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sicherstellung der notwendigen Liquidität. Dr. Carola Hesse leitet seit dem 1. Februar 2022 die Abteilung Corporate Marketing und Communications im Zentralbereich Corporate Strategy & Innovation der Messe München GmbH. Sie ist damit verantwortlich für das Markenbild der Messe München und sämtliche Maßnahmen der internen und externen Unternehmenskommunikation. Susanne Jagenburg Foto: BSR Dr. Alexander Kronimus Foto: Plastic s Europe Die Geschäftsführung von Hauraton Foto: Hauraton Zur Person

8 1/2022 Nachrichten RecylingAktiv Outdoor live Rund 185 Hersteller und Händler präsentieren auf dem 90.000 Quadratmeter großen Freigelände des Karlsruher Messegeländes neueste Anlagen für alle Stufen der Behandlung, Verwertung und Wiederaufbereitung von werthaltigen Stoffen wie Bauschutt, Schrott und Metall sowie Altholz. Damit setzt zum dritten Mal in Folge die RecyclingAktiv & TiefbauLive auf kundennahe Live-Demo für Maschinentechnik sowie für die Bau- und Umweltbranche. Vom 05. bis 07. Mai bietet sie eine diese Themenkombination komprimiert an einem Ort. Ebenso zeigt sie das gesamte Spektrum an Maschinen des Foto: RecyclingAktiv Tiefbaus, insbesondere des Kanal-, Straßen- und Wege- sowie Kompaktbaus. Neben fünf Demoformaten runden thematische Besucherrundgänge das Messeangebot ab. „Unser Messekonzept hat den Anspruch, immer am Puls der Zeit zu sein. Wir möchten unseren Besuchenden Lösungen aufzeigen und Impulse an die Hand geben für die Herausforderung einer zunehmend digitalisierten, automatisierten und vernetzten Baustelle. So wird im Rahmen der Besucherrundgänge den Themen Digitalisierung und Telematik eine besondere Bedeutung zukommen und es werden gezielt Anbieter angesteuert, die praxisnahe Lösungen aufzeigen“, erklärt Projektleiterin Olivia Hogenmüller. Karten gibt‘s unter: https://www.tiefbaulive.com/de/ tickets/ www.tiefbaulive.com Klimaschutz Beim Kraftakt hilft der Staat Mithilfe von Klimaschutzverträgen können die Emissionen der CO2-intensiven Stahl-, Chemie- und Zementindustrie noch in dieser Dekade nachhaltig um mehr als zwanzig Millionen Tonnen CO2 jährlich sinken, zeigt eine neue Studie von Agora Industrie. Dies entspricht etwa einem Drittel der laut Klimaschutzgesetz erforderlichen Minderungen in der Industrie von 68 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr bis 2030. Die sogenannten Carbon Contracts for Difference, die die Mehrkosten einer klimafreundlichen Produktion staatlich absichern, sind somit eine wichtige Voraussetzung für den frühzeitigen Aufbau einer klimaneutralen Industrie in Deutschland und den Erhalt der rund 280.000 Arbeitsplätze in Stahl-, Chemie- und Zementfabriken. Durch diese Klimaschutzverträge garantiert der Staat die Refinanzierung von Investitionen in klimafreundliche Industrieanlagen, die Unternehmen noch nicht allein über den Markt erzielen können. Über diese Absicherung der klimafreundlichen Produktion kann ein Angebot an grünen Grundstoffen für nachhaltige Produkte geschaffen werden. Die Kosten für diese Technologieförderung in der Produktion von Stahl, Ammoniak und Zement liegen laut den Berechnungen von Agora bei insgesamt zwischen 10 und 43 Milliarden Euro: Die Höhe, der über die Laufzeit der Klimaschutzverträge tatsächlich fälligen Zahlungen, hängt von der Entwicklung anderer Politikinstrumente, wie etwa einer Reform des europäischen Emissionshandels ab. www.agora-energiewende.de CO2-Schleuder Industrie: Der Staat sichert die Refinanzierung von Klimainvestitionen. Foto: Pixabay

9 1/2022 Nachrichten Abfallstatistik EU Kompost legt stark zu Europas Müllmengen wachsen weiter: 2020 belief sich die Pro-KopfMenge der in der EU erzeugten Siedlungsabfälle auf 505 kg. Das sind 4 kg mehr als 2019 und 38 kg mehr als 1995, berichtet Eurostat. Insgesamt fielen in der EU im Jahr 2020 225,7 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle an, ein Anstieg um 1 % gegenüber 2019 (+1,8 Millionen Tonnen) und +14 % gegenüber 1995 (+27,7 Millionen Tonnen). Das Aufkommen an Haushaltsabfällen bleibt in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten unterschiedlich ausgeprägt. Im Jahr 2020 waren Dänemark und Luxemburg die größten Erzeuger von Siedlungsabfällen mit 845 kg bzw. 790 kg pro Kopf, gefolgt von Malta (643 kg) und Deutschland (632 kg). Rumänien (287 kg), Polen (346 kg) und Ungarn (364 kg) waren in diesem Jahr die Länder mit dem geringsten Abfallaufkommen