Entsorga 3-4/2022

3/4 August 2022 Ahrtal-Katastrophe Mit der Flut kam auch der Müll Das Fachmagaz i n für Kre i s l aufwi r tschaf t Kläranlagen Extrem nützlich, diese Sonne Special Kohlenstoff Killer mit guten Seiten Schädliche Pharma-Entsorgung Ab…durchs Klo Struhalla-Kautz / Waßmann

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3 3/4 2022 Editorial Augentropfen, Säurehemmer, Hustenmittel, Entzündungssalben… In den deutschen Hausapotheken finden sich zuhauf Medikamente, die nicht mehr benötigt werden oder deren Haltbarkeit abgelaufen ist. Familien haben daheim meist ein prallvolles Medizinschränkchen, bei dem ein Gutteil überflüssig ist. Aber wohin damit? Der Weg über die Toiletten oder den Abfluss ist ein gängiger Weg, der voller Gefahren steckt. Die Medikamente enthalten Substanzen, die sich über den Wasserweg in der Bevölkerung verbreiten können. Die Möglichkeit einer Schädigung ist real. Die Entsorgung über den Wasserweg verbietet sich eigentlich. Und dennoch ist er durchaus üblich: Sind ja nur einige Tropfen. Die Ursachen für diese Fehlentsorgung sind reichlich: Zu große Verpackungseinheiten, vorzeitige Heilung, Wirkungslosigkeit, Abbruch der Medikation… verschwunden im Medizinschränkchen, das gerne Mittel für allerlei Malessen bereithält, und in dem dann doch nicht das Passende zu finden ist. Der Weg zum Pharmazeuten ist meist nicht weit. Und bald liegt noch ein Schächtelchen im Schränkchen, bis es aus allen Nähten platzt und aufgeräumt wird. Die Toilette ist ein schneller und bequemer Entsorgungsweg. Die OECD hat dies in einem umfangreichen Report beleuchtet. Es ist das Titelhema dieser Ausgabe. Ein Blick zurück zeigt: Früher bestand die Möglichkeit, Alt-Medikamente über die Apotheke einer geordneten Entsorgung zuzuführen. Die Lobbyisten der Pharmazeuten haben erfolgreich dagegen interveniert und diesen Weg versperrt, ohne einen neuen zu eröffnen. Es fragt sich, wie eine derartige Entscheidung umgesetzt werden konnte. Das zeigt abgelegte Verantwortung. Kosten werden als Gründe angeführt, mögliche Ansteckung oder gar Hygiene. Diese Begründung entlarvt sich schnell als verantwortungsloses, gewinnorientiertes Handeln. Als wesentliches Argument gegen die Verantwortungsübernahme gilt die untersagte, direkte Deponierung von Haushaltsabfällen seit 2005. Da ist was dran. Aber bei weitem nicht alle Alt-Pharmazeutika gehen den Weg über den Restmüll. Vor allem die flüssigen Medikamente tropfen am Ende ins Wasser. Die OECD hat eine Empfehlung ausgesprochen, über die nachzudenken und zu debattieren sich lohnt: Die getrennte Erfassung von abgelaufenen oder ungebrauchten Pharmazeutika. Hier haben sich die Apotheken als naheliegender geeigneter Sammelpunkt bewährt. Einerseits besteht die Möglichkeit der Weiter- und Wiederverwertung, was in anderen Ländern bereits erfolgreich stattfindet. Andererseits die kontrollierte Sammlung und Entsorgung. Staatliche Finanzierung oder Unterstützung wäre sicherlich ein Weg. Zumindest müssen Sammelstellen für Altmedikamente eingerichtet werden, die für den Verbraucher ganzjährig und kostenfrei zur Verfügung stehen. Eine Endverbraucherbeteiligung wäre über eine Integration in den Abgabepreis denkbar. Ein Schlüssel bleibt weiterhin die Kommunikation über den richtigen Entsorgungsweg. Die OECD empfiehlt, die richtige Zielgruppe zu ermitteln, die angesprochen sein sollte. Nudging, eine gezielte Entscheidungslenkung ohne Zwang, wird als geeignetes Mittel angesehen: zum Beispiel über Belohnungssysteme. Die kennen wir alle über die Treue-Taler der Apotheken. Dergleichen ginge auch bei der Medikamentenrückgabe. Aber auch hier wird wie anderswo klar: Kein Weg führt an den Pharma-Läden vorbei. Am großen ‚A‘ führt kein Weg vorbei privat Bernd Waßmann Redaktionelle Leitung

4 3/4 2022 Bittere Pillen für die Umwelt Ein Haushalts-Cocktail aus Medikamenten endet oftmals in der Toilette – und damit im Abwasser, hat die OECD in einer umfangreichen Untersuchung feststellen müssen. Auch der deutsche Entsorgungsweg Restmüll bleibt nicht ohne Zweifel. Am besten wäre wohl eine geordnete Rückführung, zu Beispiel über Apotheken, wie früher bereits geübt. Foto: ©IMAGO / ZUMA Wire Editorial 3 Am großen ‚A‘ führt kein Weg vorbei Volle Medizinschränkchen kennt praktisch jeder Haushalt. Hin und wieder muss aufgeräumt werden. Doch wohin mit den alten Pillen, Tropfen und Salben? Titel 11 Bittere Pillen für die Umwelt Alt-Medikamente können zu einem Problem für die Umwelt werden. Viele Pillen verschwinden in der Umwelt und im Abwasser, hat die OECD untersucht. Deutschland spielt eine Sonderrolle, verrät unsere Zusammenfassung. 14 Zurück zur Apotheke Bei den Pharmazeuten sind die Pillen am besten aufgehoben. Abfallwirtschaft 18 Aus Schaden klüger werden Durch die Sturzregen und -fluten in der Pfalz und in NRW im letzten Jahr wurden Unmengen von Abfällen verursacht. Eine Herausforderung für die Entsorger, die nunmehr ihrerseits Forderungen anmelden. 22 „Hundert Jahre werden immer kürzer“ Software kann die Angst vor dem Hochwasser nicht nehmen – aber sie kann den Gebietskörperschaften helfen, sich auf diese Eventualität vorzubereiten, denn: Unverhofft kommt oft. 26 Auch ein fauler Apfel hat seinen Wert Gemischte Lebensmittelabfälle sollen in einer Plattform gesammelt und anschließend verwertet werden, zum Beispiel als Biokunststoff. 27 Wo gesägt wird, brennen Späne Ein Werk für Bau- und Konstruktionsvollholz verwertet die Sägereste in einem Energiepark als Biomasse-Heizkraftwerk. 29 Vorbereitet auf das Pfand Gemischte Glasscherben sind in Ungarn der Normalfall im Recycling. Jetzt bereitet sich das EU-Land auf verbessertes Reycycling vor. 31 Technik potenziert die Möglichkeiten Für die Verwertung der Metallfraktionen aus den Abfällen zahlreicher Produktspezifikationen bestehen noch ausge- prägte Chancen, konstatieren Öko-Institut und das Umwelt- bundesamt. Special 35 Special Kohlenstoff: Geschmäht, aber nützlich 36 Produkt: Energie Die Aufmerksamkeit für die pyrolytische Karbonisierung steigt. Inhalt 10

