Entsorga 1/2023

1 1/2023 Editorial 1 März 2023 Autoindustrie Die neue Lust auf Kreislauf Das Fachmagaz i n für Kre i s l aufwi r tschaf t Müllverbrennung Wie hoch ist das CO2-Potenzial? Special Baustoffrecycling SK-Grafik | Uta Struhalla-Kautz Wie der Finanzmarkt die Kreislaufwirtschaft voranbringen soll Grünes Kapital für die Circular Economy

2 1/2023

3 1/2023 Editorial Was haben wir in den vergangenen Jahren nicht alles versucht, damit die Welt grüner und nachhaltiger wird. Quoten, Verbote, Verursacherprinzip und Emissionshandel – um nur einige der wichtigsten Instrumente aus dem Werkzeugkasten der Umweltpolitik zu nennen – sind und bleiben wichtige Steuerungsinstrumente, um eine nachhaltige und klimaneutrale Zukunft zu erreichen. Doch Finanzströme als Steuerungsmittel der Umweltpolitik zu benutzen ist ein relativ neuer Gedanke: Derjenige, dessen Geschäftsmodell auf Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Klimaneutralität setzt, soll zu besseren Konditionen Geld bekommen, als diejenigen, die das nicht tun, so die Idee. Die Politik hat also mit dem Finanzmarkt einen riesigen Hebel in der Hand, um unser Wirtschaftssystem zu einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft zu transformieren. Die Circular Economy ist ein wesentlicher Baustein dieser Transformation und eine tragende Säule des europäischen Green Deals. Daher reden wir in dieser Ausgabe über Geld. Eine unvorstellbare Summe von 275 Billionen US-Dollar muss weltweit investiert werden, um das globale Netto-Null-Ziel zu erreichen, haben die Berater von McKinsey errechnet. Unlängst hat weltweit ein Run auf grünes Kapital eingesetzt – selbst die USA sind mit dem Inflation Reaktion Act (IRA) auf den Zug aufgesprungen und wollen grünes Kapital in die Staaten lenken. Doch auch in Europa wird noch viel Geld benötigt, um den Übergang zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft zu finanzieren. Wir sprachen daher mit Markus Hauck, noch bis Ende April CFO bei EEW, über Taxonomie, Green Bonds und die Frage, wie viel der Ausstieg aus der Abfalldeponierung die EU kosten wird. Die bislang einzige sinnvolle Möglichkeit, nicht-recycelbare Abfälle zu behandeln, ist die thermische Behandlung. Dabei entsteht CO2, das theoretisch abgeschieden und verwertet werden kann. Doch wie viel CO2 entsteht eigentlich bei der Müllverbrennung? Martin Treder, Geschäftsstellenleiter der ITAD, beantwortet dieser Frage in einem exklusiven Fachbeitrag. Das Recycling von Altautos stand nicht immer ganz oben auf der Agenda der deutschen Automobilindustrie. Doch das hat sich geändert. Kreislaufwirtschaft hat eine strategische Bedeutung erlangt. Unser Autor Frank Urbanky hat sich damit beschäftigt, wie Autos recycelt werden, während ich beim Münchner Autobauer BMW nachfragte, wie sie es mit der Kreislaufwirtschaft halten. Last but not least hat mein Kollege Bernd Waßmann auch für diese Ausgabe wieder ein hochkarätiges Special zusammengestellt, dieses Mal zum aktuellen Thema Baustoffrecycling – perfekt für die anstehenden Messen in Karlsruhe und Dortmund, die zur Demonstration der neuesten Techologien einladen. Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Pascal Hugo Money makes the world go green privat Pascal Hugo Redaktionelle Leitung

4 1/2023 Titel 9 Grünes Wettrüsten Mit dem Inflation Reduction Act der USA ist die grüne Transformation endgültig auf dem Weltmarkt angekommen. Droht ein „grünes Wettrüsten“ – zu Gunsten des Klimas, aber auf Kosten des Steuerzahlers und zulasten des Wettbewerbs? 11 Taxonomie und Green Bonds: Mit Kapital die Welt grüner machen Finanzströme gelten als ein großer Hebel, um die Produktionsweise von einem linearen auf ein zirkuläres Modell zu transformieren. Doch was ist die Taxonomie eigentlich? Und wie funktionieren Green Bonds? 14 Interview mit Markus Hauck: „Wir brauchen mindestens 30 Milliarden Euro“ Markus Hauck, bis Ende April noch CFO des Anlagenbeteibers EEW, spricht im Interview über seine Erfahrungen mit internationalen Investoren, die EU-Taxonomie und wie viel Geld wir brauchen, um in Europa aus der Abfalldeponierung auszusteigen. 18 Wie funktioniert der Einwegkunst- stofffonds? Mit dem Einwegkunststofffonds sollen die Hersteller von Wegwerfprodukten aus Plastik die Stadtreinigung mitfinanzieren. Wie funktioniert der Fonds? Digital Event 21 Urban Mining: Riesen-Chancen durch Rohstoff-Recycling Der Wettbewerb um viele Arten von Rohstoffen verschärft sich. Deutsche Unternehmen sind von stark von fragilen Lieferketten und Importen abhängig. Höchste Zeit, über „Urban Mining“ zu sprechen. Thermische Abfallbehandlung 22 Wie viel CO2 entsteht bei der Abfall- verbrennung? Kohlendioxid (CO2) gilt in der öffentlichen Debatte als der Klimakiller schlechthin. Dabei hat CO2 mehrere Gesichter – und kann als Rohstoff beispielsweise für die chemische Industrie dienen. Autorecycling 30 Gesetzlich verlangt, technisch möglich, ökologisch notwendig Altautos enthalten Materialien, die auch in Neuwagen benötigt werden. Doch bis zu einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft ist es noch ein weiter Weg. 35 Freude am Kreislauf Ist es möglich, ein Auto vollständig zirkulär zu bauen? Derzeit noch nicht, heißt es aus der Konzernzentrale des Autobauers BMW. Doch die Münchner verfolgen diese Vision konsequent. Kommunikation 38 So soll Hoffenheims Stadion zur Zero-Waste-Arena werden Bei Großveranstaltungen wie Fußballspielen oder Festivals kommt viel Abfall zusammen. PreZero nutzt die Namensrechte am Hoffenheimer Stadion, um das richtige Sortieren zu kommunizieren. Special Baustoffrecycling 42 Das Potenzial der Sekundärbaustoffe ist nicht ausgereizt Seit wenigen Wochen liegt der aktuelle Monitorbericht ‚Kreislaufwirtschaft Bau‘ vor. Fazit laut bvse-Geschäftsführer Stefan Schmidmeyer: Das positive Bild täuscht gewaltig. Inhalt Grünes Wettrüsten Spätestens im August 2022 ist die grüne Transformation endgültig auf dem Weltmarkt angekommen. Damals unterzeichnete US-Präsident Joe Biden den so genannten „Inflation Reduction Act“, eine Art Green Deal, der grüne Investitionen mit einem Konjunkturprogramm verbindet. Bild: imago images/IlluPics 9