pro Person. In der Rückwärtsbetrachtung zu 1995 haben nur sieben EU-Staaten 2020 weniger Siedlungsabfälle pro Person erzeugt: Bulgarien (-36%), Ungarn (-21%), Slowenien (-18%), Rumänien (-16%), Spanien (-10%), Belgien (-9%) und die Niederlande (-1%). Die Abweichungen zwischen den Ländern spiegeln Unterschiede in den Verbrauchsmustern und im wirtschaftlichen Wohlstand sowie Unterschiede bei der Sammlung und Bewirtschaftung von Siedlungsabfällen wider. Die Menge der recycelten Abfälle blieb im Jahr 2020 stabil. Das Recycling von Materialien sank von 68 Millionen Tonnen im Jahr 2019 auf 67 Millionen Tonnen, was 151 kg pro Person entspricht (wie im Jahr 2019). Im Vergleich zu 1995 bedeutet dies, dass die Menschen in der EU 44 Millionen Tonnen (97 kg pro Kopf) mehr recycelt haben als im Jahr 1995. Im Jahr 2020 wurden 40 Millionen Tonnen (90 kg pro Person) Abfälle kompostiert, fast dreimal so viel wie 1995 (14 Millionen Tonnen oder 33 kg pro Person). Obwohl in der EU mehr Abfälle anfallen, ist die Gesamtmenge der deponierten Siedlungsabfälle gesunken. Im Jahr 2020 soll die Gesamtmenge der deponierten Siedlungsabfälle von 121 Millionen Tonnen im Jahr 1995 auf 52 Millionen Tonnen (-58 %) gesunken sein. www.ec.europa.eu

10 1/2022 Titel Die deutsche nachhaltige Entwicklung läuft aus der Spur NDCs, verlangt, also freiwillige Ziele, die jedes Land für sich erklären sollte. EM: Ist der Nachhaltigkeit und dem Klimaschutz dadurch letztlich nicht viel eher gedient, als wenn allzu viele Länder unter Kompromissformeln zu leiden hätten? Radermacher: Nein. Im Gegenteil. Wie haben uns in Unverbindlichkeiten verloren, denn auf der einen Seite steckt sich jeder seine Ziele selber und auf der anderen Seite sind sie völlig unverbindlich und werden von niemandem kontrolliert oder gar eine Nicht-Einhaltung sanktioniert. Das bringt uns global kaum einen Schritt voran. Was nützt es, wenn diese NDCs ausgearbeitet werden und entsprechende innerstaatliche Minderungsmaßnahmen für Kohlendioxid-Emissionen formuliert werden müssen, wenn es dazu keinen Zwang und keine Kontrolle und häufig auch keine Bereitschaft gibt! EM: Die Parteien der neuen Bundesregierung haben sich dem Prinzip der Nachhaltigkeit verschrieben. Doch Deutschland alleine wird die Welt nicht retten können. Wie beurteilen Sie die internationalen Aktivitäten und Entwicklungen in Sachen Nachhaltigkeit? Prof. Franz Josef Radermacher: Natürlich kann und wird Deutschland alleine die Welt nicht retten können. Wir müssten unter 200 Staaten eine einvernehmliche Lösung finden, aber davon sind wir sehr weit entfernt. Die Diskrepanz zwischen arm und reich ist größer denn je. Wir haben uns über Jahrzehnte hinweg nie über eine faire Lastenverteilung einigen können. Bis zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 war immer eine globale Lösung das Ziel. Doch danach war Schluss. Bei der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 wurde jede Einheitlichkeit und jede Verbindlichkeit aufgegeben: Es wurden nur noch „Nationally Determined Contributions“, kurz Voll am Ziel vorbei Aus dem Auge verlorene Pläne, gescheiterte Ansprüche, Protektionismus: Die deutsche Umweltpolitik hat es aufgegeben, dazu beitragen zu wollen, jedem Menschen auf diesem Planeten ein Leben in Wohlstand und Würde zu sichern und dabei die Prinzipien der Nachhaltigkeit bei Energieversorgung, Ressourcenschutz und Klimastabilität einzuhalten. Prof. Franz Josef Radermacher, früher am Lehrstuhl für Informatik der Uni Ulm, formuliert seine ganz spezifische, pointierte Meinung. ENTSORGA sprach mit dem Mitglied des Club of Rome.

11 1/2022 Titel EM: Klimaschutz alleine reicht nicht. Gibt es denn im Bereich Nachhaltigkeit und Ressourcenschutz international effektivere Ansätze? Radermacher: Die Situation hier ist noch komplexer. Bis zum Jahr 2015 formulierte die Staatengemeinschaft die MDGs, die sogenannten ‚Millenium Development Goals‘. Vereinfacht gesprochen, sollten die reichen Länder den armen Ländern helfen, ihre Nachhaltigkeit zu entwickeln. Diesen Anspruch darf man als gescheitert betrachten. Daraufhin haben die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen für den Zeitraum 2015 bis 2030 die ‚Sustainable Development Goals (SDG)‘ formuliert. Diese 17 Ziele sollen bis 2030 von allen Entwicklungs-, Schwellen- und Industriestaaten erreicht werden, sind unteilbar und bedingen einander. Die SDGs richten den Fokus auf besonders benachteiligte und