5 3/4 2022 39 Aus der Luft gegriffen DAC – Direct Air Capture – soll in Baden-Württemberg wirtschaftlich attraktiv gemacht werden. 40 Entkoppelung von fossilen Quellen Klimaschädling einerseits, Rohstoff andererseits: Durch Recycling lässt sich qualitativ hochwertiger Kohlenstoff gewinnen. 43 Effektiv wie 128.000 Bäume CO2 aus der pflanzlichen Photosynthese lässt sich zur Dekarbonisierung nutzen. 46 Die Kunden haben ein Gewinn- interesse Pyreg-Chef Jörg zu Dohna über die wirtschaftlichen Aspekte der Verkohlung. Abwasser 47 Verlegt, verzahnt…Verfahren Am 22. August startet auf dem Frankfurter Messe- gelände der fünftägige Prozess-Event Achema. 52 Verdrängen – nicht kreiseln Ein Switch bei der Pumpentechnologie rechnet sich. 55 Extrem nützlich, die Sonne über der Kläranlage Mit faltbaren Solarpaneln Energie sparen, 57 Lachgas ist nicht lustig Distickstoffmonoxid besitzt ein gewaltiges Potenzial zur Klimaschädigung. Rubriken 03 Editorial 06 Nachrichten 07 Zur Person 62 Wirtschaft 64 Industrie 66 Zu guter Letzt/Impressum Inhalt Extrem nützlich, die Sonne… …über den Kläranlagen, sofern sie zur Energiegewinnung genutzt wird, denn Klären ist äußerst energieintensiv. Hier könnte ein Faltdach, ausgestattet mit zahlreichen Solarpaneln, hilfreich sein. Wohlan, das gibt’s. Foto: dhp-technology 47 Management 60 Tools aus der Wolke Digitale Abfallvermarktung vermindert den Arbeitsaufwand. Zu guter Letzt 66 Ein Fuchs, wenn Du ordentlich triffst Mülltrennung nach Art der BSR Geschmäht, aber nützlich Kohlendioxid ist der böse Bube in der Klima-Katastrophe. Basis ist der Kohlenstoff, für den sich bereits etliche Verwertungswege anbieten. Foto: ©IMAGO / YAY Images 35

6 3/4 2022 Nachrichten CO2-Emissionen Starker Anstieg im letzten Jahr 2021 emittierten die rund 1.730 im Europäischen Emissionshandelssystem (EU-ETS) erfassten stationären Anlagen in Deutschland rund 355 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente (CO2-Äq). Dies entspricht einem Anstieg um 11 Prozent gegenüber 2020. Damit wurde das Niveau von 2019 vor der COVID-19-Pandemie nur um etwa 8 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente unterschritten. Das berichtet die Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt) im Umweltbundesamt (UBA) ausführlich in ihrem aktuellen Bericht über die Treibhausgasemissionen der emissionshandelspflichtigen stationären Anlagen und im Luftverkehr für Deutschland im Jahr 2021 (VET-Bericht 2021). Nach dem konjunkturellen Einbruch 2020 aufgrund der COVID-19-Pandemie führte die wirtschaftliche Erholung im vergangenen Jahr maßgeblich zu dieser Entwicklung. Dirk Messner, Präsident des UBA: „Der Wiederanstieg der Emissionen im Jahr 2021, dem zweiten Jahr der Pandemie, war erwartbar, jedoch nicht dessen Ausmaß. Unsere Zahlen zeigen, dass das Emissionsniveau von 2019 fast wieder erreicht wurde. Der vor Beginn der COVID-19-Pandemie beobachtbare Trend zu starken Emissionsrückgängen in den deutschen ETS-Anlagen scheint damit vorerst gestoppt. Hier müssen wir entschieden gegensteuern und die schnellere Abkehr von fossilen Energien vorantreiben. Das gilt umso mehr als Folge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Denn ambitionierter Klimaschutz hilft uns auch gegen unsere Energieabhängigkeit von Russland. Ein reformierter Emissionshandel kann hierfür maßgebliche Impulse setzen.“ Energie: Im Jahr 2021 stiegen die Emissionen der deutschen Energieanlagen erstmals seit 2013 wieder an. Sie lagen gegenüber dem Vorjahr mit 235 Millionen Tonnen Kohlendioxid um 14 Prozent höher. Gründe dafür waren eine gestiegene Stromnachfrage aufgrund der konjunkturellen Erholung sowie zunehmende Emissionen aus der Verbrennung von Stein- und Braunkohle. Letzteres lag an der deutlich geringeren Einspeisung der Windkraftanlagen sowie dem überproportionalen Preisanstieg bei Erdgas, welcher trotz der hohen CO2-Preise den Einsatz von Stein- und Braunkohlekraftwerken gegenüber den Erdgasanlagen wirtschaftlich begünstigte. Industrie: Die Emissionen der energieintensiven Industrie in Deutschland erhöhten sich gegenüber dem Vorjahr um 5 Prozent auf 120 Millionen Tonnen CO2-Äq. Damit stiegen die Emissionen nach zwei Jahren mit konjunkturbedingten Emissionsrückgängen wieder an und erreichten fast wieder das Niveau vor der COVID-19-Pandemie. Die größten Anstiege erfolgten in der Eisen- und Stahlindustrie mit plus 13 Prozent, gefolgt von Industrie- und Baukalk mit plus 9 Prozent. In beiden Branchen waren auch die pandemiebedingten Emissionsrückgänge im Jahr 2020 am größten. In der chemischen Industrie, der Zementklinkerherstellung und der Papier- und Zellstoffindustrie stiegen die Emissionen geringfügig an mit Werten zwischen 2 und 3 Prozent. Demgegenüber sanken die Emissionen der Raffinerien geringfügig um rund 2 Prozent. Die Emissionen der Nichteisenmetallindustrie blieben in etwa gleich. Emissionen im Luftverkehr: Die Emissionen der von Deutschland verwalteten Luftfahrzeugbetreiber betrugen in 2021 etwa 4,6 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Dies entspricht einem Anstieg im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent. Zurückzuführen ist das auf die Erholung des Luftverkehrssektors im vergangenen Jahr nach dem starken Rückgang der Transportleistungen im Jahr 2020 aufgrund der COVID-19-Pandemie. www.umweltbundesamt.de

