wwt 4/2023

Praxismagazin für Trink- und Abwassermanagement Neue EU-Kommunalabwasserrichtlinie: Umfassende Revision nach über 30 Jahren – Anpassung an den Green Deal Mit 28 Seiten Special: Klärtechnik 4 April 2023 Vorstellung der Finalisten: Nachwuchspreis Deutsche Wasserwirtschaft 2023 wasserwirtschaft wassertechnik

02 GREEN.WORKS – GROWNOW WISSENSPARTNER Klimafreundliche Immobilien! Innovativ (um)bauen, Treibhausgase reduzieren. Wir zeigen Ihnen wie. Immobilien sind ein wesentlicher Emittent von Treibhausgasen. Was kann getan werden, damit sie klimafreundlicher werden? Lernen Sie, warum Immobilien zu Stranded Assets werden könnten. Verstehen Sie, wie Sie die Klimawirkung einer Immobilie bestimmen und verbessern. Erfahren Sie, was sich mit baulichen Maßnahmen und smarter Technik erreichen lässt. Jetzt zählt Wachstum: unternehmerisch, nachhaltig, persönlich JETZT ANMELDEN: Masterclass –28.03.2023 Deep Dive –04.05.2023 Masterclass Live – Ende Sept. www.how-green-works.de THEMA

1 4/2023 Mitte März 2023 wurde nach langer Diskussion die Nationale Wasserstrategie beschlossen. Sie ist umfassend und erfasst sämtliche Aspekte, die für die Sicherstellung unseres Wassers relevant sind. Die Themen sind bekannt, es geht um Rückenwind für die zu stemmenden Aufgaben – entlang der politischen Ebenen Bund, Länder und Kommunen bis zu den Bürgerinnen und Bürgern. Eine Schlüsselrolle und eine Brückenfunktion hat dabei die Daseinsvorsorge in der öffentlichen Wasserwirtschaft. Es geht um Verantwortung, Zuständigkeiten, Finanzierung und zuvorderst auch um die personelle Ausstattung. Die Umsetzung muss der Devise folgen: praktisch, gut und tatkräftig. Deutlich hervorzuheben ist auch die Verantwortung anderer Akteure. Eine Strategie, die die Lasten einseitig der Wasserwirtschaft aufbürdet, wäre nicht zielführend, sie wäre auch im Hinblick auf die Herausforderungen wie den Klimawandel nicht zeitgemäß: Nicht das Gegeneinander, sondern das Miteinander unterschiedlicher Akteure für einen intakten Wasserkreislauf steht nun im Fokus. Wir stehen tatsächlich vor einer entscheidenden Zeiten-Wasser-Wende, wenn es um die erweiterte Herstellerverantwortung geht. Die Schlagzeilen zum Wasser nehmen zu. Den gerne ausgesprochenen Worten zur Wertschätzung unseres Wassers müssen nun Taten folgen. Das „Deutschlandtempo“ muss auch für die öffentliche Wasserwirtschaft erreicht werden. Der Vorrang von wirtschaftlichen Einzelinteressen gegenüber Gemeinwohlinteressen der öffentlichen Wasserwirtschaft ist nicht hinnehmbar. Denn die Aufgaben der Wasserwirtschaft dienen der Allgemeinheit. Mit der Nationalen Wasserstrategie liegt nun ein Konzept vor, wie solche Konflikte vorsorgend vermieden werden können. Gerade in Krisenzeiten hat die öffentliche Wasser- wirtschaft gezeigt, dass sie als kritische Infrastruktur leistungsfähig und kostengünstig ist und rund um die Uhr funktioniert, trotz der steigenden Herausforderungen. Die Bedeutung für die Gesellschaft und die Umwelt ist existenziell. Diese Aufgaben dürfen nicht dem freien Spiel der Märkte und ihrer Interessen überlassen werden. Für die Zukunft werden Kooperationen immer mehr an Bedeutung gewinnen, nun auch bestätigt durch die Nationale Wasserstrategie, aber auch durch den aktuellen UN-Weltwasserbericht. Kooperationen in der öffentlichen Wasserwirtschaft verfolgen das Ziel sowohl einer finanziellen Entlastung der Bürger als auch einer besseren Aufgabenerfüllung im Hinblick auf zukünftige Herausforderungen. Diese Möglichkeiten zur Kooperation werden allerdings durch den neuen § 2b UStG – dessen Anwendung aktuell um weitere zwei Jahre verschoben wurde – stark eingeschränkt. Es müssen insgesamt geeignete Rechtsrahmen geschaffen werden, die die Zusammenarbeit finanziell stärken und auf die zukünftigen Herausforderungen zugeschnittene Organisationformen der interkommunalen Zusammenarbeit ermöglichen. Nationale Wasserstrategie: bitte praktisch, gut und tatkräftig! Gerade in Krisenzeiten hat die öffentliche Wasser- wirtschaft gezeigt, dass sie als kritische Infrastruktur leistungsfähig und kostengünstig ist und rund um die Uhr funktioniert, trotz der steigenden Herausforderungen. Kommentar Prof. Dr.-Ing. Lothar Scheuer, Präsident der Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft e. V. Quelle: AöW