5 1/2023 46 „So etwas nennt man einen zahnlosen Tiger“ Jörn P. Makko von der Bauindustrie Niedersachsen/Bremen sieht viele ungelöste Fragen beim Recycling. 49 Gigantische Rohstoffreserve Mineralische Altbaustoffe bilden eine riesige Menge an Rohstoffen für die Bauwirtschaft. Diese Menge kann systematisch gehoben werden – zugunsten von Bauherren und vor allem der Umwelt. 52 Betongold Urban Mining zielt auf die Wiederverwendung der in den Städten und Kommunen verbauten Baustoffe ab. Als erste Stadt Europas setzt Heidelberg mit dem Pilotprojekt „Circular City – Gebäude-Materialkataster für die Stadt Heidelberg“ auf diesen ökologischen Ansatz. 55 Ab August wird es erst richtig kompliziert Jeder der baut, umbaut oder abbricht, steht vor Resten, die er loswerden will. Es lohnt sich, das Abfallthema intensiver zu betrachten – um Kosten zu reduzieren und gleichzeitig die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen. 57 „Abrissmaterial ins Upcycling“ In der Gemeinde Heek im Münsterland hat die Unternehmensgruppe Büscher ein Verfahren für einen neuen Baustoff auf Basis von Abrissmaterial entwickelt. Das fertige Haus wurde kürzlich vorgestellt. Geschäftsleiter und Prokurist Thomas Overbeeke im Interview. Wasser und Abwasser 59 Neue Kläranlagentechnik: Rund statt flockig Weniger Platz, weniger Energie und weniger Fällungsmittel: Vor wenigen Monaten ging in Altena im Sauerland die erste Anlage Deutschlands mit aerober Granula-Technologie in Betrieb. 63 Grauwasser-Recycling mit Wärmerück- gewinnung Wasser- und Wärmerecycling in derselben Anlage, ohne Komforteinbuße. Was wie Wunschdenken aussieht, wird im Wohnungsbau bei einzelnen Objekten seit zehn Jahren mit Erfolg praktiziert. Inhalt Durchbruch gesucht Die Verwertungsquote bei mineralischen Bauabfällen ist hoch, aber: Sie substituieren nur 13 Prozent der Primärrohstoffe und bleiben damit hinter dem Möglichen weit zurück. Dabei sind die Aussichten eher rosig. Foto: IMAGO / Panthermedia 41 Industrie 68 Wärmetauscher entlang der H2-Wert- schöpfungskette Die Wasserstoffwirtschaft braucht langfristig kosteneffiziente Technologien. Bei der Elektrolyse wird noch zu viel überschüssige Abwärme ungenutzt freigesetzt. 71 Biologisch abbaubarer Baumschutz aus Zellulosefasern Die alpha-chem GmbH aus Öhringen hat eine biobasierte Alternative für Wuchshüllen zum Schutz von Bäumen direkt nach der Pflanzung vorgestellt. 71 Maßgeschneiderte Verteilerstationen In Wohnquartieren sind zentrale Wärmeerzeugungsanlagen auf dem Vormarsch. Als unkomplizierte Schnittstelle im individuellen Heizungskeller fungiert hier eine neue Hausübergabestation des Herstellers Malotech. Circular Gaming 72 Gigawatt: Energiewende managen Jahrelang ging die Energiewende in Deutschland eher schleppend voran. Sie meinen es besser zu können? Beim Brettspiel „Gigawatt“ können Sie zeigen, was Sie draufhaben. Rubriken 03 Editorial 06 Personen 07 Messen 74 Zu guter Letzt / Impressum Rund statt flockig Weniger Platz, weniger Energie und weniger Fällungsmittel. Die erste Anlage mit Granula-Technologie ist in Deutschland in Betrieb gegangen. Foto: Ruhrverband 59

6 1/2023 Zur Person Stühlerücken bei Deutschlands größtem Abfallverbrenner EEW: Timo Poppe wird zum 1. August neuer CEO beim Anlagenbetreiber EEW. Poppe ist derzeit geschäftsführender Gesellschafter Palladio Kommunal GmbH. Bernard Kemper, der EEW seit 2014 als CEO führt, wechselt im weiteren Verlauf des Jahres 2023 als Vorsitzender in den Aufsichtsrat des Unternehmens. Der 42-jährige Timo Poppe blickt nach Angaben von EEW auf eine langjährige Erfahrung in der deutschen Energie- und Wasserwirtschaft zurück. Unter anderem war er von 2012 bis 2015 Generalbevollmächtigter der EWE AG und gleichzeitig Vorstand der Bremer swb AG für das Ressort Netze. Von 2015 bis 2020 war Timo Poppe Vorstand Infrastruktur und Finanzen der swb AG. Darüber hinaus wird EEW-Finanzchef Markus Hauck das Unternehmen Ende April auf eigenen Wunsch und „im besten gegenseitigen Einvernehmen“ verlassen. Hauck, der seit 2013 CFO der EEW war, wird nach eigenen Angaben Finanzchef des Magdeburger Energiedienstleisters Getec. Unter seiner Leitung hatte EEW 2021 als erstes Unternehmen der thermischen Abfallverwertung überhaupt erfolgreich grüne Anleihen am Kapitalmarkt platziert (siehe Interview mit Markus Hauck auf Seite 14). Das Finanzressort von EEW wird bis auf Weiteres von CEO Bernard Kemper geführt. Remondis-Geschäftsführer Herwart Wilms hat zum 1. Januar 2023 die Vizepräsidentschaft des europäischen Recyclingverbandes FEAD übernommen. FEAD ist der Dachverband für die Verbände und Unternehmen der Kreislaufwirtschaft in Europa. In seiner neuen Funktion werde Wilms aktiv die Entwicklungen in Europa mitgestalten und die Interessen der deutschen Kreislaufwirtschaft auf europäischer Ebene vertreten, hatte Remondis über seinem Corporate Blog „Remondis Aktuell“ mitgeteilt. Eric Schweitzer wird die Leitung der Alba Group am 1. April 2023 abgeben und in den Gesellschafterausschuss des Unternehmens wechseln. Neuer CEO bei Alba wird ab April Robert Arbter, der derzeit noch als Finanzvorstand bei der Berliner Gegenbauer Holding beschäftigt ist. Arbter war in der gleichen Position als CFO zuvor bereits bei Alba tätig. „Robert Arbter kennt Alba und wird das Unternehmen tatkräftig und fachkundig als führenden Umweltdienstleister für Timo Poppe wird zum 1. August neuer CEO beim Anlagenbetreiber EEW. (Foto: EEW) Rohstoffe, Klimaschutz und Energiewende weiter ausbauen“, sagte Eric Schweitzer laut Unternehmensmitteilung. Die BSR-Tochter Berlin Recycling GmbH (BR) hat seit dem 1. März einen neuen Geschäftsführer. Der 43-jährige Sascha Förster verstärkt demnach als Sprecher der Geschäftsführung das Team der BR. Der Diplom-Ingenieur Förster ist seit über 15 Jahren in verantwortlichen Positionen in der Kreislaufwirtschaft tätig, zuletzt seit 2017 als Geschäftsführer der zur Jakob Becker-Gruppe gehörenden BEC Becker Elektrorecycling Chemnitz GmbH. Bei Hamburg Wasser ist die Staffelstabübergabe bei der kaufmännischen Geschäftsführung zum Jahresbeginn abgeschlossen worden. Seit Januar 2023 ist Gesine Strohmeyer nach einer einmonatigen Übergangszeit im Dezember 2022 nun alleinverantwortlich für die betriebswirtschaftlichen Belange bei Hamburg Wasser zuständig und leitet die Geschicke im Duo mit dem technischen Geschäftsführer und Sprecher der Geschäftsführung, Ingo Hannemann. Gesine Strohmeyer löst Johannes Brunner ab, der planmäßig zum Ende des Jahres 2022 in den Ruhestand verabschiedet wurde. Ämter und Posten Gesine Strohmeyer hat im Januar die kaufmännische Geschäftsführung bei Hamburg Wasser übernommen. (Foto: HAMBURG WASSER/Wiebke Pätz) Robert Arbter übernimmt zum 1. April die Leitung der Alba Group. (Foto: EEW)