diskriminierte Bevölkerungsgruppen. Hierdurch soll die Welt gerechter, gesünder, friedlicher und sozialer gestaltet werden. EM: Das ist doch schon mal ein vielversprechender Ansatz. Oder nicht? Radermacher: Wir verfolgen jetzt Nachhaltigkeitsziele überall auf der Welt. Aber: Die reichen Ländern sind jetzt nicht mehr primär aufgefordert, den armen Ländern zu helfen, sondern jetzt konnten sich die Nationalstaaten in einem nationalen Diskurs zur Nachhaltigkeit verlieren und zum Beispiel die Frage der Rechte der Frauen im eigenen Land diskutieren, die Phosphatausbringung auf den Ackerflächen, die Schmutzfracht der Flüsse um nur einige Beispiele zu nennen. Nun kann jeder seine nationale Agenda trage und kann behaupten, er trägt damit zur globalen Nachhaltigkeit bei. In allen Fällen ist das eine Rückbesinnung auf das Nationale. Beschlüsse, die die EU formuliert, sind für den Einzelnen schon viel zu weit weg. Jeder will etwas vor Ort erreichen, am liebsten in seiner Stadt. Da konzentriert sich das Interesse der NGO oder der einzelnen Akteure. Der Einzelne, vor allem der Deutsche, arbeitet dann daran, sich selbst in einer Form von Autosuggestion davon zu überzeugen, dass das, was er tut, auch wirklich der Welt hilft. EM: Das klingt nicht gerade motivierend. Umweltpolitische Entscheidungen und Maßnahmen in einzelnen Ländern wie in Deutschland machen in der Regel schon Sinn; die Frage ist allerdings, wie effektiv solche Maßnahmen unter Umständen sind. Radermacher: Das ist mir zu wenig. Ich gehe so weit zu sagen, dass wir mit unseren nationalen Maßnahmen teilweise dem globalen Anliegen schaden. Weil wir von der eigentlichen Thematik ablenken und auch noch die Gelder in die falschen Themen stecken. Damit blockieren wir die richtigen Themen. Viele Maßnahmen sind ausgesprochen kontraproduktiv. EM: Wo setzen wir aufs falsche Pferd und wo behindern wir die notwendigen Dinge? Radermacher: Wenn wir eine bestimmte Summe Geld zum Klimaschutz einsetzen wollen bzw. können, dann könnten wir dieses Geld in Deutschland verwenden, um irgendetwas zu erreichen, aber wir können das Geld auch in Afrika einsetzen. In Afrika hätten wir den 10-fachen Klimaeffekt. EM: Wäre es also besser, unsere modernen Kohlekraftwerke am Netz zu belassen und lieber ineffektive Anlagen am anderen Ende der Welt zu schließen? Radermacher: Kohleausstieg ist ein gutes Beispiel. Auf der Erde haben wir Kohlekraftwerke ohne Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Franz Josef Radermacher ist Mathematiker, Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler. Bis zu seiner Emeritierung 2018 war er Professor für Datenbanken und Künstliche Intelligenz an der Universität Ulm und leitet in Ulm weiterhin das Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW/n). Prof. Radermacher war von 2000 bis 2019 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur und ist Mitglied des Club of Rome. Fotos: M. Boeckh

12 1/2022 Titel Ende. Und es werden immer mehr. Jetzt kommt die deutsche Philosophie: Wir wollen raus aus der Kohle und zahlen dafür auch noch 40 Mrd. Euro, um bis zum Jahr 2037 aus 40 Gigawatt Kohlekapazität auszusteigen. Die Chinesen haben alleine in 2019 und 2020 je 40 GW neue Kohlekapazitäten ans Netz gebracht. Da stellt sich doch die Frage, was wir mit unserem Geldeinsatz bewirken! EM: Sehen Sie technische Möglichkeiten, dem Thema Treibhausgas-Emission beizukommen, wenn schon der deutsche Kohleausstieg global kaum etwas bewirken wird? Radermacher: Mein Vorschlag ist, CO2 direkt am Kohlekraftwerk abzufangen. Aber die deutsche Denkweise verbietet das. Kritiker befürchten einen Lock-in-Effekt zugunsten der Kohle, die damit sauberer erscheinen könnte. Wenn deutsche KfW-Mittel eingesetzt werden, dann möchte man CO2 mittels Direct-Air-Capture-Technologie direkt aus der Atmosphäre holen – auch wenn das zehnfach so teuer ist. EM: Beim Kohleaussteig geht es aber doch um zwei Effekte: Man geht von den fossilen und damit endlichen Rohstoffen weg, und zusätzlich reduziert man die Kohlendioxid-Emissionen durch den Umstieg auf regenerative Stromerzeugung. Radermacher: Wenn man eine Klimakatastrophe vor Augen hat, die uns brutal treffen wird, dann ist das nicht der richtige Anlass, den Kohleausstieg zu forcieren. Wir haben auf der Erde noch Kohle für 2000 Jahre. Wir müssen auch nicht aus dem Gas raus. Das reicht noch für gut 300 Jahre. Fakt ist: Die Kohle hat ein CO2-Problem. Wenn es gelingt, dieses CO2 