2 www.umweltwirtschaft.com Nachwuchspreis Deutsche Wasserwirtschaft 2023 8 Auf dem Weg ins Finale – ab jetzt online über die Sieger abstimmen! 9 Die Finalisten bei den Promotionsarbeiten Abstracts der Promotionsarbeiten 10 Adsorptive Entfernung von Phosphonaten aus Membran- konzentraten Dr.-Ing. Tobias David Reinhardt 12 Untersuchung von Trinkwasser- aufbereitungssystemen auf Haushaltsebene Dr.-Ing. Nina Röttgers Inhalt Titelbild: Mit zwei neuen Reinigungsstufen sorgt das Klärwerk Münchehofe der Berliner Wasserbetriebe dafür, dass Berlins Gewässer sauberer werden. Kürzlich war Baubeginn für die Flockungsfiltration, in der Phosphor künftig nahezu komplett entfernt wird. Bis 2027 werden die Berliner Wasserbetriebe alle Klärwerke mit einer vierten Reinigungs- stufe ausrüsten, um die Zukunftsfähigkeit des regionalen Wasserhaushalts nachhaltig zu sichern. Ab 2030 möchte das Unternehmen außerdem alle Klärwerke klimaneutral betreiben. Quelle: Sven Bock/Berliner Wasserbetriebe Kommentar 1 Nationale Wasserstrategie: bitte praktisch, gut und tat- kräftig! Prof. Dr.-Ing. Lothar Scheuer Wasserszene 4 Erste Weltwasserkonferenz seit 50 Jahren Vereinte Nationen 5 Nationale Wasserstrategie zeitnah und konkret umsetzen DWA e. V. und DVGW e. V. 6 Effizienzsteigerung versus Kosten Krohne Academy 7 Hochwasserschutz und Natur- schutz verbessern Niedersächsisches Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klima- schutz 14 Ein praxistaugliches Gesamt- konzept ist erforderlich Im Gespräch mit Prof. Dr. Uli Paetzel Special: Klärtechnik Energieeffizienz 16 Höchstmaß an Energieeffizienz senkt Kosten und schont das Klima Sebastian Meißler; Frank Möller Spurenstoffelimination 20 Mikroschadstoffelimination auf kleinen Kläranlagen Alexander Steck; Dr.-Ing. Dieter Schreff; Prof. Dr.-Ing. Oliver Christ Explosionsschutz 25 Präventiver Explosionsschutz für Silos mit getrocknetem Klärschlamm Carsten Pries Wasserwiederverwendung 30 Risikomanagementplan für eine Wasserwiederverwendung Dr.-Ing. Shahrooz Mohajeri; Mario Kestin; Daniel Kaufman berlinerwasser.de/karriere

3 4/2023 Auf dem richtigen Weg: Projekte zur Verbesserung von Energieeffizienz, Spurenstoffelimination, Explosionsschutz und Wasserwiederverwendung Quelle: Herzberger Wasser- und Abwasserzweckverband 34 Netzwerk für Abwasserwieder- verwendung gegründet Oliver Ringelstein; Dr. Klaus Vossenkaul Praxisberichte 36 Energieeffizienz und Kosten stärker im Blick behalten! Grundfos GmbH 39 Energieeffizientes Rühr- und Begasungssystem für die Papierindustrie Invent Umwelt- und Verfahrens- technik AG 40 Servicepakete entlasten die Technikbranche beim Fachkräfte- mangel Seepex GmbH 42 Schlüsselkomponenten für neue Hauptstadt-Kläranlage geliefert Pumpenfabrik Wangen GmbH Wasserwirtschaft Veranstaltungen 44 Marktplatz der Wasserwirtschaft Tausendwasser 2023 Mess- und Analysetechnik Grundwassermonitoring 46 Wasserstand und -qualität von Grundwasser effizient über- wachen Matthias Egeling 50 Neue Thüringer Rohwassereigen- kontrollverordnung in Kraft Tom Wetzling Markt & Trends Produkte und Projekte 51 Optibar eDP: Füllstand-, Differenz- druck- und Dichtemessung ohne Kapillarleitungen Krohne Messtechnik GmbH 51 Security first bei Vega Vega Grieshaber GmbH Trinkwasser Projekte und Technologien 52 Wassernetzwerke im Gleich- gewicht Rebecca Indlekofer Regenwasser Praxisbericht 55 Effiziente Regenwasserrück- haltung unter dem Parkplatz Rehau GmbH Umwelt Nährstoffeinträge 57 Paradigma infrage gestellt Dr. Daniel Graeber Gewässerschutz 59 Ströme der Erde – Teil 16: Der Mekong Dr. Wolfgang Berger Rubriken 53 Adressen für Fachleute 58 Impressum ab S. 16 ab S. 46 Grundwassermonitoring beim DB-Projekt Brenner-Nordzulauf Quelle: DB Netz AG Inhalt