7 1/2023 Messe 2 RecyclingAKTIV & TiefbauLIVE vom 27. Bis 29. April kompakt, persönlich, praxisnah Mit der Fachmesse RecyclingAKTIV & TiefbauLIVE (RATL) schafft die Messe Karlsruhe ein besonderes Erlebnis: auf über 90.000 Quadratmetern, wovon sich rund 95 Prozent der Ausstellungsfläche im Freigelände befindet, bietet diese Raum für einzigartige LIVE-Demonstrationen. Fünf thematische Demo-Formate mit professionell durchgeführten Shows bilden die Grundlage für den direkten Maschinenvergleich und somit auch für individuelle Innovationsvorhaben. Insbesondere die Zerkleinerungs- und Sortiertechnik, die im realen Betrieb und im direkten Maschinenvergleich auf der im Jahr 2022 pausierten Aktionsfläche „Holz & Biomasse“ erlebt werden kann, ist stark vertreten. Neben langjährigen Ausstellenden wie Jürgen Kölsch oder Komptech sind auch namhafte Neuzugänge vertreten, wie beispielsweise Eggersmann, UNTHA oder Vermeer. Insgesamt dürfen sich Besuchende auf 15 thematische Shows mit Maschinen- und Anlagentechnologien aus der Recyclingtechnik freuen, in denen die Stoffströme Holz und Biomasse und Schrott und Metall aufbereitet werden. Für weitere Informationen zur RATL scannen Sie einfach den QR-Code! Die RATL bietet viel Raum für Live-Demonstrationen. (Foto: Messe Karlsruhe)

8 1/2023 Nachrichten Messe Messe Recycling-Technik vom 29.-30. März in Dortmund Mit digital optimierten Prozessen in eine nachhaltigere Zukunft Am 29. und 30. März 2023 öffnet die Messe Dortmund für den gemeinsamen Auftritt von Recycling-Technik, Solids und Pumps & Valves ihre Tore. Die übergreifenden Kernthemen der diesjährigen Fachmessen sind in diesem Jahr Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Prozessoptimierung. In vier Hallen stellen Unternehmen, Dienstleister und Forschungseinrichtungen ihre Innovationen und verfahrenstechnischen Lösungen vor. Die Besucher sollen von den Synergieeffekten der drei parallel stattfindenden Fachmessen profitieren. Gemeinsamer Nenner sei der Umgang mit Granulaten, Pulvern, Schüttgütern und Flüssigkeiten. Vorträge am Puls der Zeit Über die Ausstellung hinaus bieten die drei Technologiemessen Fachbesuchern auch dieses Jahr wieder ein hochkarätig besetztes Rahmenprogramm. Experten aus Industrie und Forschung beleuchten in Fachvorträgen aktuelle Themen der Branchen. So wird Dirk Textor von der Graf Holding GmbH die Frage stellen, ob werkstoffliches und chemisches Recycling Gegner oder Partner sind. Mohammad Chehadé, Geschäftsführer Center for Circular Economy (CCE) der RWTH Aachen, wird über Fortschritte beim Kunststoff-, Batterie- und Textil-Recycling sowie der Trennung von Elektronikschrott berichten. Beim Baustoffrecycling Panel steht am zweiten Messetag das Thema „Sekundärbaustoffe im Hoch- und Tiefbau“ auf der Agenda. Wer die Messe besuchen will, kann den QR-Code abscannen und sich mit dem Code 1098 ein kostenfreies Messeticket im Wert von 30 Euro sichern. Fachmesse für Recycling-Technologien 29. - 30. März 2023 Messe Dortmund Parallel zur: © 2022 Easyfairs Group QR-Code scannen oder auf www.recycling-technik.com/registrierung einlösen IHR KOSTENFREIES MESSE-TICKET mit Code 1473 Premium-Partner

9 1/2023 Titel Grünes Wettrüsten Spätestens im August 2022 ist die grüne Transformation endgültig auf dem Weltmarkt angekommen. Damals unterzeichnete US-Präsident Joe Biden den so genannten „Inflation Reduction Act“, eine Art Green Deal, der grüne Investitionen mit einem Konjunkturprogramm verbindet. Droht nun ein „grünes Wettrüsten“ – zu Gunsten des Klimas, aber auf Kosten des Steuerzahlers und zulasten des Wettbewerbs? Die EU hatte mit ihrem Green Deal vorgelegt, die USA ziehen mit ihrem Inflation Reduction Act (IRA) nach. Was US-Präsident Joe Biden im August bekanntgab, ist nichts anderes als eine 180-Grad-Wende in der US-amerikanischen Wirtschaftspolitik. Mit einem Subventionspaket mit einem Volumen von 369 Milliarden US-Dollar wollen die Amerikaner die in der westlichen Hemisphäre davongaloppierende Inflation eindämmen und gleichzeitig die grüne Transformation beschleunigen. Mit dabei: unter anderem Steuergutschriften für CCUS, die Förderung von Technologieinnovationen in CO2-intensiven Sektoren sowie Subventionen für Fahrzeuge und Infrastruktur im Bereich der Elektromobilität. Nun wäre das für die Europäer eigentlich ein Grund zum Jubeln, denn die EU verfolgt vergleichbare Ziele und eine grüne transatlantische Allianz wäre vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar gewesen. Doch die Geldgeschenke aus Washington sollen eben auch der heimischen Industrie nutzen, und nicht unbedingt den Europäern oder – noch schlimmer – den Chinesen aus ihrer Wirtschaftskrise verhelfen. Lobbyverbände diesseits des Atlantiks fordern längst vergleichbare Programme. „Deutschland und die EU sind Bild: IMAGO/IlluPics nun aufgefordert, hierauf eine industrie- und handelspolitische Antwort zu geben“, heißt es in einem IRA-Dossier der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Die Forderungen unter anderem: eigene Förderinstrumente, Wasserstoffhochlauf, wettbewerbsfähige Energiepreise. Mit anderen Worten: Geld vom Staat. Die Antwort aus Brüssel folgte in Davos Die Antwort aus Brüssel folgte in Davos. Beim Weltwirtschaftsforum kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den „Green Deal Industrial Plan“ an. Die Strategie zielt darauf ab, Subventionen für grüne Industrien durchzusetzen und die Finanzierung von EU-weiten Projekten zu erhöhen, wie es der europäische Entsorgerverband FEAD zusammenfasste. Unter anderem will Brüssel staatliche Beihilfen vereinfachen. Von der Leyen bemühte sich darum, den Green Deal Industrial Plan nicht wie eine wirtschaftspolitische Kampfansage an Washington aussehen zu lassen. Natürlich nannte die Kommissionspräsidentin in ihrer Rede den IRA, doch auch andere Industrie- und Schwellenländer hätten längst Pläne für eine grüne Transformation vorgelegt: Japans Pläne zielten darauf ab, bis zu 20 Billionen japanische Yen – rund 140 Milliarden Euro – durch grüne Übergangsanleihen zu beschaffen. Indien habe das Production Linked Incentive Scheme vorgeschlagen, um seine Wettbewerbsfähigkeit in Bereichen wie Photovoltaik und Batterien zu verbessern. Großbritannien und Kanada hätten ebenfalls Investitionspläne für saubere Technologien vorgelegt. Angesichts der internationalen Konkurrenz will von der Leyen die alte Welt investitions- und innovationsfreudiger machen. „Das ist es, worauf Investoren auf den verschiedenen globalen Märkten für saubere Technologien ge-