abzufangen und zu verpressen, dann haben wir ein Problem weniger, denn die Welt braucht Energie, sonst gibt es massive soziale Konflikte. EM: Der Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor scheint bei allem Fahrzeugherstellern beschlossene Sache zu sein – offensichtlich, weil es die Politik so möchte. Halten Sie es für die richtige Strategie, auf die batteriegestützte Elektromobilität zu setzen? Radermacher: Die Batterie-Elektrik verlangt eine völlig neue Infrastruktur. Sie verlangt stabile Netze mit dauernd verfügbarem grünen Strom. Davon sind wir weit entfernt. Wir stecken sehr viel Geld in eine neue Infrastruktur und fördern das einzelne E-Auto mit bis zu 20.000 Euro. Alleine von der E-Auto-Förderung eines einzelnen Fahrzeugs können in Afrika vier Familien ein ganzes Jahr lang leben. Das ist in höchstem Maße unmoralisch. Auf dem Globus gibt es aber rund 1,3 Milliarden Fahrzeuge mit Verbrennermotor. Für diese brauchen wir eine Lösung. EM: Und wie soll diese aussehen? Radermacher: Das können nur synthetische Kraftstoffe sein. Wir brauchen eine Lösung, bei der Benzin und Diesel klimaneutral sind – also hergestellt aus grünem oder CO2-armem Strom. Das gilt auch für Heizgas und Heizöl. In der deutschen grünen Logik werden diese Lösungen aber abgelehnt. Somit liefern wir auch keine Lösungen für die Welt. Wir versuchen viel mehr, der Welt die Batterie-Elektrik aufzuzwingen, die in ärmeren Ländern überhaupt nicht bezahlbar ist. EM: Wir sind im Augenblick auf dem Weg, möglichst viel grünen Strom zu erzeugen, indem wir die Landschaft immer mehr „verspargeln“ und auf jeden Zipfel ein Windrad bauen. Wird das reichen, um die enorm wachsende Nachfrage nach grünem Strom zu decken? Die Kohlestrategie Chinas Leistungen der neu installierten und außer Betrieb genommenen Kohlekraftwerke in China (in Gigawatt) China stillt seinen Energiehunger mit einem gewaltigen Zuwachs an Kohlekraftwerken. In den Jahren 2000 bis 2020 betrug der Zuwachs an installierter Leistung zwischen 20 und 80 Gigawatt - pro Jahr.. Im Jahr 2020 stand dem Zuwachs von knapp 40 Gigawatt neu installierter Leistung nur eine Außerbetriebnahme von knapp 10 GW gegenüber. Quelle: Global Coal Plant Tracker/Statista 2022

13 1/2022 Titel Radermacher: Eher nicht. In den Sonnengürteln der Erde dagegen können wir erneuerbaren Strom für 1,5 Cent pro kWh in fast beliebigem Umfang produzieren. Dann müssten wir aber auch bereit sein, diese Energie bei uns einzuführen. Aber wir haben das Erneuerbare Energien-Gesetz als Protektionismus-Gesetz so organisiert, dass Strom von außen bei uns praktisch nicht verkauft werden kann. Grüner Strom von außen ist bei uns nicht gewünscht und wird auch nicht gefördert. Noch nicht mal aus der EU kann grüner Strom zu uns geliefert werden. Das widerspricht völlig dem gemeinsamen Markt, wurde und wird aber wegen der Besonderheiten der Klimafrage vom Europäischen Gerichtshof geduldet. EM: Aber Photovoltaik aus den Sonnengürteln der Erde hatte einst viele Befürworter und Sponsoren – Stichwort Desertec. Warum ist das Projekt in der Versenkung verschwunden? Radermacher: Ich habe mich als Club of Rome-Mitglied selbst um Desertec gekümmert. Da ging es zunächst nur um grünen Strom, zunächst nicht um Wasserstoff. Doch dieser Ansatz war tot, als wir in Deutschland ein nicht-tarifäres Handelshindernis eingeführt haben, nämlich über das EEG, das in Deutschland erzeugten Ökostrom massiv gegen jede Konkurrenz privilegiert hat. Von dem Zeitpunkt an war klar, dass man bei uns keinen grünen Strom aus Nordafrika würde verkaufen können, weil bei uns immer der eigene grüne Strom bevorzugt ins Netz eingespeist wurde und wird. EM: An welchen Stellschrauben müsste man konkret drehen? Radermacher: Wir brauchen Technologieoffenheit. Bei uns werden derzeit die synthetischen Kraftstoffe für Pkw nicht zugelassen und schon gar nicht als klimaneutral anerkannt, weil das Ziel die Nutzung einer anderen Technik ist. Das muss geändert werden. Synthetischer Kraftstoff wird heute zum Beispiel nur dann als solcher anerkannt, wenn das zur Herstellung benötigte CO2 mit Direct-Air-Capture gewonnen wird, nicht wenn es von einem Kohlekraftwerk kommt. Wenn man aber Direkt-Air-Capture verlangt, wird das CO2 so teuer, dass der synthetische Kraftstoff unbezahlbar wird. EM: Richten wir den Blick nach China. Wie beurteilen Sie die Energiepolitik Chinas? Angeblich will China keine weiteren Kohlekraftwerke mehr im Ausland bauen!