7 3/4 2022 DBU-Kuratorium formiert sich neu Der bei der Mitgliederversammlung des BDE während der Ifat neu gewählte Verbandsvorstand ist im Wesentlichen bestätigt worden. Künftig gehören ihm mit Kathrin Gerber-Schaufler (Mittelbadische Entsorgungs-, und Recycling-Betriebe), Nadine Speidel (GlobalFlow) und Robert Ristow (Remondis Wasser und Energie) drei neue Mitglieder an. Zur Wahl stand auch der dreiköpfige Ehrenrat, deren Mitglieder bestätigt wurden. Zum 13. Juni 2022 verstärkte Casper Frijns den Aufsichtsrat der APK AG und übernahm direkt den Vorsitz des Gremiums. Casper Frijns ist Wirtschaftsingenieur mit über 40 Jahre Erfahrung in der Kunststoffindustrie und seit mehreren Jahren beratend und als Aufsichtsrat und Beirat in internationalen Unternehmen und Start-Ups tätig. Seit dem 1. Juni ist Janina Cußmann Mitglied des 7-köpfigen C-Teams und verantwortet zukünftig die Personalfragen bei rebuy. Cußmann verfügt über langjährige Erfahrung im Bereich Human Resources und war bereits in mehreren leitenden Positionen tätig. Sie kommt von der internationalen medizinischen Wissensplattform ‚Amboss‘, wo sie zuletzt als Director of HR tätig war. Levin Westermann erhält in diesem Jahr den Deutschen Preis für Nature Writing. Darüber hinaus erhalten Katharina Mevissen und Hannah Zufall jeweils ein Stipendium zur Teilnahme am international besetzten Nature Writing Seminar der Stiftung Kunst und Natur im Herbst 2022 in Bad Heilbrunn. Stefan Muller-Altermatt wurde neuer Prasident von InfraWatt in der Schweiz und lautet damit einen Generationswechsel ein. Der Verein InfraWatt setzt sich fur die Energienutzung aus Abwasser, Abfall, Abwarme und Trinkwasser ein. Seit 2010 stand Filippo Lombardi als Grundungsprasident dem Verein InfraWatt vor, Matthias Moosleitner, Inhaber der Moosleitner-Unternehmensgruppe und erster Präsident des Baustoffrecycling Bayern e.V., wurde auf dem bvse-Messeabend zur Ifat für jahrzehntelanges Engagement und Pionierarbeit zur Förderung des Baustoffrecyclings mit dem Mittelstandspreis für das Recycling „Die Grünen Engel 2022“ ausgezeichnet. Dr. Volker Asemann ist seit 1. Juli neuer Geschäftsführer der GBAV – Gesellschaft für Boden- und Abfallverwertung. Das Gemeinschaftsunternehmen von Berliner Stadtreinigung (BSR) und Harbauer GmbH bereitet u.a. belastete Böden und Bauschutt auf. Zur Person 1/ Bundesumweltministerin Steffi Lemke hat fünf neue Mitglieder in das Kuratorium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) berufen. Sie dient dem Zweck, Vorhaben zum Schutz der Umwelt unter besonderer Berücksichtigung der mittelständischen Wirtschaft zu fördern. Das Kuratorium ist gesetzlicher Vertreter der Stiftung. Aufgrund der Regierungsneubildung waren fünf nach dem Ausscheiden an Amt und Mandat gebundene berufene Kurator:innen nachzubesetzen. Alle Mitglieder wurden zum ersten Mal in das Kuratorium berufen: Judith Pirscher, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung; Katja Hessel MdB, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister der Finanzen; Dr. Bettina Hoffmann MdB, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz; Cansel Kiziltepe MdB, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen sowie Harald Ebner MdB, Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Das gesamte Kuratorium der DBU ist bis zum 11. Juni 2024 berufen. Durch die Neuberufungen werden im Kuratorium der DBU 9 Frauen und 7 Männer vertreten sein. Dr. Clemens Pues wurde zum 1. Juli neuer Kaufmännischer Betriebsleiter beim Umweltbetrieb der Stadt Bielefeld (UWB). Er war zuvor bei PreZero und dem Vorgängerunternehmen Tönsmeier tätig, zuletzt in der Funktion als Vertriebsleiter Duale Systeme im europäischen und außereuropäischen Ausland. Das Umsatzvolumen des Bielefelder Entsorgers liegt bei rund 160 Mio. Euro. Pues folgt auf Hans-Jürgen Rubel und leitet nun mit der Ersten und Technischen Betriebsleiterin, Margret Stücken-Virnau, den Betrieb der Ostwestfalen. Dr. Clemens Pues Foto: Umweltbetrieb der Stadt Bielefeld

8 3/4 2022 Nachrichten Studie zu Binnenseen Gewässer im Stress Gemeinsam mit der Grünen Liga e.V. haben Expert:innen des Global Nature Fund (GNF) die Blitzlichtstudie „Seen und Klimawandel“ publiziert. Ihr Resultat: Der Klimawandel beeinflusst heimische Gewässer massiv, was etwa die Parameter Temperatur und Niederschlag betrifft. Besonders betroffen sind solche Seen, Kleingewässer und Feuchtgebiete, die von Menschen ohnehin schon stark für Landwirtschaft oder Freizeitgestaltung genutzt werden. Die Studie steht ab sofort als Download (s.u.) auf den Websites von Bundesamt für Naturschutz und GNF bereit Im Rahmen der Blitzlichtstudie wurden Gewässer in Deutschland und anderen europäischen Ländern untersucht. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass viele Seen im heutigen Zustand bereits stark durch menschliche Aktivitäten beeinträchtigt und damit verwundbarer gegenüber negativen Auswirkungen des Klimawandels sind. Steigende Wassertemperaturen, veränderte Hydrologie und zunehmende Nutzungsansprüche verringern die Widerstandskraft der Gewässer gegenüber immer häufiger auftretenden Extremereignissen. So stiegen die Sommertemperaturen europäischer Seen zuletzt im Mittel zwischen 0,29 und 0,38 Grad Celsius pro Jahrzehnt an. Was den Badegast vermeintlich freut, bedeutet tatsächlich eine kontinuierliche Schwächung des Öko- und Klimasystems: z.B. korreliert die wärmebedingte Zunahme von Chlorophyll und Cyanobakterien mit sinkenden Wasserständen vieler Seen. In einigen eutrophen, also übermäßig nährstoffreichen Gewässern wurden Fischsterben aufgrund von Sauerstoffmangel und hoher Konzentrationen von Ammonium und Ammoniak beobachtet. Klimabedingte Schwankungen des Wasserstandes wirken sich auch deutlich auf die Lebensbedingungen von Wasservögeln aus, die sich teils neue Brutgebiete suchen müssen. Download der Blitzlichtstudie „Seen und Klimawandel“ www.globalnature.org Rückfahrassistenz Unterstützung mit Prüfsiegel Das erste Rückfahrassistenzsystem für Abfallsammelfahrzeuge hat das Zertifikat „Geprüfte Sicherheit“ von der Prüfstelle der BG Verkehr erhalten. „Das RAS gewährleistet uneingeschränkte Sicht in den Gefahrenbereich hinter dem Fahrzeug und warnt, wenn sich ein Hindernis im Gefahrenbereich hinter dem Fahrzeug befindet. Darüber hinaus greift es auch aktiv in das Bremssystem ein, wenn Kollisionsgefahr besteht. Der Mensch am Steuer erfährt so eine deutliche Unterstützung bei der Durchführung dieser risikobehafteten Fahraufgabe“, erklärt Heinz-Peter Hennecke, Fachreferent für Abfallsammelfahrzeuge bei der BG Verkehr. Das aktive Eingreifen des Systems in das Bremsgeschehen bedeutet einen erheblichen Fortschritt gegenüber herkömmlichen Rückfahrassistenten, die lediglich optisch oder akustisch vor Hindernissen im Heckbereich des Fahrzeugs warnen. Das RAS hat eine Reihe von Tests der Prüf- und Zertifizierungsstelle des Fachbereichs Verkehr und Landschaft der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) durchlaufen. „Bei der Sicht- und Funktionsprüfung testen wir vor allem die Funktionalität des Systems, also die fachgerechte Installation der Komponenten“, sagt Hermann Haase, Leiter der Prüfstelle. „Danach prüfen wir, ob das RAS Hindernisse zuverlässig erkennt und die Warneinrichtung bzw. Bremsfunktion rechtzeitig aktiviert. Oder was passiert, wenn ein Bauteil in der Elektronik defekt ist.“, so Haase. www.bg-verkehr.de