10 1/2023 Titel nau achten“, so von der Leyen in Davos. Europa habe mit dem Green Deal den ersten Schritt getan, um den Weg zur Klimaneutralität bis 2050 zu ebnen. „Wir haben unser Netto-Null-Ziel in ein Gesetz gegossen, um der Wirtschaft die nötige Berechenbarkeit und Transparenz zu geben.“ Saubere Technologien seien der am schnellsten wachsende Investitionssektor in Europa. „Ihr Wert hat sich allein zwischen 2020 und 2021 verdoppelt“, sagte die Kommissionspräsidentin. „Diejenigen, die die Technologie entwickeln und herstellen, die die Grundlage der Wirtschaft von morgen sein wird, werden den größten Wettbewerbsvorteil haben.“ Bis 2050 müssen 275 Billionen US-Dollar grünes Kapital akquiriert werden Der Run auf grünes Kapital wird um so verständlicher, wenn man die Summen kennt, um die es geht. Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt, dass für das Erreichen des Ziels von Netto-Null-Treibhausgasemissionen bis 2050 in den nächsten drei Jahrzehnten weltweit 275 Billionen Dollar investiert werden müssen – hier ist die Bewältigung anderer Umweltprobleme nicht eingerechnet. Doch Geld allein reicht allein nicht für die Transformation. Dafür braucht es auch Rohstoffe – die mitunter von China kontrolliert werden. „Wir werden mit unseren Handelspartnern bei der Beschaffung, Produktion und Verarbeitung zusammenarbeiten, um das bestehende Monopol zu überwinden“, kündigte von der Leyen in Davos an. „Zu diesem Zweck können wir mit gleichgesinnten Partnern – von den USA bis zur Ukraine – einen Club für kritische Rohstoffe aufbauen, um die Lieferketten gemeinsam zu stärken und von einzelnen Lieferanten wegzukommen.“ Kommission will Genehmigungsver- fahren beschleunigen und vereinfachen Anfang Februar wurde die Brüsseler Behörde konkreter: Unter anderem will die Kommission Genehmigungsverfahren für die „Cleantech-Industrie“ vereinfachen und beschleunigen. Mit dem Gesetz über kritische Rohstoffe soll für die Branche ein ausreichender Zugang zu Materialien wie seltenen Erden sichergestellt werden, da sie für die Herstellung von Schlüsseltechnologien unerlässlich sind. Auch die Reform des Strommarktes ist Teil des Plans. Die zweite Säule des Plans soll die Investitionen und die Finanzierung der Produktion sauberer Technologien in Europa beschleunigen. Im Rahmen der Wettbewerbspolitik will die Kommission gleiche Wettbewerbsbedingungen im Binnenmarkt gewährleisten und gleichzeitig den Mitgliedstaaten die Gewährung der für einen raschen grünen Wandel erforderlichen Beihilfen erleichtern. Die Gewährung von Beihilfen soll beschleunigt und vereinfacht werden. Verbesserung der Kompetenzen Zwischen 35 und 40 Prozent aller Arbeitsplätze sind von der grünen Transformation betroffen. Daher will sich die Kommission auf die Entwicklung gut bezahlter, hochwertige Arbeitsplätze konzentrieren und für die erforderlichen Qualifikationen mittels so genannter „Net-Zero Industry Academies“ sorgen. Thema Fachkräftemangel: Die Kommission will den Zugang von Drittstaatsangehörigen zu den EU-Arbeitsmärkten in den vorrangigen Sektoren erleichtern. In der vierten Säule geht es um die globale Zusammenarbeit und darum, den Handel für den grünen Übergang zu nutzen, und zwar nach den Grundsätzen des fairen Wettbewerbs und des offenen Handels, aufbauend auf dem Engagement mit den Partnern der EU und der Arbeit der Welthandelsorganisation. Zu diesem Zweck will die Kommission das EU-Netz von Freihandelsabkommen und andere Formen der Zusammenarbeit mit Partnern zur Unterstützung des grünen Übergangs weiter ausbauen. Pascal Hugo „Diejenigen, die die Technologie entwickeln und herstellen, die die Grundlage der Wirtschaft von morgen sein wird, werden den größten Wettbewerbsvorteil haben.“ EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigt in Davos den Green Deal Industrial Plan an. Foto: IMAGO/Belga

11 1/2023 Titel Jeder macht was er will. Und jeder kann in der Regel gut begründen, warum sein Geschäftsmodell grün ist. Mit Ökobilanzen können sich auch die größten Dreckspatzen eine saubere Weste überziehen. Es kommt letzlich nur darauf an, wie die Parameter gesetzt werden. Die EU-Kommission will in das bunte Treiben um das grüne Image mehr Ordnung bringen – um Finanzinvestoren zu schützen und Finanzströme in die gewünschte Richtung zu lenken. Denn wenn sich jeder als „grün“ bezeichnen darf, wie sollen Finanzinvestoren dann wissen, welche wirtschaftliche Tätigkeit tatsächlich als grün gilt, und welche nicht? Taxonomie soll Ordnung schaffen Abhilfe soll die Taxonomie verschaffen, mit der Brüssel zum ersten Mal ein Taxonomie und Green Bonds Mit Kapital die Welt grüner machen EU-weites Klassifizierungssystem für ökologisch nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten geschaffen hat. Investoren sollen mit der Taxonomie Planungssicherheit erhalten, nachhaltig wirtschaftende Unternehmen sollen auf der anderen Seite einen bevorzugten Zugang zu Kapital erhalten. Ziel ist es, nachhaltige Investitionen auszuweiten, um die Umsetzung des europäischen Green Deals zu unterstützen. Finanzströme gelten als ein großer Hebel, um die Produktionsweise von einem linearen auf ein zirkuläres Modell zu transformieren. Wer nicht im Sinne der grünen Transformation wirtschaftet, bekommt kein Geld am Finanzmarkt – oder zu deutlich schlechteren Konditionen. Das ist die Idee. Doch was ist eigentlich wirklich „grün“ – und was nur Greenwashing? Foto: IMAGO/YAY Images

12 1/2023 Titel Den groben Rahmen legt die Taxonomieverordnung fest, die seit Januar 2022 in Kraft ist. Ins Eingemachte geht es für die meisten Branchen in den so genannten Delegierten Rechtsakten. Hier regelt die EU-Kommission im Wesentlichen selbst, was als eine taxonomiekonforme wirtschaftliche Tätigkeit gilt und was nicht, muss dafür aber „Expertengruppen“ aus den EU-Mitgliedstaaten konsultieren. Für die Taxonomie ist das die „Plattform für nachhaltiges Finanzwesen“ (engl. Plattform for sustainable finance, PSF). Die Kommission hat zunächst sechs Ziele definiert: Ziel 1: Klimaschutz Ziel 2: Anpassung an den Klimawandel Ziel 3: Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen Ziel 4: Kreislaufwirtschaft, Abfallvermei- dung, Wiederverwendung und Recycling Ziel 5: Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung Ziel 6: Schutz und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt und der Ökosysteme Die Kommission definiert in den Delegierten Rechtsakten, welche wirtschaftliche Tätigkeiten dabei helfen diese Ziele zu erreichen. Eine wirtschaftliche Tätigkeit gilt als taxonomiekonform, wenn sie einen wesentlichen Beitrag zu mindestens einem der sechs Umweltziele leistet, ohne ein anderes Ziel zu konterkarieren. Dieses Kriterium heißt „Do No Significant Harm“ (DNSH). Die wichtigsten Ziele für die Unternehmen der Kreislaufwirtschaft sind die Ziele 1 und 4 – allerdings darf, um dem DNSH-Kriterium gerecht zu werden – beispielsweise ein Recyclingverfahren nicht zu mehr Umweltverschmutzung führen. In einem ersten delegierten Rechtsakt hatte die Kommission die so genannte „Klimataxonomie“ geregelt. Für die anderen Ziele – den so genannten „Taxo4“ – werden die wirtschaftlichen Tätigkeiten in einem anderen delegierten Rechtsakt geregelt. Die Bedeutung der Taxonomie ist umstritten Doch wie wichtig ist die Taxonomie für ein nachhaltig agierendes Finanzwesen wirklich? Wer sich umhört im Markt, bekommt unterschiedliche Meinungen zu hören. So wird die Taxonomie sicherlich eine Rolle spielen bei den europäischen Fördertöpfen: taxonomiekonforme Wirtschaftsaktivitäten werden wohl eher eine Förderung erhalten, als nicht-konforme. Doch die Taxonomie richtet sich im Wesentlichen an Banken und Investoren und die lassen es sich bislang nicht nehmen, bei grünen Investments selbst hinzuschauen. Beispiel Green Bonds: Während die Taxonomie Unternehmen in wirtschaftliche Tätigkeiten kategorisiert und schematisch in grün und nichtgrün sortiert, orientieren sich grüne Anleihen an spezifischen Projekten. Es ist also auch für ein nicht-taxonomiekonformes Unternehmen – beispielsweise einen Ölmulti – überhaupt kein Problem, sich eine grüne Anleihe zu beschaffen, sofern es dem Unternehmen gelingt, Banken und Investoren davon zu überzeugen, dass das Projekt grün ist. Denn die Unternehmen müssen ihren Investoren nachweisen, dass sie das Geld tatsächlich nur für die grünen Projekte verwendet haben. Über Green Bonds können sich daher auch Unternehmen in nicht-taxonomiekonformen Wirtschaftsbereichen Kriterien für nachhaltige Aktivitäten Einen wesentlichen Beitrag leisten zu mindestens einem der sechs Umweltziele + Keinen erheblichen Schaden zu einem der anderen fünf Unweltziele + Mindestschutz von Arbeitnehmenden und den Menschenrechten gewährleisten