14 1/2022 Titel Radermacher: Das wurde von Xi Jinping erst kürzlich verkündet. Im Zweifelsfall ist es dann nicht China selbst, das die Finanzierung übernimmt, sondern ein mit China verbundener Investor vor Ort, der das Kohlekraftwerk baut. Man kann viel erklären, die Realität ist anders. Die Frage ist, wann China beginnt, innerhalb des Landes den Umfang an Kohlekraftwerken nicht mehr zu vergrößern. Das wissen wir nicht. China erlebte eine große Energieknappheit. In der Folge wurde in vielen Provinzen der Bau neuer Kohlekraftwerke forciert, weil sie in erster Linie ihre Industrie versorgen müssen. Bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen muss die Volkswirtschaft entsprechend wachsen. Das ist die oberste Prämisse. EM: Das gilt doch nicht nur für China, sondern auch für Europa. Radermacher: So ist es. Wir brauchen bei uns nur einmal einen richtig kalten Winter. Dann ist in Das Märchen vom grünen Ökostrom Mit der Wahl eines Ökostrom-Tarifs trägt der Verbraucher praktisch kaum etwas zur Energiewende bei. Der Ausbau von Wind-, Solar- oder Wasserkraft in Deutschland wird nämlich über die EEG-Umlage bezuschusst, die wiederum über die EEG-Umlage auf jeder Stromrechnung erscheint. Ökostrom stammt zwar rein rechnerisch zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien, die in Wind- oder Wasserkraftwerken, in Biogas- oder Photovoltaikanlagen gewonnen wurde, und Anbieter müssen für die Menge, die sie als Ökostrom verkaufen wollen, Herkunftsnachweise beziehen. Aber Herkunftsnachweise aus Deutschland gibt es kaum. Grund dafür ist, dass in Deutschland der Ausbau der erneuerbaren Energien gesetzlich gefördert wird – über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Grüner Strom, der so gefördert wird, darf nicht gesondert als Ökostrom verkauft werden, erhält also auch keinen entsprechenden Herkunftsnachweis. Sonst würden Anlagenbetreiber für denselben grünen Strom doppelt kassieren: über die Förderung und zusätzlich durch Verkaufserlöse. Da die Förderung finanziell attraktiver ist, gibt es kaum Zertifikate aus Deutschland, sondern überwiegend aus dem Ausland wie Norwegen oder Österreich. Deutschland die Hölle los. Dann hören alle Träumereien auf. Richtig Sorgen mache ich mir aber über Afrika. Dort wird sich die Bevölkerung in den nächsten 30 Jahren verdoppeln. Der Energiehunger wird auch durch den erforderlichen Bauboom massiv wachsen. Dazu kommt der riesige Hunger nach Rohstoffen. In Afrika wird in den nächsten zehn Jahren mehr gebaut als in Europa im ganzen letzten Jahrhundert, denn in dem schwarzen Kontinent kommt alle zehn Jahre die Bevölkerungsgröße von ganz Europa hinzu. Dort müssen bis zum Jahr 2050 1,2 Mrd. zusätzliche Menschen versorgt werden und zwei Milliarden Menschen sollen einen Zugang zu einer Steckdose erhalten. EM: Angesichts dieser Perspektiven gewinnt die Kernenergie vor allem bei unseren europäischen Nachbarn wieder zunehmend Fürsprecher. Die EU gab jüngst der Kernenergie sogar einen grünen Anstrich. Wäre Kerntechnik keine Zwischenlösung, um den Energiehunger Asiens und Afrikas – und auch Europas zu stillen? Rademacher: Grundsätzlich ist die Kernenergie klimaneutral und in Klimafragen ein wichtiger Ansatz. Deshalb war ich seinerzeit mit dem Nachhaltigkeitsbeirat von Baden-Württemberg auch gegen den Ausstiegsbeschluss in Deutschland. Ich fände es gut, wenn man die Laufzeit unserer Kernkraftwerke verlängern würde. Es gibt neuerdings die Techniken mit sehr kleinen Anlagen, die fast kein Risiko mehr beinhalten. Die Franzosen und Spanier planen solche Anlagen. Mein wichtigstes Anliegen ist es in dieser Lage nicht, in Deutschland neue Atomkraftwerke zu bauen, sondern unsere Nachbarn in Ruhe machen zu lassen. EM: Welche Chancen räumen Sie deutschen Technologien ein, bei der Lösung globaler Probleme einen messbaren Anteil beizusteuern? Rademacher: Wir sind in bestimmten Sektoren des Anlagenbaus, der Chemie und des Automobilbaus Weltspitze. Ich glaube, das ist für uns die einzige Chance, unseren Wohlstand zu erhalten, indem wir diese Technologie bzw. die daraus abgeleiteten Produkte weltweit verkaufen. Wir müssen aber auch über Technologietransfer reden, der von irgendjemandem bezahlt werden muss. Hier sind die Regierungen der wohlhabenden Staaten wie Deutschland verstärkt gefordert, zum Beispiel über einen deutlich höheren Klima-Finanzausgleich im internationalen Rahmen. Wir müssten da viel mehr tun. Letztlich würden unsere Unternehmen auch daran verdienen. Das Interview führte Martin Boeckh

15 1/2022 Abfallwirtschaft Refinanzierung klimafreundlicher Investitionen chen Produktion staatlich absichern, sind somit eine wichtige Voraussetzung für den frühzeitigen Aufbau einer klimaneutralen Industrie in Deutschland und den Erhalt der rund 280.000 Arbeitsplätze in Stahl-, Chemie- und Zementfabriken. Durch Klimaschutzverträge garantiert der Staat die Refinanzierung von Investitionen in klimafreundliche Industrieanlagen, die Unternehmen noch nicht allein über den Markt erzielen können. Über diese Absicherung der klimafreundlichen Produktion kann ein Angebot an grünen Grundstoffen für nachhaltige Produkte geschaffen werden. Die Kosten für diese Technologieförderung in der Produktion von Stahl, Ammoniak und Zement liegen laut den Berechnungen von Agora bei insgesamt zwischen 10 und 43 Milliarden Euro. Die Höhe der über die Laufzeit der Klimaschutzverträge tatsächlich fälligen Zahlungen hängt von der Entwicklung anderer Politikinstrumente, wie etwa einer Reform des europäischen Emissionshandels, ab. „Die Bundesregierung muss sich jetzt zügig an die Ausgestaltung der Klimaschutzverträge machen Mithilfe von Klimaschutzverträgen können die Emissionen der CO2-intensiven Stahl-, Chemie- und Zementindustrie noch in dieser Dekade nachhaltig um mehr als zwanzig Millionen Tonnen CO2 jährlich sinken, wie eine neue Studie von Agora Industrie zeigt. Dies entspricht etwa einem Drittel der laut Klimaschutzgesetz erforderlichen Minderungen in der Industrie von 68 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr bis 2030. Die sogenannten Carbon Contracts for Difference, die die Mehrkosten einer klimafreundliVerträge müssen auf Papier Die Natur wartet auf klima- freundliche Investitionen der Industrie. Der Staat will helfen. Fotos: Pixabay Noch in diesem Jahr will die Bundes- regierung Klimaschutzverträge als Absicherungsinstrument für Investitionen in klimafreundliche Industrieanlagen auf den Weg bringen. Eine Studie von Agora Industrie zeigt, worauf es bei der Ausgestaltung so genannter Carbon Contracts for Difference (CCfD) ankommt.