9 3/4 2022 Kunststoffrecycling Vom Acker in die Industrie Erstmals ist es möglich, aus Reststoffen der Agrarindustrie ein Vergleichs- produkt zu konventionellem Kunststoff und Biokunststoff herzustellen. Dafür erhielt das junge Unternehmen traceless materials als einer der Sieger den diesjährigen StartMyBusiness Awards. Die beiden Gründerinnen Dr. Anne Lamp und Johanna Baare eröffnen mit ihrem neuartigen Plastikersatz neue Möglichkeiten, Nachhaltigkeit und Konsum zu verbinden. Die ambitionierten Frauen und das Team des zirkulären Bioökonomie Unternehmens starten erste Pilotprodukte aus dem zukunftsfähigen Material mit starken Kooperationspartnern, wie dem Onlinehändler Otto und dem Luftfahrtkonzern Lufthansa. Traceless materials bietet eine echte Alternative zu herkömmlichem Kunststoff und Biokunststoff, da das Material unter natürlichen Bedingungen komplett biologisch abbaubar ist. Das Material wird ohne den Einsatz schädlicher Chemikalien hergestellt und verursacht bei der Produktion und Entsorgung im Gegensatz zu Neukunststoff bis zu 87 % weniger CO2-Emissionen. www.startmybusiness.de Nachrichten Leuchtkörperentsorgung Helle Bürger Eine repräsentative Umfrage von ‚Kantar‘ zeigt, Verbraucher bevorzugen den Wertstoffhof, um alte oder defekte LED- und Energiesparlampen richtig zu entsorgen. 65 Prozent der Befragten geben den Wertstoffhof als erste, bevorzugte Rückgabestelle an. Damit steigt dieser Wert kontinuierlich an, denn 2019 waren es noch 59 Prozent. An zweiter Stelle steht der Handel mit 15 Prozent. Diese sind 4 Prozentpunkte weniger als 2019. Ausgediente LED- oder Energiesparlampen müssen separat entsorgt werden, damit die darin enthaltenen Rohstoffe recycelt werden können. Rund 3.000 Wertstoffhöfe und über 4.500 Händler helfen bei der richtigen Entsorgung und nehmen ausgediente Leuchtmittel zurück. Für größere Mengen im gewerblichen Einsatz stehen über 350 Großmengensammelstellen dem E-Handwerk und Großverbrauchern für die Rückgabe zur Verfügung. Durch das aktive Engagements der Hersteller und Händler im Lightcycle-Rücknahmesystem konnten so in den letzten 15 Jahren über 100.000 Tonnen Altlampen zurückgenommen werden. www.lightcycle.de

10 3/4 2022 Nachrichten Wilde Müllablagerung Ein stetig wachsendes Problem Im April 22 führte Themennetzwerke eine Befragung durch, wie deutsche Kommunen das Entsorgen von wildem Müll wahrnehmen und damit umgehen. Die Fragen zu wildem Müll haben 91 Personen beantwortet. Knapp drei Viertel der Befragten (72 Prozent) gab an, dass wilde Müllablagerungen in der eigenen Kommune in den letzten fünf Jahren stark bis sehr stark zugenommen haben. Die Antworten unterschieden sich dabei nur marginal im Hinblick auf die Größe der Kommune. Am häufigsten werde Sperrmüll entsorgt, gefolgt von Restmüll, Bauschutt und Elektroaltgeräten. In Großstädten würden Straßen- und Wegränder am stärksten zur illegalen Abfallentsorgung genutzt. An zweiter Stelle wurden gleichermaßen Containerplätze, Industriegebiete und Naturflächen genannt. In kleinen und größeren Kommunen mit bis zu 500.000 gemeldeten Personen gaben die Befragten Containerplätze als mit Abstand häufigsten Ort für wilde Müllablagerungen an. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten (53 Prozent) beobachte in der eigenen Kommune jedoch keine überfüllten Depotcontainer bzw. Unterflursysteme als Grund für ein unsachgemäßes Entsorgen von Müll. Interessant hierbei ist, dass lediglich jede fünfte befragte Person die Reinigung der Standplätze als schlecht oder ungenügend empfindet. Von den Befragten gaben 80 Prozent an, dass die eigene Kommune aktiv gegen wilden Müll vorgeht. Ob sich manche Bürgerinnen und Bürger nun aus Bequemlichkeit oder aufgrund finanzieller Motive für den Weg der illegalen Abfallentsorgung entscheiden – über die Beweggründe, warum immer mehr Müll achtlos weggeworfen wird, lässt sich nur spekulieren. Wenngleich die eine oder andere Stimme aus der Umfrage die Reinigung vermüllter Stellen inzwischen insofern problematisch empfindet, als die Verursachenden dadurch unsachgemäßes Wegwerfen als einen regulären Entsorgungsweg wahrnehmen, bleibt das Ziel eines sauberen Stadtbilds für Kommunen bestehen. Bei der Beseitigung von wilden Abfallbergen gibt es gemäß den Umfrageergebnissen zwei zentrale Schwierigkeiten: die Frage der Zuständigkeit und fehlendes Personal. Ob der kommunale Entsorgungsbetrieb, die Straßenreinigung, der Baulastträger, die Gemeinde selbst oder eine andere Stelle die wilden Müllablagerungen beseitigt, ist vom Ort der Verschmutzung abhängig. Einige Umfrageteilnehmende berichten, dass die Kooperation zwischen allen Beteiligten gut funktioniere, jedoch insbesondere bei der Zurückverfolgung der Verursachenden von wildem Müll ausreichend Personal fehle. Andere Personen empfinden, dass die Zusammenarbeit und die Kommunikation zwischen den zuständigen Stellen noch ausbaufähig seien, um die Beseitigung illegalen Mülls effizienter zu gestalten. Es fehle noch an einem unkomplizierten allgemeingültigen Weg, den alle Beteiligten unterstützen, so eine Stimme der Umfrage. Die Überwachung relevanter Bereiche und das Einleiten von Bußgeld- und Strafverfahren erachten die Umfrageteilnehmenden als am wirksamsten, um den Verursachenden das illegale Entsorgen von Müll zu verleiden. Hierbei bemerkten einige der befragten Personen jedoch, dass eine Überwachung mittels Kamera aus Datenschutzgründen nur äußerst schwer durchzusetzen sei und es für eine Personenüberwachung in einigen Kommunen an finanziellen Mitteln fehle. Im Hinblick auf die Einleitung gerichtlicher Verfahren äußerten die Umfrageteilnehmenden, dass die örtlichen Behörden wegen der Beweispflicht auf Seiten der Städte hier geringe Erfolgschancen sehen. www.Themennetzwerke.de

11 3/4 2022 Titel Bittere Pillen für die Umwelt Arzneimittel sind für die Gesundheit bei von Mensch und Tier unverzichtbar, aber sie werden zu einem Umweltproblem, wenn ihre Rückstände in die Umwelt gelangen. Zu einer Verschmutzung durch Arzneimittel kann es kommen, wenn Rückstände nach dem Verzehr ausgeschieden werden oder wenn unbenutzte oder abgelaufene Arzneimittel unsachgemäß entsorgt werden. Haushaltsmedikamente können aus mehreren Gründen zu Abfall werden. Nichtbeachtung der Dosierempfehlung, vorzeitige Genesung, Therapiewechsel oder Verschreibungs- und Kauffehler können dazu führen, dass Medikamente im Haushalt unbenutzt bleiben oder die Haltbarkeitsfristen ablaufen. Die Schätzungen über den Anteil von Medikamenten, die im Haushalt zu Abfall werden, reichen von 3 % bis zu 50 %. In Frankreich wurden 2018 schätzungsweise 17.600 Tonnen unbenutzte oder abgelaufene Medikamente von den Haushalten entsorgt, was 260 g pro Kopf entspricht. Demografische, epidemiologische und lebensstilbedingte Veränderungen wie eine alternde und wachsende Be- Die Entsorgung von Altmedikamenten ist theraphiebedürftig: Nicht verwendete oder abgelaufene Arzneimittel schädigen die Umwelt ebenso, wie deren bestimmungsgemäßer Umgang als Medizin. Die Folgen von Hormonen und anderen Pharmazeutika in der Umwelt sind sattsam bekannt, doch der Umgang mit dem Problem ist in vielen Ländern sehr unterschiedlich. Und Deutschland nimmt eine Sonderrolle ein. Eine aktuelle OECD-Studie beleuchtet das Problem.