1/2023 13 Titel Kapital für eine grüne Transformation beschaffen. Green Bond Principles der ICMA Doch auch bei Green Bonds geht es nicht ohne Orientierungshilfen. Die International Capital Market Association (ICMA) hat Prozessrichtlinien für die Transparenz und Offenlegung bestimmter Informationen der Emittenten einer Anleihe für die Investoren definiert, damit die Geldgeber unter anderem die Verwendung des Kapitals nachvollziehen können. Die Green Bond Principles (GBP) sind freiwillig und beinhalten vier Kernkomponenten: 1. Verwendung der Erlöse 2. Verfahren zur Projektbewertung und -auswahl 3. Verwaltung der Erlöse 4. Berichterstattung. Darüber hinaus empfiehlt die ICMA für mehr Transparenz Green Bond Frameworks und externe Überprüfungen. Natürlich müssen Green Bonds auch nach den ICMA-Richtlinien einen wesentlichen Nutzen für die Umwelt haben. Daher listen die Green Bond Principles Kategorien für grüne Projekte auf, sind aber grundsätzlich nicht darauf beschränkt. Zu diese Kategorien zählen neben erneuerbare Energien und die Steigerung der Energieeffizienz auch Projekte zur Verringerung und Vermeidung der Umweltverschmutzung Vermeidung, worunter auch Projekte zur Abfallvermeidung, Recycling sowie eine energieeffiziente thermische Verwertung gehören. Die Circular Economy hat in den ICMA-Richtlinien eine eigene Kategorie: Hier geht es im Wesentlichen um zirkuläres Produktdesign und Dienstleistungen, Produktionsprozesse und ökoeffiziente Produkte. EU will Green Bond Standard mit Taxonomie verknüpfen Auch die EU will bei Green Bonds den Goldstandard setzen. Mitte 2021 hatte die Kommission einen Europäischen Standard für grüne Anleihen (EUGBS) vorgeschlagen, der nach Darstellung der Kommission dazu beitragen soll, strenge Nachhaltigkeitsanforderungen zu erfüllen und Anleger zu schützen. Die Einführung dieses Standards war eine Maßnahme im Aktionsplan 2018 der Kommission zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums und ist Teil des European Green Deal. Er basiert auf den Empfehlungen der Expertengruppe für ein nachhaltiges Finanzwesen. Die Anforderungen des Standards an die Emittenten der Anleihen ist vergleichbar mit denen der ICMA. Auch beim EUGBS soll die Verwendung des Kapitals für die Investoren transparent und nachvollziehbar sein. Anders als die ICMA-Kriterien soll die externe Prüfung vorgeschrieben sein. Darüber hinaus sollen Green Bonds nach dem EUGBS an die Taxonomie gekoppelt werden. Die Emittenten sollen mit dem EU-Green-Bond-Standard „über ein solides Instrument verfügen, mit dem sie nachweisen können, dass sie legitime grüne Projekte im Einklang mit der EU-Taxonomie finanzieren“, so die Kommission. Der EUGBS steht allen Emittenten grüner Anleihen offen, einschließlich Unternehmen, Behörden und auch Emittenten mit Sitz außerhalb der EU. Pascal Hugo Die Green Bond Principles der ICMA können Sie hier herunterladen. Informationen zum Green Bond Standard der EU finden Sie hier.

14 1/2023 „Wirbrauchen mindestens 30 Milliarden Euro“ Der Anlagenbetreiber EEW hat im Jahr 2021 als erstes Unternehmen der thermischen Abfallverwertung am internationalen Kapitalmarkt einen Green Bond erfolgreich platziert. CFO Markus Hauck spricht im Interview mit ENTSORGA über seine Erfahrungen mit internationalen Investoren, die EU-Taxonomie und wie viel Geld wir brauchen um in Europa aus der Abfalldeponierung auszusteigen. ENTSORGA: Herr Hauck, 2021 hat die EEW ihre erste grüne Anleihe am Kapitalmarkt platziert. Was waren Ihre Beweggründe? Markus Hauck: 2021 war unsere erste grüne Bondtransaktion. Im Vorfeld hatten wir uns bei EEW Gedanken gemacht: Wie wollen wir uns finanzieren? Wollen wir eine normale Anleihe ausgeben? Zu diesem Zeitpunkt wäre das Transaktionsrisiko für uns geringer gewesen. Oder wollen wir mit unserer gesamten Finanzierung uns auch unserer Unternehmensstrategie angleichen, die auf Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft ausgerichtet ist? Wir haben uns dann für eine grüne Anleihe entschieden. Wir waren damals weltweit das erste Unternehmen der thermischen Abfallverwertung, das Am Standort in Stapelfeld will EEW 220 Millionen Euro investieren. (Fotos: EEW) Titel