4 www.umweltwirtschaft.com • Regionales Vorhaben mit der Nigerbecken-Behörde im Rah- mender InternationalenKlima- schutzinitiative: Das neue Pro- jekt unterstützt die Nigerbecken-Behörde dabei, integrier- tes Wasserressourcenmanagement zwischen den Anrainerstaaten des Nigerbeckens zu fördern. • Bilaterales Vorhaben mit Südafrika im Rahmen der Internationalen Klimaschutzinitiative: Deutschland unterstützt Südafrika dabei, den Wasser- und Abwassersektor widerstandsfähiger gegen die Klimakrise zu machen und damit vor allem für die arme Bevölkerung die Trinkwasser- und Sanitärversorgung dauerhaft sicherzustellen. • Bereitschaft zur Mitfinanzierung des UN-Sonderbeauftragten für Wasser.  Bundesumweltministerium www.bmuv.de Verpflichtungen der Bundes- regierung Bundesumweltministerin Steffi Lemke hat für die Bundesregierung fünf Verpflichtungen eingebracht: • Umsetzung der Nationalen Wasserstrategie. • Bilaterales Vorhaben mit der DemokratischenRepublikKon- go im Rahmen der Interna- tionalen Klimaschutzinitiative: Das neue Vorhaben zur Verflechtung von Wasser, Energie und Ökosystemen unterstützt den afrikanischen Staat ab August 2023 dabei, ein integriertes Wasserressourcenmanagement zu fördern, um den Erhalt von Ökosystemen inklusive der großen Kohlenstoffsenken, die Anpassung an die Klimakrise und die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von Wasser für die Entwicklung des Landes zu gewährleisten. Vereinte Nationen: Erste Weltwasserkonferenz seit 50 Jahren Vom 22. bis 24. März trafen sich in New York Vertreter der UN-Mitgliedsstaaten und Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft im Rahmen einer Wasserkonferenz der Vereinten Nationen (UN), um über ehrgeizigere Ziele für den Schutz der weltweiten Wasserressourcen zu sprechen. Die Weltwasserkonferenz endete mit einer ambitionierten Agenda und über 660 Selbstverpflichtungen für besseren Wasserschutz. Bundesumweltministerin Steffi Lemke wertet dies als großen Erfolg für die globale Wasserpolitik. „Auf der Wasserkonferenz der UN in New York wurde das Fundament für eine Trendwende in der globalen Wasserpolitik gelegt. Die Verpflichtungen, die die Staaten der Welt, internationale Organisationen und viele andere Akteure, auch aus der Zivilgesellschaft, eingegangen sind, sind zahlreich, ambitioniert und weitgehend“, so Bundesumweltministerin Steffi Lemke am Ende der Konferenz. Die Weltwasserkonferenz war ein Meilenstein in der internationalen Wasserpolitik und die erste UN-Konferenz seit fast 50 Jahren, die sich ausschließlich dem zentralen Thema Wasser widmete. Zur Halbzeit der UN-Dekade „Wasser für nachhaltige Entwicklung“ (2018–2028) wur- de die schnellere Umsetzung der globalen Wasserziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verabredet. Bundes- umweltministerin Lemke machte in der Plenardebatte, bei anderen Veranstaltungen und in vielen bilateralen Gesprächen deutlich, dass der richtige Umgang mit Wasser entscheidend im Kampf gegen die drei planetaren Krisen (Klima, Artensterben, Verschmutzung) ist. Aktionsagenda mit 660 Verpflichtungen Die globale Aktionsagenda für Wasser beinhaltet konkrete Verpflichtungen, um der globalen Wasserkrise entgegenzuwirken und die internationalen Wasserziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung zu erreichen (sdgs.un.org/ partnerships/action-networks/ water). Zu den bereits gut 660 Verpflichtungen werden aller Voraussicht nach weitere hinzukommen, die Aktionsagenda bleibt auch nach der Konferenz für weitere Verpflichtungen geöffnet. 150 UN-Staaten unterstützten die Forderung zur Ernennung eines UN-Sonderbeauftragten für Wasser durch den UN-Generalsekretär. Es ist deshalb absehbar, dass die Ressource Wasser eine Stimme und eine stärkere Lobby in der UN bekommt. Wasserszene In den Anstrengungen nicht nachlassen: Bundesumweltministerin Steffi Lemke auf der Weltwasserkonferenz in New York Quelle: Sascha Hilgers/BMUV