12 3/4 2022 Titel völkerung, die Zunahme chronischer Erkrankungen, die Verfügbarkeit preiswerter Generika und Veränderungen in der klinischen Praxis haben dazu geführt, dass in den OECD-Ländern immer mehr Arzneimittel verschrieben und verwendet werden. Daher steigt auch die Menge an nicht verwendeten Arzneimitteln, die zu Abfall werden, so dass deren umweltgerechte Entsorgung immer wichtiger wird. Einer der wichtigsten Eintragspfade in die Umwelt, so der jüngst veröffentlichte OECD-Report „Management of Pharmaceutical Household Waste“, sind Medikamente, die über Waschbecken und Toiletten „entsorgt“ werden. Ihre Inhaltsstoffe gelangen über Abwassersysteme und Kläranlage in die Vorfluter und letztlich in Flüsse, Seen und das Meer. Probleme für die Kläranlagen Herkömmliche Kläranlagen sind nicht dafür ausgelegt, Arzneimittel zu entfernen, was dazu führt, dass sie meist in unveränderter oder metabolisierter Form in die Gewässer-Organismen gelangen. Teilweise reichern sie sich auch im Klärschlamm an. Von dort gelangen sie in die Umwelt, wenn Klärschlamm auf landwirtschaftlich genutzte Flächen ausgebracht oder kompostiert wird – beides gängige Praktiken in den meisten OECD-Ländern. Die unsachgemäße Entsorgung unbenutzter oder abgelaufener Arzneimittel hat mehrere Auswirkungen. Bestimmte Arzneimittel haben nachweislich negative Auswirkungen auf die Ökosysteme, einschließlich einer erhöhten Sterblichkeitsrate bei Wasserlebewesen und Veränderungen der Physiologie, des Verhaltens oder der Fortpflanzung. Antibiotika können auch zu Mutationen und zur Entwicklung antimikrobiell resistenter Bakterien führen. Ferner besteht auch ein mögliches Risiko für die öffentliche Gesundheit durch versehentlichen oder absichtlichen Missbrauch und Vergiftung, wenn unbenutzte Arzneimittel aus öffentlichen oder privaten Abfallbehältern entnommen werden, warnt die OECD. Außerdem stellen nicht verwendete Arzneimittel eine Verschwendung von Gesundheitsressourcen und wirtschaftliche Verluste dar. Zwar machen Altmedikamente nur einen Teil der pharmazeutischen Substanzen aus, die in die Umwelt gelangen; jedoch können sie relativ einfach und kosteneffizient vermieden werden. Restbestände von Medikamenten, die ins Abwasser gelangen, können nur durch kostenintensive Aufrüstung von Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe abgefangen werden. Aus diesem Grund nahm die OECD in diesem Report speziell den Abfallstrom von Altmedikamenten in den Fokus und empfiehlt eine Reihe politischer Maßnahmen, wie eine fachgerechte Entsorgung sichergestellt werden kann: • Präventionsmaßnahmen wie eine verbesserte Krankheitsvorbeugung, eine stärker auf den Patienten bezogene Therapie und eine bessere Dimensionierung der Verpackungsgrößen könnten dazu beitragen, Arzneimittelabfälle zu vermeiden. Eine Studie in den Niederlanden schätzt, dass etwa 40 % der Arzneimittelabfälle durch unbenutzte oder abgelaufene Medikamente vermieden werden könnten. • Marktplätze für unbenutzte Arzneimittel, deren Verfallsdatum bald abläuft, und deren Umverteilung können ebenfalls dazu beitragen, Angebot und Nachfrage besser aufeinander abzustimmen und Verschwendung zu vermeiden. Es gibt z.B. Initiativen, die es Apotheken ermöglicht, Medikamentenbestände an andere Apotheken abzugeben, bevor diese unverkauft ihren Verfalltag erreicht. • Eine ordnungsgemäße Sammlung und Entsorgung nicht verwendeter oder abgelaufener Arzneimittel bleibt unerlässlich. Systeme der erweiterten Herstellerverantwortung haben sich dabei als wirksamer Ansatz zur Organisation einer umweltgerechten Getrennt-Sammlung und Entsorgung erwiesen. Die Studie nennt die vier OECD-Länder Frankreich, Schweden, Portugal und Spanien als diejenigen mit den Rückstände von Altmedikamenten beeinträchtigen die Ökosysteme nachhaltig. Ihren Eintrag in die Umwelt gilt es, mit politischen, organisatorischen und technischen Maßnahmen so gering wie möglich zu halten. Foto: M. Boeckh In Luxemburg werden Altmedikamente separat gesammelt und entsorgt. Foto: M. Boeckh

13 3/4 2022 Titel höchsten Sammelquoten; alle vier Länder verfügen über ein System der erweiterten Herstellerverantwortung mit flächendeckender Abdeckung und mit Sammelstellen in Apotheken. Alternative Ansätze wie öffentlich finanzierte Rücknahmesysteme können ebenfalls wirksam sein, setzen aber nicht das Verursacherprinzip um. Vier Länder sammeln viel Die ökologische Notwendigkeit einer getrennten Sammlung von pharmazeutischen Abfällen hängt nach Einschätzung der OECD weitgehend vom Verbleib der gemischten Siedlungsabfälle ab. In Ländern, in denen gemischte Haushaltsabfälle zur Verbrennung in Anlagen mit ordnungsgemäßer Luftreinigung und Aschebehandlung bestimmt sind, ist das Risiko des Eintrags pharmazeutischer Wirkstoffe in die Umwelt über eine Entsorgung im Hausratsabfall begrenzt. Wenn Altmedikamente getrennt gesammelt werden, sind sie, so zitiert die OECD entsprechende Studien, idealerweise bei Temperaturen von mindestens 850 °C, besser 1000 °C zu verbrennen. Da in Deutschland Restmüll nicht ohne thermische Behandlung deponiert werden darf, besteht hier weniger die Gefahr einer Kontaminierung der Umwelt mit Altmedikamenten, die über den Hausmüll entsorgt wurden. Jedoch müsse, so die OECD, auch in Deutschland sichergestellt werden, dass besonders flüssige Altmedikamente nicht in der Toilette oder im Ausguss entsorgt werden. • In vielen Ländern haben Verbraucher nur ein geringes Bewusstsein für eine ordnungsgemäße Entsorgung von Altmedikamenten. In Lettland gaben 60 % der Befragten zu, dass sie nicht wussten, wie man unbenutzte oder abgelaufene Medikamente richtig entsorgt. Eine in den Niederlanden durchgeführte Umfrage ergab, dass 17,5 % der Befragten nicht wussten, dass flüssige Arzneimittel nicht weggespült werden sollten. Auch in Deutschland gibt es noch Bedarf zur Aufklärung. Einer Umfrage zufolge findet die Entsorgung von Altarzneimitteln über die häuslichen Abwässer noch in relevantem Umfang statt: circa 10 % der Bevölkerung entsorgen zumindest manchmal übrig gebliebene Tabletten in der Toilette während dieser Wert bei flüssigen Medikamenten sogar bei rund einem Drittel liegt. Um das Bewusstsein der Bürger für die ordnungsgemäße Entsorgung und/oder die Existenz von Rücknahmesystemen für Arzneimittel zu schärfen, sollten die Regierungen gezielte Kommunikationskampagnen entwickeln oder die Hersteller mit ihrer Produktverantwortung mit ins Boot holen. Martin Boeckh, Gaiberg