15 1/2023 Titel am internationalen Anleihemarkt einen Green Bond emittiert hat. Es war also nicht nur für uns ein Debüt, sondern für die ganze Branche. Wir wussten zu dem Zeitpunkt also nicht, wie der internationale Kapitalmarkt eine grüne Anleihe der EEW aufnimmt. Die Anleihe war ja ein voller Erfolg. Ihr Green Bond war 6,6-fach überzeichnet… Das hat uns sehr gefreut. Zusätzlich haben wir vor einigen Monaten noch einen so genannten ESG-linked RCF aufgelegt. Das ist eine revolvierende Kreditlinie über 200 Millionen Euro, die am Nachhaltigkeitsrating hängt. Da können wir Kapital abrufen, wenn wir es brauchen und wenn wir es nicht brauchen, können wir es wieder zurückgeben. Mit diesem Paket ist die EEW heute zu fast 100 Prozent grün und nachhaltig finanziert. Insbesondere in Brüssel ist die thermische Abfallverwertung umstritten.Welche Rolle hat die Taxonomie bei den Investoren gespielt? Natürlich hatten wir uns damals auch die Taxonomie der EU angeschaut. Nach den ersten Gesprächen mit Investoren war für uns klar, dass die internationalen Fonds sich noch nicht an der Taxonomie orientieren, sondern an den internationalen Standards, den sogenannten ICMA Green Bond Principals. In den Green Bond Principals der ICMA ist die thermische Verwertung enthalten. Für die internationalen Investoren ist also klar, was die Betreiber von thermischen Abfallverwertungsanlagen für die Kreislaufwirtschaft leisten. Wenn sie sagen, die Taxonomie hat in den konkreten Verhandlungen mit den Investoren keine Rolle gespielt: Wie wichtig ist die Taxonomie tatsächlich, wenn es um grüne Finanzen geht? Grundsätzlich wäre es natürlich schön, wenn wir als EEW oder als Branche in der Taxonomie mit aufgenommen werden würden. Es würde viele Diskussionen erleichtern, insbesondere für kleinere oder auch kommunale Unternehmen, die keinen Zugang zum internationalen Kapitalmarkt haben. Da wäre Unterstützung aus Europa und eine klare Anerkennung der thermischen Verwertung als grüne Technologie wichtig. Für Firmen wie EEW, die die internationalen Standards einhalten und einen Zugang zum Kapitalmarkt haben, ist es nicht die Grundvoraussetzung für die Finanzierung. Die Taxonomie ist nur europäisch, weltweit gelten die internationalen Kapitalmarkt-Standards und die großen internationalen Fonds richten sich nach diesen internationalen Standards. Also ist die Taxonomie für die EEW eigentlich vernachlässigbar? Es geht bei der Taxonomie um viel mehr. Es geht darum, welche wirtschaftliche Tätigkeit in Europa grundsätzlich als „grün“ gilt und welche nicht. Wenn ich sehe, dass die Franzosen es geschafft haben, die Atomkraft in die Taxonomie aufzunehmen, warum schafft es eigentlich die thermische Verwertung nicht? Die thermische Verwertung ist eine Grundvoraussetzung, um in Europa aus der Abfalldeponierung auszusteigen. „Aus der Abfalldeponierung auszusteigen, bedeutet massiven Einsatz von Kapital.“ Markus Hauck, CFO EEW In Europa werden noch immer rund 50 Millionen Tonnen Siedlungsabfall mehr oder weniger unbehandelt deponiert. Wie viele thermische Abfallverwertungsanlagen bräuchten wir in Europa, um die Deponierung zu beenden? Und wie viel grünes Kapital wäre dafür nötig? Super spannende Frage! Es kommt natürlich immer auf die Größe der Anlage an. Wir haben in Deutschland Anlagen, die haben im Schnitt eine Verbrennungskapazität von 300.000 Tonnen. Aber es gibt auch deutlich größere Anlagen mit 500.000 oder 600.000 Tonnen. Wenn wir jetzt den Durchschnitt nehmen, dann sehen wir in Europa noch einen Bedarf an zusätzlichen 100 bis 120 Anlagen zur thermischen Abfallverwertung, um die Deponierung von Siedlungsabfällen wirklich beenden zu können. Das bedeutet einen massiven Einsatz von Kapital. Für eine 300.000-Tonnen-Anlage benötigen Sie mindestens 200 Millionen Euro. Nicht eingeschlossen ist die ganze Infrastruktur, die drumherum benötigt wird. Bei solchen Zahlen brauche ich auf jeden Fall zwei Dinge: Erstens langfristige Investitionssicherheit und zweitens Förderungen und Unterstützung von der Politik. 200 Millionen Euro mal 100 Anlagen. Da wären wir bei 20 Milliarden Euro… Es sind ja nicht nur die Anlagen zur thermischen Verwertung. Man muss ja auch die ganze Infrastruktur für die Sammlung und das Recycling aufbauen. Wir müssen uns darüber hinaus auch überlegen, wie wir die Thermik in die regionale Energiestruktur einbauen. Das ist insbesondere in den Ländern Osteuropas von besonderer Bedeutung – aktuell mehr denn je! Noch bis Ende April CFO von EEW: Markus Hauck.

16 1/2023 Titel Also bräuchten wir eher 30 Milliarden Euro? Ja, mindestens. Die Abscheidung von CO2 ist bei uns aktuell ein Riesenthema. So eine Abscheidungsanlage kostet – je nach Größe – ganz schnell über 100 Millionen Euro. Bei einem Elektrolyseur für die Erzeugung von Wasserstoff ist man bei etwa 50 bis 60 Millionen Euro. Hinzu kommen Fernwärmeleitungen und die sonstige Infrastruktur, die man für eine moderne Kreislaufwirtschaft benötigt. „In Ost- und Südosteuropa müssen wir auch in Richtung Zero-Gate-Fee denken.“ Markus Hauck, CFO EEW Wie sollen die Länder in Ost- und Südosteuropa das bezahlen? Das ist eine wichtige Frage. In vielen Ländern der EU können wir nicht einfach Anlagen bauen, weil die Menschen die Behandlungskosten gar nicht tragen könnten. Mit Behandlungskosten von rund 100 Euro pro Tonne wird das in diesen Ländern nicht funktionieren. Dann landet der Abfall weiter auf der Deponie. In den wirtschaftlich schwächeren EU-Mitgliedstaaten müssen wir vermutlich eher in Richtung ZeroGate-Fee denken. Die Anlagen müssten also energieseitig so viel Geld verdienen, dass der Anlagenbetrieb wirtschaftlich ist. Dann sind wir wieder beim Thema Infrastruktur, denn wir müssen die erzeugte Energie ja irgendwo hinführen. Also brauchen wir ein klares Deponieverbot in Europa? Absolut, ja. Aber ich befürchte, das wird nicht reichen. Die Rahmenbedingungen müssen insgesamt so abgestimmt und stimmig sein, dass es passt. Ohne Investitionssicherheit und ohne die entsprechenden Rahmenbedingungen werden private Unternehmen nie investieren. Was wären denn die perfekten Rahmenbedingungen in Europa? Der erste Punkt ist die Aufnahme von Waste-to-Energy in die EU-Taxonomie. Denn damit ist der Zugang zu Fördertöpfen und Beihilfen verbunden. Darüber hinaus sollten wir aufhören, in Europa den Bau von Deponien zu fördern. Das ist wirklich nicht mehr zeitgemäß. Abfall sucht sich immer den günstigsten Weg. Deshalb brauchen wir in ganz Europa einheitliche Regelungen, übrigens auch bei den Deponiesteuern. Die Deponiesteuern in Europa sind so vielfältig wie wir Dialekte in Deutschland haben. In einem Land liegt sie bei 100 €, im zweiten Land bei fünf. Das kann nicht funktionieren. Dritter Punkt: Wir brauchen einen EU-Binnenmarkt für Siedlungsabfälle. Wenn manche EU-Länder keine eigenen Anlagen zur thermische Abfallverwertung haben, dann müssen die Abfälle dorthin gebracht werden können, wo die Beste Verfügbare Technik zur Verfügung steht. Zu diesem Binnenmarkt gehören auch einheitliche Regelungen hinsichtlich der Bepreisung von CO2-Emissionen. Darüber hinaus müssen CCUS-Aktivitäten im Emissionshandel berücksichtigt werden. Last but not least sollten Sekundärrohstoffe und Rezyklate priorisiert werden. „Wer glaubt, dass wir zukünftig keine Abfälle mehr haben werden, der verkennt, was um uns herum passiert.“ Markus Hauck, CFO EEW Aber die EU möchte lieber, dass erst eigentlich gar keine Abfälle mehr anfallen. Kann man Ökodesign mit thermischer Abfallverwertung ergänzen? Gibt es da keinen Konflikt? Wir unterstützen die aktuellen Entwicklungen im Bereich Ökodesign zu 100 Prozent. Das eine schließt das andere überhaupt nicht aus. Nur, wer glaubt, dass wir zu 100 Prozent immer alles recyceln können und dass es in der Zukunft keine Abfälle mehr geben wird, der verkennt, was tatsächlich um uns herum passiert. Wir werden immer Abfälle haben. Wir brauchen immer Schadstoffsenken, mit denen wir die gefährlichen Stoffe ausschleusen, die dann thermisch verwertet werden. Es gibt Stoffströme, die können Sie drei, vier Mal recyceln, dann sind die ausgelutscht. Dann können sie die nicht mehr recyceln. Und was machen wir dann mit denen? Bevor wir sie auf die Deponie werfen, ist es schon vernünftig, dass wir sie thermisch verwerten und dann noch Energie erzeugen. Die Energieversorgung ist ja mit dem Ukrainekrieg hochaktuell. Wir kriegen so viele Anfragen von Kommunen, die Fernwärmeleitungen wollen oder deren bestehendes Netz an Gasturbinen hängt und die weg wollen vom Gas. Aber konterkariert der Bau von zusätzlichen Müllverbrennungsanlagen nicht den Wunsch nach mehr stofflicher Verwertung? Die Thermik ist ja kein billiger Entsorgungsweg. Das heißt, die thermische Verwertung schafft einen Anreiz für mehr Recycling. Bei einer Deponierung habe ich diesen wirtschaftlichen Anreiz nicht. „Wir glauben, dass CO2 in Zukunft ein Rohstoff sein wird.“ Markus Hauck, CFO EEW Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2045 klimaneutral zu sein, die EU will sich bis 2050 noch Zeit lassen. Passt die thermische Verwertung in eine klimaneutrale Welt rein? Zunächst einmal vermeidet die thermische Abfallverwertung Treibhausgas-Emissionen. Bei der Deponierung von Siedlungsabfällen entsteht Methangas, das 25-mal schlechter für das Klima ist als CO2. Aber: Fakt ist, die thermische Verwertung erzeugt CO2. Jedoch glauben wir, dass CO2 in Zukunft ein Rohstoff sein wird – unter anderem für die Erzeugung von E-Fuels oder Methanol. Wir haben heute schon viele Anfragen von Industriekunden, da wir ein sehr reines CO2 haben, das sich für verschiedene Anwendungen in der chemischen Industrie eignet. Wir glauben, dass wir zukünftig unser CO2 nutzen und nicht nur unterirdisch mittels CCS speichern werden. Ich persönlich finde es auch viel charmanter, CO2 als Rohstoff zu verwenden und in anderen Wertschöpfungsbereichen einzusetzen.