16 1/2022 Abfallwirtschaft und die notwendigen finanziellen Mittel im Haushalt bereitstellen, um die Transformation deutscher Fabriken zur Klimaneutralität rechtzeitig und wirksam anzustoßen“, sagt Frank Peter, Direktor von Agora Industrie. „Nur so kann sich Deutschland auf einem global wachsenden Markt für klimafreundliche Produkte aufstellen und die Wettbewerbsfähigkeit der Industriestandorte langfristig erhalten.“ Kombination der Instrumente Die auf einen Zeitraum von zehn Jahren angelegten Verträge zwischen Staat und Unternehmen ermöglichen den Anschub der Industrietransformation, auch wenn die klimafreundliche Produktion aktuell noch unwirtschaftlich ist. Denn Investitionen in Industrieanlagen, die eine lange Lebenszeit haben, müssen schon heute auf Klimaneutralität ausgerichtet werden, um Fehlinvestitionen und damit die zukünftige Schließung von Industriestandorten zu vermeiden. Für den Aufbau von klimafreundlichen Anlagen in der Stahl-, Zement und Ammoniakproduktion rechnet Agora mit Mehrkosten für Investitionen von bis zu 8 Milliarden Euro. Um höhere Betriebskosten – etwa durch den Einsatz von erneuerbarem Wasserstoff statt fossiler Brennstoffe – auszugleichen, veranschlagt Agora die benötigten Garantien auf 2 bis 34 Milliarden Euro. Insgesamt kann der Bedarf an staatlichen Zuschüssen für die Transformation dieser Industrien mit einer geeigneten Reform der deutschen und europäischen Klimapolitik von 43 auf rund 10 Milliarden Euro gesenkt werden. „Die Zahlung fällt umso geringer aus, je erfolgreicher der Aufbau von Infrastrukturen voranschreitet, je schneller die Kosten für erneuerbaren Strom und Wasserstoff gesenkt werden und je konsequenter die Reform der CO2-Bepreisung und der Aufbau grüner Leitmärkte umgesetzt werden“, sagt Peter. Zur Finanzierung der Klimaschutzverträge kommen laut Agora existierende Förderinstrumente sowie Garantien durch den Bundeshaushalt oder den Energie- und Klimafonds in Frage. Neben dessen Stärkung als Klima- und Transformationsfonds ist eine weitere Kapitalisierung mit Haushaltsmitteln, Krediten und Erlösen aus dem Emissionshandel erforderlich. „Gestützt von der staatlichen Absicherung über Klimaschutzverträge liegt es an den Unternehmen, sich in den nächsten zehn Jahren als Vorreiter der klimaneutralen Transformation aufzustellen und ihre Standorte zukunftsfest zu machen“, sagt Peter. Der Anschub der Industrietransformation sei zudem ein wichtiger Anker für den Aufbau der für die Klimaneutralität nötigen Infrastruktur. Insbesondere brauche es nun einen Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft, aber auch den Ausbau der Stromnetze und Erneuerbarer Energien. „Je ganzheitlicher der Ansatz der europäischen und deutschen Klimapolitik ist, desto niedriger sind die Transformationskosten und umso höher ist der Nutzen für unsere Gesellschaft“, meint Peter. Einige Industriezweige wie Hütten, Chemie und Zement müssen kräftig in den Klimaschutz investieren, damit die Klimaschutzziele erreicht werden können.

17 1/2022 Abfallwirtschaft Die Klimaschutzverträge sind besonders in der Grundstoffindustrie zentral, denn diese verantwortet 63 Prozent der gesamten Industrie- emissionen. Die Stahlindustrie als der größte industrielle CO2-Emittent in Deutschland steht vor der Aufgabe, die konventionelle Stahlproduktion über die Hochofenroute auf die klimafreundliche Direktreduktion mit Wasserstoff umzustellen. Hier belaufen sich die abzusichernden Mehrkosten für den Betrieb laut der Agora-Studie auf 2 bis 27 Milliarden Euro – abhängig von der Reform des EU-Emissionshandels, dem Aufbau grüner Leitmärkten und von Kostenminderungen bei erneuerbarem Wasserstoff. Die Transformationskosten Auch die Produktion von Ammoniak soll künftig nicht mehr über fossile Energieträger, sondern über erneuerbaren Wasserstoff erfolgen. Um die Transformation in dieser Branche zu ermöglichen, ist ein schneller Aufbau der Infrastruktur für Produktion, Speicherung und Transport von klimafreundlichem Wasserstoff notwendig. Diese Infrastruktur steht dann auch für die Transformation anderer Sparten und des gesamten Energiesektors zur Verfügung. Die Mehrkosten für den Betrieb, die über Klimaschutzverträge abgesichert werden müssen, liegen bei bis zu 6 Milliarden Euro, können aber durch den Aufbau grüner Leitmärkte im besten Falle auf null sinken. In der Zementindustrie lassen sich mit Technologien und der Infrastruktur für das Abscheiden und Lagern von CO2 (Carbon Capture and Storage) ansonsten unvermeidbare Prozessemissionen mindern. Der Aufbau einer Infrastruktur für den Transport und die Speicherung von CO2 und die Entwicklung geeigneter Regularien sind eine Voraussetzung für die Klimaneutralität der Branche. Die betrieblichen Mehrkosten für erste kommerzielle Anlagen, die über Klimaschutzverträge abgefangen werden müssten, liegen um die 100 Millionen