14 3/4 2022 Titel Mögliche Maßnahmen zur Sensibilisierung und Verhaltensänderung Maßnahme Beschreibung Beispielhafte Initiative Informationskampagnen Informationskampagnen können den Bekanntheitsgrad und die Nutzungsrate von Rücknahmesystemen erhöhen. Sie können von Behörden, dem Privat- sektor oder NGOs finanziert und durchgeführt werden oder eine begleitende Anforderung bei der Gestaltung von EPR-Systemen sein. Die Medsdisposal-Kampagne, eine gemeinsame Initiative der europäischen Verbände des Gesundheitswesens, der Industrie und der Apotheker, zielt darauf ab, Informationen darüber bereitzustellen, wie UEM in den verschiedenen EU-Ländern ordnungsgemäß entsorgt werden können. Anreize für die Rückgabe von Medikamenten an Apotheken Anreize für die Rückgabe von Medikamenten an Sammelstellen, wie Rückerstattungen oder andere Belohnungen, um die Verbraucher zu einer angemessenen Entsorgungspraxis zu bewegen. In Schweden bieten die meisten Apothekenketten den Verbrauchern Bonuspunkte für die Rückgabe von UEM an Sammelstellen an. Bereitstellung von Produktinformationen Besondere Hinweise zur Entsorgung, die auf der äußeren Verpackung von Arzneimitteln, in der Packungsbeilage oder auf dem Etikett des Medikaments stehen, können zu einer stärkeren Sensibilisierung und Verhaltensänderung der Verbraucher führen. In der EU ist die Bereitstellung dieser Informationen obligatorisch. 1) Umweltzeichen für Produkte Umweltzeichen zu den Umweltauswirkungen verschiedener Arzneimittel und andere Produktinformationssysteme können die Verbraucher bei der Auswahl und Bewusstseinsbildung unterstützen und Ärzten bei der Verschreibung von Medikamenten helfen. In der schwedischen Region Stockholm wurde eine „weise Liste“ erstellt, die auf der Grundlage wissenschaftlicher Unterlagen über die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit sowie die pharmazeutische Wirksamkeit Empfehlungen für Medikamente enthält. Diese Liste wird an Ärzte verteilt und öffentlich zugänglich gemacht. Umwelt-Klassifizierungs- systeme Ähnlich wie bei der Umweltkennzeichnung von Produkten ermöglichen Umwelt-Klassifizierungssysteme den Ärzten, fundierte Verschreibungsentscheidungen zu treffen. Der schwedische Verband der pharmazeutischen Industrie (Läkemedelsindustriföreningens Service AB) hat ein Umwelt-Klassifizierungssystem entwickelt, das bisher ca. 200 Wirkstoffe umfasst. Pharmazeutische Unternehmen können freiwillig Informationen eingeben, die dann online für Verbraucher und Verschreiber zugänglich gemacht werden. UEM: Unbenutzte oder abgelaufene Medikamente NGO: Nicht-Regierungsorganisation 1) Hinweis: In der EU-Richtlinie 2004/27/EG (Artikel 54j) heißt es: „Auf der äußeren Umhüllung von Arzneimitteln oder, falls keine äußere Umhüllung vorhanden ist, auf der Primärverpackung ist ein Hinweis auf ein gegebenenfalls vorhandenes geeignetes Sammelsystem anzubringen“. Quelle: OECD

15 3/4 2022 Titel Peter Börkey und Frithjof Laubinger aus dem OECD Umweltdirektorat erklären die Ziele der OECD-Studie „Management of Pharmaceutical Household Waste“, die in diesen Tagen veröffentlicht wurde. ENTSORGA-Magazin: Herr Börkey, wer hat die jüngst veröffentlichte OECD-Studie beauftragt? Peter Börkey: Auftraggeber unserer Studie ist das Kollektiv aller unserer Mitgliedsländer. Das ist nicht Sache eines Landes. Die Studie ist Teil unseres Arbeitsprogramms 2021/2022, das unsere Mitgliedsländer alle zwei Jahre zusammen definieren. ENTSORGA: Was war das Ziel der Studie? Ging es eher darum, neue Erkenntnisse über Umwelteinflüsse aus Sicht der Naturwissenschaft zusammenzutragen oder wollten Sie nur Handlungsempfehlungen an die Politik Ihrer Mitgliedsländer geben? Frithjof Laubinger: Dass pharmazeutische Substanzen besorgniserregende Auswirkungen auf unsere Umwelt, auf Ökosysteme und auch auf unsere Gesundheit haben, belegen bereits viele Studien. Die falsche Entsorgung pharmazeutischer Abfälle trägt dazu bei, ebenso wie Medikamente, die nach dem Konsum ausgeschieden werden. Während Restbestände von Medikamenten im Abwasser nur durch kostenintensive End-of-pipe-Technologien und Aufrüstung von Kläranlagen abgefangen werden können, lässt sich die Kontaminierung der Umwelt schon signifikant und kosteneffizient verringert, wenn ungenutzte oder abgelaufene Medikamente fachgerecht gesammelt und entsorgt werden. Aus diesen Gründen ging es in diesem Projekt speziell darum, das Problem der unbenutzten, pharmazeutischen Abfälle zu beleuchten und hieraus Handlungsempfehlungen für die Regierungen unserer Mitgliedsländer zu formulieren. ENTSORGA: Wäre es nicht sinnvoll, auch die Eintragswege von Arzneimitteln in unsere Ökosysteme genau zu analysieren, um daraus wirksame Strategien zu entwickeln? Börkey: Durchaus. Aber das haben wir bereits in unserer früheren Studie aus dem Jahr 2019 gemacht: „Pharmaceutical Residues in Freshwater – Hazards and Policy Responses“, zu Deutsch: „Rückstände von Arzneimitteln in Süßwasser – Gefährdungen und politische Maßnahmen“. Laubinger: Dort haben wir die Eintragsquellen in die Umwelt und vor allem ins Süßwasser genau beschrieben und haben wissenschaftliche Erkenntnisse aus Einzelstudien zusammengetragen. In unserem neuen Report ging es nun speziell um Altmedikamente. ENTSORGA: Wissenschaftler warnen vor immer neuen Substanzen wie bestimmte Schmerzmitteln oder auch Süßungsmitteln, die massiv in das Ökosystem unserer Flüsse und Seen eingreifen und das Fortpflanzungsverhalten und das Wachstum von Fischen beeinflussen…. Börkey: …in gewisser Weise sind alle betrachteten Stoffe neu, denn es sind Substanzen, deren Ausbreitung unkontrolliert abläuft und für die es keine Methoden gibt, sie zum Beispiel aus den Abwässern herauszufiltern. Auch gibt es teilweise noch Ungewissheiten über die genauen ökotoxikologischen Effekte von pharmazeutischen Substanzen in unserem Ökosystem. Gemäß des Vorsorgeprinzips empfehlen wir daher die Kontaminierung – so gut es geht – zu minimieren. ENTSORGA: Dafür empfehlen Sie sogenannte Marktplätze, um diese Medikamente zu handeln, also zu verkaufen. Steht das nicht im Widerspruch zu medizinischen Erfordernissen und hygienischen Anforderungen? Börkey: Nein. Solche Marktplätze gibt es in Ländern wie den Niederlanden tatsächlich. Aber um das klarzustellen: Es geht nicht um Marktplätze wie ebay, sondern um einen Marktplatz zwischen Apotheken, auf dem sie sich vernetzen können und ihre unverkauften Medikamentenbestände, die noch nicht abgelaufen sind, untereinander Alt-Medikamente sind in bei den Pharmazeuten gut aufgehoben Zurück zur Apotheke Peter Börkey (oben) ist Leiter des Arbeitsbereichs für Kreislaufwirtschaft im Umweltdirektorat der OECD, Frithjof Laubinger ist dort Umweltökonom. Beide arbeiten bei der OECD in Paris und waren verantwortlich für den OECD-Bericht „Management of Pharmaceutical Household Waste“, ein Ergebnis des OECD-Ausschusses für Umweltpolitik (EPOC) und seiner Arbeitsgruppe für Ressourcenproduktivität und Abfall (WPRPW). Fotos: OECD/privat