17 1/2023 Titel EEW will ja selbst auch klimaneutral und bis 2040 sogar klimapositiv werden. Wie soll das denn funktionieren? Fakt ist, dass wir heute bereits klimapositiv sind – zumindest bilanziell gegenüber einer primären Energieerzeugung mit Öl und Gas. Aber das reicht uns nicht. Wir haben gesagt, wir wollen einen echten Klimanutzen. Wir wollen uns nicht nur schönrechnen, sondern wir wollen das CO2 weghaben. Aber wenn ich das CO2 weghaben möchte, dann muss ich – um den Bogen auch mal wieder zu spannen – wahnsinnig viel Geld investieren. Das muss ich finanzieren, weil das kriegen wir nicht geschenkt. Das Problem ist: Viele Projekte sind heute noch nicht wirtschaftlich. Das heißt, ich brauche die politischen Rahmenbedingungen und im Übrigen auch die langfristigen Investitionsbedingungen, damit das wirtschaftlich funktioniert. Welche Rahmenbedingungen wären das? Wir brauchen langfristige Abnahmeverträge. Wir benötigen bestimmte Mechanismen. Wenn wir beispielsweise grünen Strom in einem Elektrolyseur geben, muss sichergestellt sein, dass das Endprodukt – der Wasserstoff – mit dem Strom gleichgestellt ist, den ich vorne reingesteckt habe. Aktuell haben wir zwei spannende Projekte, die ähnlich gelagert sind. Das eine Projekt ist in Delfzijl und das andere in Stavenhagen. Beide Projekte arbeiten wie folgt: Wir haben Partner, die uns über ihre Windparks oder über ihre Solarparks grüne Energie anliefern. Dieser grüne Strom wird in einen Elektrolyseur geleitet, der steht entweder bei uns auf dem Gelände oder irgendwo anders. Damit erzeugen wir dann grünen Wasserstoff. In Stavenhagen planen wir einen 20 MW-Elektrolyseur, in Delfzijl ist er ein bisschen größer. An beiden Standorten werden wir unser CO2 abscheiden. Dieses CO2 werden wir mit dem Wasserstoff zusammenbringen und machen dann daraus Methanol oder E-Fuels, die unter anderem in der Schiff- und Luftfahrt, aber auch in der Schwerlastindustrie als klimaneutrale Kraftstoffe inzwischen stark nachgefragt werden. „Die thermische Abfallverwertung kann dabei helfen, weitere Industrien und den Verkehrssektor zu dekarbonisieren.“ Markus Hauck, CFO EEW Die thermische Abfallverwertung könnte also dazu beitragen, weitere Sektoren wie den Verkehr zu dekarbonisieren? Genau. Es gibt nicht viele Industrien in Deutschland, die überregional über ein Netzwerk verfügen, wo CO2 abgeschieden werden kann. Also mir fällt da noch die Zementindustrie ein, aber dann muss ich schon lange nachdenken. Es gibt ein paar einzelne Werke: Aluminium, Stahl, aber über ein deutschlandweites Netzwerk verfügen nicht viele Industrien. Was ist mit dem chemischen Recycling von Kunststoffabfällen? Das chemische Recycling schauen wir uns an. In Delfzijl wollen wir Kunststoffe aus den Abfallgemischen aussortieren und – auch – für das chemische Recycling erschließen. Das chemische Recycling wird aber aus unserer Sicht eine Nische bleiben. Es ist bis dato noch nicht wirtschaftlich. Bleiben noch die Reststoffe, die Sie nicht verwerten können, oder die am Markt niemand haben will, wie beispielsweise Ihre Schlacke. Im Straßenbau haben wir Probleme reinzukommen mit unseren Schlacken, auch wenn sie sich zweifellos dafür eignen. Aktuell testen wir, ob wir unsere Rostasche und unsere Schlacken so aufbereiten können, um sie als Bindemittel für Zement zu nutzen. Der klassische Zement besteht aus Klinker, der im Zementofen gebrannt wird. Dabei entsteht viel CO2. Daher versucht die Zementindustrie, den Klinkerfaktor zu reduzieren. Wir haben da möglicherweise eine Lösung. Wir arbeiten aktuell an zwei spannenden Projekten. Das kann für die Zementindustrie zu einem echten Game Changer werden. Davon versprechen wir uns sehr viel. Das hätte ja noch mal einen weiteren CO2-Einspareffekt... Genau. Als rohstoffarmes Land müssen wir immer versuchen, die Kreisläufe zu schließen. Die Kreislaufwirtschaft hängt ja auch eng zusammen mit der Dekarbonisierung. Aber auch da brauchen wir wieder die politischen Rahmenbedingungen. Herr Hauck, ich danke Ihnen für das Gespräch. Die Wärmezentrale von EEW in Hannover. Das Unternehmen produziert hier bis zu 300 Gigawattstunden (GWh) Wärme, die bis zu 25 Prozent des Fernwärmebedarfs der niedersächsischen Landeshauptstadt decken. Wie in Hannover, wollen viele Kommunen die Energie des Abfalls für die Abkehr von Fernwärme aus Erdgas nutzen.