Euro. Mit weiteren 500 Millionen Euro für den Betrieb mit Biomasse können diese Anlagen auch negative Emissionen von bis zu einer Millionen Tonnen CO2 pro Jahr erzielen. Die Studie „Klimaschutzverträge für die Industrietransformation“ ist in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Future Camp, dem Ecologic Institut und dem Wuppertal Institut erschienen. Die 120-seitige Publikation enthält umfassende Ausführungen zur übergreifenden Definition und Funktion von Klimaschutzverträgen sowie zur spezifischen Ausgestaltung des Instruments für die Stahl-, Chemie- und Zementindustrie. In der Reihe ist bereits eine Studie zu Klimaschutzverträgen für die Stahlindustrie erschienen. Zwei weitere Publikationen zur Transformationsförderung einer klimaneutralen Ammoniak- und Zementproduktion stehen noch aus. Die übergreifende Studie steht unten zum kostenlosen Download zur Verfügung. www.agora-energiewende.de

18 1/2022 Abfallwirtschaft Klimaschutz braucht einen stärkeren Beitrag der Europäischen Kreislaufwirtschaft Im Müll steckt noch ganz viel Potenzial Das Europäische Klimaschutzgesetz 2021 setzt sich das Ziel, die Netto- Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 um mindestens 55 % im Vergleich zum Jahr 1990 zu senken. Bis 2050 soll die Klimaneutralität erreicht werden. Hierzu bedarf es einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft, die nur durch gemeinsame Anstrengungen aller Beteiligten zu erreichen ist. Die europäische Kreislaufwirtschaft leistet hier bereits einen bedeutenden Beitrag - und das auf allen Wertschöpfungsstufen.

19 1/2022 Abfallwirtschaft Durch den Wiedereinsatz von Recyclingrohstoffen in der Industrie und die energetische Verwertung von nicht mehr hochwertig stofflich verwertbaren Abfällen werden Primärrohstoffe substituiert und Primärenergieträger ersetzt und so Treibhausgase vermieden. Gleichzeitig kann so der Anteil der deponierten Abfälle reduziert und so eine Minderung der Deponiegasemissionen erreicht werden. Dieser Beitrag der Kreislaufwirtschaft wird jedoch bisher in der Treibhausgasinventarisierung nicht vollumfänglich sichtbar, da die vermiedenen Treibhausgasemissionen den einzelnen Industriesektoren zugeschrieben werden. In einer gemeinsamen Studie der European Waste Management Association (FEAD), der Confederation of European Waste-to-Energy Plants (CEWEP), der RDF Industry Group und der Dutch Waste Management Association (DWMA) untersuchten Prognos und CE Delft die noch bestehenden CO2-Vermeidungspotenziale durch die zunehmende Substitution von Primärrohstoffen und -energie und damit verbundene Reduzierung der Deponierung. Ziel der Studie ist es, die noch bestehenden Potenziale aufzuzeigen, wobei sich die Autoren dessen bewusst sind, dass diese Potenziale nicht nur allein durch die Aktivitäten im Bereich der Kreislaufwirtschaft zu realisieren sind. Es bedarf vielmehr eines koordinierten Vorgehens aller Akteure entlang der Wertschöpfungskette, eines Umstiegs in ein zirkuläres Wirtschafsmodell, beginnend mit einem nachhaltigen Produktdesign, einer abfallarmen bzw. abfallfreien Produktion von langlebigen und reparaturfähigen Gütern, Konsumenten, die Produkte aus Recyclingrohstoffen akzeptieren und diese am Ende des Lebenszyklus der Kreislaufwirtschaft zuführen, die durch die getrennte Erfassung mit anschließender Sortierung die Basis für ein hochwertiges Recycling der Materialien bzw. energetischen Verwertung der nicht stofflich verwertbaren Reste schafft. Gut ein Fünftel des Abfalls Die vorliegende Untersuchung konzentriert sich auf 9 Abfallstoffströme, die über ein hohes Ressourcensubstitutionspotenzial verfügen und derzeit auch im Mittelpunkt der Europäischen Abfallgesetzgebung stehen: Papier, Glas, Kunststoffe, Eisenmetalle, Aluminium, Holz, Textilien, Altreifen und Bioabfall. Darüber hinaus wurden auch die Restabfälle und Ersatzbrennstoffe (nicht getrennt gesammelte Abfälle und Abfälle aus der Abfallbehandlung / aus Abfall gewonnene Brennstoffe) als korrespondierende Abfallströme zu den Recyclingaktivitäten berücksichtigt. In Summe machen die einbezogenen Abfallströme in der EU27 und UK etwa 505 Millionen Tonnen aus und repräsentieren somit rund 19 Prozent des gesamten Abfallaufkommens (2,6 Milliarden Tonnen) der EU27 + UK im Jahr 2018. Die Behandlung und Nutzung der genannten Abfallströme hat 2018 Nettoemissionen in Höhe von 13 Millionen Tonnen CO2eq generiert. Für die Ermittlung des zusätzlichen Potenzials zur Reduzierung von CO2-Emissionen wurden für die genannten Abfallstoffströme nicht nur die bisher getrennt erfassten Mengen, sondern auch die Potenziale in gemischten Stoffströmen, wie beispielsweise Bau- und Abbruchabfällen, Altfahrzeugen, gemischten Siedlungsabfälle etc. sowie ihre aktuellen Entsorgungswege berücksichtigt. Die Zuordnung von Abfällen zu den vorgenannten Abfallströmen basiert auf den 6stelligen Abfallschlüsselnummern der Europäischen Abfallverzeichnisverordnung. Statistische Daten liegen jedoch nur vereinzelt auf dieser Detailebene für die Mitgliedsstaaten vor. Die Studie baut daher auf den Datengrundlagen von Eurostat auf, die aktuell als einzige Daten für alle EU-Mitgliedsstaaten plus UK bereitstellt. Die Autoren waren sich der Herausforderungen aus der teilweisen hohen Aggregation der Daten sowie bestehender Inkonsistenzen und verbleibender Datenlücken bewusst, die dazu führten, dass diverse Annahmen getroffen wurden, die zu einer leichten Über- bzw. Unterschätzung im Basisjahr führen können. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf die Szenarien, deren Ziel es ist, das zusätzliche Potenzial gegenüber dem Basisjahr darzustellen. Zwei Szenarien Ausgehend von der aktuellen Europäischen Abfallgesetzgebung wurden zwei Projektionen bis zum Jahr 2035 entwickelt. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass aus methodischen Gründen das Abfallaufkommen im Jahr 2018 für die Projektionen konstant gehalten wurde, um Überlagerungseffekte zu vermeiden: Abfallvermeidung, Öko-Design etc. werden zukünftig zu einem Rückgang des Abfallaufkommens führen, während andererseits demografische und wirtschaftliche Effekte zu Rebound-Effekten führen können. In Projektion 1 wird die konsequente Umsetzung der sich aus den aktuellen Recyclingzielen (einschließlich Verlängerungsoptionen) der Europäischen Union für insbesondere Verpackungs- und Siedlungsabfälle sowie die Obergrenzen für die Deponierung von gemischten Siedlungsabfällen. Diese

20 1/2022 Abfallwirtschaft Ziele wurden auch auf die Industrie- und Gewerbeabfälle angewendet. In Projektion 2 werden noch ambitioniertere Recyclingziele für die analysierten Abfallströme angenommen und die Deponierung auf ein Minimum reduziert, d. h. alle Abfälle, die nicht recycelt werden und brennbar sind, wurden der thermischen Verwertung zugeschrieben. In der CO2 Nettobilanzierung, das heißt in der Gegenrechnung von der Kreislaufwirtschaft selbst verursachten mit den durch sie vermiedenen Treibhausgasemissionen, wurde ein Treibhausgaspotenzial bzw. Erderwärmungspotenzial von 20 Jahren, statt der 100 Jahren, der nationalen Treibhausgasinventar, gewählt, um die Dringlichkeit der globalen Herausforderung hervorzuheben. Diese 20-Jahr-Perspektive priorisiert Gase mit kürzerer Lebensdauer, etwa dem Methanausstoß der Abfalldeponien. Sie schreibt dem Methanausstoß von Deponien dadurch eine stärkere zeitliche Bedeutung zu. Im Ergebnis der Projektionsrechnungen hat sich gezeigt, dass durch eine erfolgreiche Umsetzung der aktuellen europäischen Gesetzgebung für Siedlungsabfälle und die Anwendung der gleichen Recycling- und Deponieziele für Industrie- und Gewerbeabfälle (Projektion 1) bis 2035 in der EU27 + UK in Summe -137 Millionen Tonnen CO2Äq an CO2-Nettoemissionen vermieden werden könnten. Das würde eine Einsparung von 150 Mio. t CO2Äq gegenüber dem Basisjahr 2018 gleichkommen. In der noch ehrgeizigeren Projektion 2 würde sich das Einsparpotenzial auf -283 Millionen Tonnen CO2Äq an CO2-Nettoemissionen fast verdoppeln. Dies würde eine Einsparung von insgesamt 296 Mio. t CO2Äq gegenüber dem Basisjahr 2018 entsprechen. Schlüssel ist das Recycling In beiden Projektionen liegt der Schlüssel zum Erreichen in einer deutlichen zusätzlichen Vermeidung von klimaschädlichen CO2-Emissionen in der Verstärkung des Recycling sowie einer konsequenten Verminderung der Deponierung von organischen Abfällen wie Papier und Pappe sowie Bioabfällen. Weitere deutliche Reduktionspotenziale werden dadurch erreicht, dass keine brennbaren Restabfälle und Sortier- und Aufbereitungsreste auf Deponien abgelagert werden. Hierbei zeigt sich zudem die Relevanz der Ausweitung der Ziele für Siedlungsabfälle auf Abfallströme aus Industrie- und Gewerbe. Werden allein die 9 Hauptabfallströme berücksichtigt, so steigt der Recyclinganteil von ca. 50 % (201 Mio. t) im Jahr 2018 auf 73 % (ca. 295 Mio. t) in Projektion 2. Hierbei repräsentieren die Recyclinganteile die neue Output-basierte Rechnungsmethode, die vom EU-Gesetzgeber ab 2020 zu berichten sind. Durch die Verringerung der für die Deponierung vorgesehenen Menge werden in der ehrgeizigeren Projektion 2 ca. 104 Mio. t energetisch verwertet/anderweitig thermisch behandelt. Unter Berücksichtigung der 9 Hauptabfallströme zuzüglich der verbleibenden Restabfälle sowie Abfälle aus der Abfallbehandlung liegt der Recyclinganteil 2018 bei 39 % und steigt auf 59 % in Projektion 2 im Jahr 2035. Die ermittelten Netto-CO2-Vermeidungspotenziale sind nicht das einzige Ziel, sondern müssen weiteren ökologischen, aber auch sozialen und Kupfer gehört zu jenen Wertstoffen, die besonders begeht sind, da sie praktisch unendlich recyclebar sind. Fotos: Pixabay

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