16 3/4 2022 Titel Börkey: Ja. Eine Produzentenverantwortung für ein separates Sammelsystem gibt es hier nicht. Jedoch ist Deutschland auch ein Sonderfall. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) argumentiert auf unsere Vorschläge einer getrennten Altmedikamenten-Sammlung, dass das in Deutschland nicht notwendig sei, da es seit dem Jahr 2005 hier keine direkte Deponierung von Haushaltsabfällen gebe und alles in die Verbrennung gelangt. Eine Beeinträchtigung der Umwelt ist also über eine Entsorgung im Hausmüll ausgeschlossen. Wir haben das vonseiten der OECD auch so akzeptiert und empfehlen die getrennte Sammlung von Altmedikamenten immer dann, wenn es keine flächendeckende Müllverbrennung gibt. In den meisten Ländern landet aber noch ein großer Teil des Hausmülls auf der Deponie. ENTSORGA: Wir haben in Deutschland zwar eine vollständige Abfallverbrennung, aber beim Abwasser greift das nicht. Vieles landet in Toilette oder Waschbecken. Laubinger: Wie gesagt, gibt es in Deutschland kein getrenntes Sammelsystem. Aber es gibt auf EU-Level bereits Vorgaben, dass bestimmte Medikamente wie Zytostatika als Gefahrgut („Hazardous Waste“) angesehen werden. Auch Deutschland ist verpflichtet, Restbestände dieser Medikamente fachgerecht zu sammeln und zu entsorgen. schon seit vielen Jahren eine Produzentenverantwortung. Das funktioniert sehr gut. Auch in Ländern wie Schweden, Portugal und Spanien gibt es vergleichbare Rücknahmesy- steme – und zwar bereits flächendeckend und nicht im Versuchsstadium. In einigen Ländern nehmen Apotheken sogar die gebrauchten Nadeln von Insulin-Patienten zurück und lagern und transportieren sie in sicheren Kunststoff-Behältnissen. Börkey: Der Schlüssel ist eine bindende Herstellerverantwortung, die das Rücknahmesystem organisiert und auch finanziert. ENTSORGA: Davon sind wir in Deutschland wohl noch ein ganzes Stück entfernt. Oder? handeln können. Es geht daher ausschließlich um Medikamente, bevor diese den Patienten erreicht haben. Es gibt Apotheken, die eine zu große Bestellung aufgenommen haben, deren Ablaufdatum nun droht. ENTSORGA: Ein mengenmäßig größeres Problem dürften doch sicherlich die Restbestände bei den Patienten darstellen – nicht aufgebrauchte Medikamente, weil die Medikamentierung geändert wurde oder weil das Haltbarkeitsdatum überschritten ist. Sie fordern ein Sammelsystem bei den Apotheken. In Deutschland wehren sich die Apotheker vehement gegen diese Rücknahme – aus unterschiedlichen Gründen. Finanzierung, Hygiene und Ansteckungsgefahren sind die wichtigsten. Börkey: Ich halte das für ein systematisches Problem. Wo immer man die Hersteller in die Pflicht nimmt und gesetzliche Rahmenbed i ngungen schafft, funktioniert das auch. Das Beispiel der Elektronikschrott-Sammlung über die Verkaufsstellen nach der Novelle des ElektroG beweist das. In Frankreich haben wir so ein System auch für Altmedikamente. Auch hier sträubten sich die Apotheker zunächst, vor allem, weil sie Fläche für die Sammlung in den Läden bereitstellen mussten. Aber das hat sich sehr schnell gewandelt, als sie verstanden haben, dass das auch Kunden in die Geschäfte zieht. Man erkannte, dass sich die Kundenfrequenz erhöhte. Im Endeffekt ist das Problem hier in Frankreich verschwunden. Laubinger: In Frankreich gibt es nun Wer ist die OECD? Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist eine internationale Organisation mit 38 Mitgliedstaaten, deren Ziel eine bessere Politik für ein besseres Leben ist – eine Politik, die Wohlstand, Gerechtigkeit, Chancen und Lebensqualität für alle sichern soll. Die meisten Mitglieder gehören zu den Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen und gelten als entwickelte Länder. Gemeinsam mit Regierungen, Politikverantwortlichen und Bürgern arbeitet die OECD an internationalen Normen und evidenzgestützten Lösungen für ein breites Spektrum sozialer, ökonomischer und ökologischer Herausforderungen. Seit der Verabschiedung der Agenda 2030 im Jahr 2015 für nachhaltige Entwicklung und ihrer 17 Ziele (Sustainable Development Goals, SDGs) haben die OECD-Länder zwar Fortschritte gemacht, jedoch bislang nur ein Viertel der messbaren Zielvorgaben erreicht beziehungsweise so gut wie erreicht.