18 1/2023 Erweiterte Herstellerverantwortung Wie funktioniert der Einwegkunststofffonds? Littering ist ein Ärgernis. Nach einer Untersuchung der Integral Marktforschung für den österreichischen Systembetreiber ARA stören sich drei Viertel der Bürger an achtlos weggeworfenem Abfall. Gut, diese Zahlen stammen aus Österreich, doch für Deutschland dürften die Werte nicht wesentlich anders sein. Littering führt darüber hinaus zu mehr Littering. Denn die Hemmschwelle sinkt, den eigenen Abfall in einer vermüllten Umwelt ebenso achtlos zu entsorgen, wie es Andere bereits zuvor gemacht haben. Littering ist zudem ein Umweltproblem. In Ufernähe landet der Abfall schnell im Gewässer, wird fortgetrieben und landet über die Nahrungskette irgendwann auf unseren Tellern. Doch wer ist eigentlich verantwortlich für die Vermüllung unserer Städte, Strände und Wälder? Zunächst einmal ist natürlich jeder für sich selbst und sein eigenes Tun verantwortlich. Wer einen Einweg-ToGo-Becher nach dem Verzehr des Heiß- oder Kaltgetränks einfach in den nächsten Busch wirft statt in den öffentlichen Mülleimer, muss je nach kommunaler Abgabenordnung mit einer Strafe rechnen. Wegen dieser Verantwortung des Einzelnen für sein individuelles Fehlverhalten waren es jahrzehntelang die Bürger, die als Kollektiv für die Reinigung des öffentlichen Raums über ihre Abfallgebühren aufkommen mussten. Doch nach dem jüngsten EU-Recht liegt die Verantwortung nicht mehr allein beim Bürger. Denn nach der europäischen Einwegkunststoffrichtlinie hat auch derjenige eine Mitverantwortung für die Reinigung des öffentlichen Raums, der Produkte aus Einwegkunststoffen herstellt, die beispielsweise dem Außer-Haus-Verzehr von Lebensmitteln Titel Abgabesätze in Euro pro kg nach $ 2 EWKFondsV-E EWK-Produkt Euro Lebensmittelbehälter 0,177 Tüten- und Folienverpackungen 0,871 nicht befandete Getränkebehälter 0,245 bepfandete Getränkebehälter 0,001 Getränkebecher 1,231 Leichte Kunststofftragetaschen 3,79 Feuchttücher 0,06 Luftballons 4,338 Tabakprodukte mit Filtern und Filter für Tabakprodukte 8,945

19 1/2023 Titel dienen. Diese Produkte unterliegen dem Artikel 8 der Einwegkunststoffrichtlinie, mit der eine so genannte „erweiterte Herstellerverantwortung“ eingeführt wird. Wichtig dabei: Da die Richtlinie nur Einwegkunststoffe betrifft, sind auch nur Einwegkunststoffprodukte betroffen (Siehe Tabelle „Abgabesätze in Euro“). Die Pommesschale aus Plastik fällt also darunter, ein Pappteller jedoch nicht – obwohl dieser mitunter genauso achtlos weggeworfen wird wie die Plastikschale. Die EU begründet die erweiterte Herstellerverantwortung in diesem Bereich damit, dass das Geschäftsmodell, schnelllebige Einwegkunststoffprodukte für den Außer-Haus-Gebrauch herzustellen, die Vermüllung der Städte und der Umwelt billigend in Kauf nimmt. Mit dem in den vergangenen Wochen verabschiedeten Einwegkunststoffgesetz wird die Richtlinie nun in deutsches Recht umgesetzt. Dafür wird ein Einwegkunststofffonds gegründet, der nach einigen Debatten über die Zuständigkeit nun beim Umweltbundesamt angesiedelt sein wird. Grob gesagt, zahlen die Hersteller der Produkte der betroffenen Produkte Geld in den Fonds, die für die Straßenreinigung zuständigen Kommunen erhalten vom Fonds Geld für die Reinigungsleistung. Doch wer muss eigentlich wie viel einzahlen und auf welcher Grundlage? Wer bekommt wie viel Geld vom Fonds und warum? Hier wird es kompliziert, denn diese wichtigen Details regelt das Einwegkunststoffgesetz gar nicht. Die Bundesregierung hat den spannendsten Teil des Einwegkunststofffonds in eine Verordnung ausgelagert – die nicht der Zustimmung des Bundesrates bedürfen soll. Die Einwegkunststofffonds-Verordnung regelt produktspezifische Abgabesätze, die – multipliziert mit der in Verkehr gebrachten Menge – die Abgabenhöhe bestimmt. Wie man der Tabelle entnehmen kann, sind die Abgabensätze breit gestreut: bepfandete Getränkebehälter kosten beispielsweise fast nichts. Die Kritik seitens der Industrie, das Pfand an sich sei bereits ein erfolgreiches Anti-Littering-System, ist darüber hinaus nicht ganz von der Hand zu weisen. Den höchsten Abgabesatz soll die Zigarettenindustrie für Filterzigaretten (oder Zigarettenfilter) bezahlen. Rund 8,95 Euro sollen pro Kilo fällig werden. An den Abgabesätzen ist deutlich zu erkennen, dass nicht die in Verkehr gebrachte Masse allein darüber bestimmen soll, wie viel ein Hersteller zahlen soll. Das ist eine der Hauptkritikpunkte der Hersteller, denn die Masse ist nach wie vor die in der Entsorgungswirtschaft gängigste Größe. Manche kritisieren auch, wie die Abgabesätze zustande gekommen sind. Thomas Pretz, Professor am Institut für Aufbereitung und Recycling der Technischen Hochschule Aachen, sagte bei der öffentlichen Anhörung des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag, dass die Abgabesätze nicht allein auf freiwilligen Angaben der Kommunen zu ihren Leistungen beruhen düften. Es brauche repräsentative Erhebungen zu Gewicht, Volumen und Stückzahl der Abfälle. Zudem sehe das Kostenmodell unter anderem eine „methodisch nicht gesicherte Stückzahlermittlung“ vor, hieß es im Parlaments-Newsletter „Heute im Bundestag“. Straßenreinigungsabfälle enthielten neben zählbaren auch nicht zählbare Bestandteile. Dem werde nicht genügend Rechnung getragen. Doch für den Einwegkunststofffonds hat das Umweltbundesamt ein anderes Kostenmodell entwickeln lassen. Hauptargument ist, dass ein rein auf Masse bezogenes Modell die realen Reinigungskosten nur unzureichend widerspiegelt. Zigarettenkippen aus der Umwelt zu entfernen ist deutlich aufwändiger als die Plastikschale einer Currywurst. Gesamtkosten nach EWK-Produkt EWK-Produkt Mio. Euro Lebensmittelbehälter 52,3 Tüten- und Folienverpackungen 65,3 nicht befandete Getränkebehälter 0,385 bepfandete Getränkebehälter 45,3 Getränkebecher 72,6 Leichte Kunststofftragetaschen 26,5 Feuchttücher 6,4 Luftballons 4,3 Tabakprodukte mit Filtern und Filter für Tabakprodukte 161 Gesamtkosten 434 Leistungskategorien und Punkte im Mittelauskehrmodell Leistungskategorien Kosten Punkte Innerorts Reinigungsleistung Strecken-Kilometer 38 €/km 10 Punkte/km Sammlungsleistung Papierkorbvolumen 3,9 €/100L 1 Punkt/100L Reinigungsleistung Grünflächen / andere unbefestigte Flächen 11,6 €/1000m2 3 Punkte/1000m2 Reinigungsleistung Sinkkasten 9,3 €/Stk. 2,4 Punke/Stk. Entsorgungsleistung Abfallmenge 120 €/t 31,5 Punkte/t Aufwand Öffentlichkeitsarbeit 60 €/h 15,8 Punkte/h Außerorts Reinigungsleistung Strecken-Kilometer 27,6 €/km 7,3 Punkte/km Sammlungsleistung Papierkorbvolumen 2,6 €/100L 0,7 Punkte/100L Reinigungsleistung Grünflächen / andere unbefestigte Flächen 9,2 €/1000m2 2,4 Punkte/1000m2 Entsorgungsleistung Abfallmenge 120 €/t 31,5 Punkte/t Aufwand Öffentlichkeitsarbeit 60 €/h 15,8 Punkte/h

RkJQdWJsaXNoZXIy MTA3MTYwNg==