3/4 2022 17 Titel ENTSORGA: Für flüssige, nicht ganz so problematische Substanzen wie Antibiotika, Schmerzmittel oder Hustensäfte greift das aber nicht. Was soll der Verbraucher damit machen? Laubinger: In jedem Fall sollten Altmedikamente, auch flüssige Altmedikamente, nicht im Abwasser landen. Flüssige Medikamente werden noch allzu oft über Ausguss oder Toilette entsorgt. Meist handelt sich um eher kleine Mengen an Flüssigkeit, die in Flaschen abgepackt sind. Wir empfehlen, sie nicht im Ausguss zu entleeren, sondern sie verschlossen über den Restmüll zu entsorgen. In Deutschland gibt es auf jeden Fall noch Aufklärungsbedarf, und Kommunikationskampagnen sind sinnvoll. ENTSORGA: Wie bewerten Sie die Möglichkeiten, zum Beispiel in Kliniken und Altenheimen separate Urin- und Stuhl-Sammelsysteme zu errichten? Und würde nicht auch eine Verpflichtung auf eine 4. Reinigungsstufe in Kläranlagen mit Aktivkohle oder Ozonierung schon bei der Abwasserbelastung helfen? Börkey: Generell fokussieren wir uns in dem OECD-Report auf die Medikamente, die nicht konsumiert wurden. Die müssen vernünftig entsorgt werden. Es ist richtig, dass eine wichtige Quelle von Hormonen und anderen Substanzen in der Umwelt der Mensch darstellt – also nach seinem Konsum und der Ausscheidung in Stuhl und Urin. Da gibt es deutliche Hotspots in Krankenhäusern und Altenheimen. Das ist eine andere Frage, wie man damit umgeht. Wenn man vorab die überzähligen Medikamente reduziert, bevor sie in der Umwelt landen, ist dies ein kosteneffizienter erster Schritt, den wir für sinnvoll halten. Flächendeckend eine 4. Reinigungsstufe einzuführen, wäre sehr kosten- und energieintensiv. Und ganz wichtig: Das macht auch nur Sinn, wenn der anfallende Klärschlamm auch verbrannt und nicht in der Landwirtschaft verbracht wird. ENTSORGA: Sie kritisieren das geringe Verbraucherbewusstsein bei der Entsorgung von Medikamenten, wo doch die Deutschen als „Müll-Trenn-Weltmeister“ gelten. Wie passt das zusammen? Laubinger: Es gibt zwei wichtige Stützen, um die Umweltbeeinträchtigung durch Altmedikamente zu reduzieren: Auf der einen Seite müssen sichere Sammel- und Entsorgungsstrukturen vorhanden sein, auf der anderen Seite ist es das Verbraucherbewusstsein. Studien zeigen, dass in den meisten Ländern noch eine deutliche Kenntnislücke beim Verbraucher besteht, und leider entsorgen allzu viele Bürger ihre Altmedikamente noch immer über die Toilette. Börkey: Auch in diesem Punkt wäre eine Herstellerverantwortung hilfreich und vor allem kostenneutral für die öffentliche Hand. Laubinger: In einigen Ländern mit Herstellerverantwortung, sind Produzenten verpflichtet, auch einen gewissen Teil des Budgets in Kommunikations- und Informationskampagnen zu investieren. ENTSORGA: Wie realistisch ist das? Wenn man sich die klassischen Medikamenten-Beipackzettel anschaut mit der üblichen 6-Punkt-Schrift über drei Seiten – das liest doch niemand! Auch keinen Hinweis „Medikamente gehören nicht in die Umwelt“. Börkey: Das kommt ganz darauf an, wie man die Kommunikation organisiert. Beipackzettel-Hinweise genügen natürlich nicht. In Frankreich geschieht das sehr offensiv mit Werbeaktionen in Printmedien und im TV. Das Vorgehen ist im Pflichtenheft der Hersteller fest verankert. Laubinger: In anderen Ländern, wie in Kanada wird auch über Soziale Medien für eine fachgerechte Entsorgung geworben, um auch jüngere Bevölkerungsgruppen zu erreichen.

18 3/4 2022 Aus Schaden klüger werden Am 14. Juli und in der Nacht auf den 15. Juli 2021 fielen in Teilen von Rheinland-Pfalz und von NRW binnen 24 Stunden 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter; an manchen Stationen wurden bis zu 200 l/m2 gemessen – katastrophal mehr, als üblicherweise in den Regionen innerhalb eines ganzen Monats fällt. In der Folge der Starkregen-Ereignisse kam es in den betroffenen Regionen zu Sturzfluten und massiven Überschwemmungen, die zu Toten und enormen Schäden führten. Die Flutkatastrophe zerstörte neben Wohnhäusern und Wirtschaftsgebäuden zahlreiche Bahnstrecken, Straßen, Brücken, Mobilfunkmasten, sowie vielerorts auch die Gas-, Strom- und Wasserversorgung. „Innerhalb weniger Stunden entstanden etwa 450.000 t an Abfällen mit Entsorgungskosten von Mitte Juli 2021 kam es in den Bundesländern Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zu extremen Unwettern. Es fand die bis dato größte Zerstörung von Infrastruktur und Wirtschaftsflächen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg statt. Die Entsorgungswirtschaft stand vor einer bis dahin nicht gekannten Herausforderung. Nun stellen Entsorger Forderungen, um künftige Katastrophen besser bewältigen zu können. Abfallwirtschaft Die Flutkatastrophe an der Ahr löste eine Müllflut aus Das Jahrhundertereignis der Ahrtalflut könnte nach Ansicht von Geographen und Klimaforschern dank Klimawandel nun häufiger auftreten; Entsorger stellen nun Forderungen, um solche Katastrophen künftig besser managen zu können. Foto: pixabay/Shary Reeves

19 3/4 2022 gut 135 Mio. Euro“, berichtete Sascha Hurtenbach, Werkleiter des Abfallwirtschaftsbetriebs Landkreis Ahrweiler (AWB) auf dem jüngsten Kasseler Abfall- und Ressourcenforum. „Wir schätzten anfangs, dass 25.000 Bewohner in 12.500 Haushalten direkt betroffen waren und rund 6.700 Objekte einen unterschiedlich starken Zerstörungsgrad aufwiesen“, so Hurtenbach. Die derzeitige Gesamtbilanz im Bereich des AWB: • 60 zerstörte Brücken • 74 km beschädigte Straßen, davon 5,2 km völlig zerstört • 20 km Bahntrasse der Ahrtalbahn völlig zerstört • 80 km Kanal- und Gasnetz zerstört • 5 Kläranlagen zerstört • 5 Krankenhäuser, 36 Arztpraxen, 10 Apotheken beschädigt oder zerstört • circa 4.500 zerstörte Pkw, Lkw und Busse • 5 Friedhöfe mittel bis stark beschädigt • 134 Tote in der Flutnacht Die Menschen waren über Tage und sogar einige Wochen teilweise ohne Obdach, ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne medizinische Versorgung, ohne Nahrungsmittelversorgung und umgeben von Trümmern, Schlamm und Abfällen. Abfallwirtschaft Abfallströme, die in Folge einer Naturkatastrophe entstehen, sind sehr unterschiedlich: Ein Wirbelsturm verursacht andere Abfallströme, als eine Überflutung, eine Lawine oder ein Erdrutsch. Das Wasser ließ typische Flutabfälle im Katastrophengebiet entstehen: So überschwemmte die Ahr weite Teile des Tals über 40 km Länge. Campingplätze samt Wohnwagen und Zelten und ganze Häuser in massiver Bauart trieben vor die Ahrbrücken, wurden vom Wasserdruck gleichsam geschreddert und rissen schließlich die 60 Brücken nieder. Treibgut in Form von in Poldern gelagerten Baumstämmen („Käferholz“) schwamm vom Starkregen die Hänge hinunter und riss Erdmassen, Geröll und alles andere mit, was im Abflussweg lag. Berechnungen der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord (dort Obere Wasserbehörde) errechnete später, dass der Ahrpegel wegen des Treibguts in der Ahr etwa zwei Meter höher lag, als ohne dieses Treibgut. Das bedeutet, so folgert Sascha Hurtenbach, dass ohne diese Treibgut-Belastung weite Teile des Ahrtals von der Katastrophe verschont geblieben wären. Dadurch, dass die Menschen im Tal verbleiben wollten, um den Aufbau sicherzustellen und die

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