5 4/2023 passungen der Infrastrukturen stellen die Wasserwirtschaft vor enorme Herausforderungen. Diese müssen früh erkannt werden, um rechtzeitig strukturierte Maßnahmen für alle beteiligten Akteure abzuleiten. Zu diesem Zweck vereinbarten der DVGW und die DWA, im Rahmen des „DVGW-Zukunftsprogramms Wasser“ die „Roadmap 2030“ als strategische Agenda zu erarbeiten. Die Branche soll hierüber praxisorientierte Handlungsempfehlungen für alle Bereiche der Wasserwirtschaft erhalten. Als erster Meilenstein auf diesem Weg wurde jetzt von Fachleuten der Wasserwirtschaft die Vision einer wasserbewussten Gesellschaft für das Jahr 2100 entwickelt.  DWA e. V. und DVGW e. V. www.dwa.de/vision-2100 auszustatten“, fordern Merkel und Lohaus. Vision 2100 der Wasserwirtschaft „Gut ist ebenfalls, dass der Weltwassertag das öffentliche Augenmerk auf die kostbare Ressource Wasser lenkt. Dies einmal im Jahr zu tun, reicht aber nicht. Wir benötigen ein dauerhaft umweltfreundliches, sozialverträgliches und nutzer- orientiertes Handeln. Darauf müssen wir unsere Anstrengungen zusammen mit allen Akteuren entlang des Wasserkreislaufes ausrichten und das öffentliche Bewusstsein schärfen“, mahnen Merkel und Lohaus. Genau hier setzt auch die „Vision einer wasserbewussten Gesellschaft für das Jahr 2100“ an, die DVGW und DWA am selben Tag veröffentlichten. Notwendige An- DWA e. V. und DVGW e. V.: Nationale Wasserstrategie zeitnah und konkret umsetzen Die am 15. März 2023 im Bundesrat verabschiedete „Nationale Wasserstrategie“ der Bundesregierung markiert aus Sicht der führenden technisch-wissenschaftlichen Branchenverbände DVGW und DWA einen wichtigen Schritt hin zu einer zukunftsfesten Wasserwirtschaft, insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Herausforderungen durch den Klimawandel. Beide Verbände weisen darauf hin, dass die Strategie jetzt aber auch zeitnah und vor allem konkret umgesetzt werden muss. Die Nationale Wasserstrategie adressiert zentrale Belange, die beide technisch-wissenschaftlichen Branchenverbände schon lange fordern und proaktiv in die politischen Entscheidungsprozesse eingebracht haben. Im Fokus stehen der Schutz, die Wiederherstellung sowie die dauerhafte Sicherung eines natürlichen Wasserhaushalts. Eingriffe in den Wasserhaushalt sind zu minimieren, die Nutzung der natürlichen Wasserressourcen muss nachhaltig erfolgen. Das impliziert auch, Wasser im urbanen Raum nicht einfach abzuleiten, sondern z. B. in der Fläche zu versickern oder zur Bewässerung des Stadtgrüns zu nutzen. Wasser muss aber nicht nur in ausreichender Menge und Güte zur Verfügung stehen, wichtig ist darüber hinaus auch ein guter Zustand der Gewässer. Schadstoffeinträge sind zu minimieren, um z. B. den hohen Aufwand für die Trinkwasseraufbereitung zu reduzieren. Belastungen müssen bereits an ihrer Entstehungsstelle vermieden werden. Ist dies nicht möglich, müssen die Kosten der Abwasserbehandlung und Wasseraufbereitung von den Inverkehrbringern der Stoffe übernommen werden. Die von der Nationalen Wasserstrategie geforderte erweiterte Hersteller- und Produktverantwortung ist hierfür ein sehr wichtiger Schritt. Erkannt hat die Politik auch den Handlungsbedarf bei den Wasserinfrastrukturen. Die Wasser- strategie definiert, dass Infrastrukturen mit möglichst geringem Aufwand und flexibel an die Herausforderungen des Klimawandels anzupassen sind. Nutzungskonflikte um die Ressource Wasser können so durch strategische Planungen entschärft werden. Gut ist weiterhin, dass das Bewusstsein für die Ressource Wasser gestärkt werden soll. „Die Wasserstrategie ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Jetzt kommt es darauf an, sie schnellstmöglich umzusetzen. Dazu gehört insbesondere auch, ihre Maßnahmen mit den notwendigen finanziellen Mitteln Projekte Der Bund plant, im Rahmen des Aktionsprogramms natürlicher Klimaschutz das Förderprogramm „Klimabezogene Maßnahmen in der Wasserwirtschaft und Gewässerentwicklung“ aufzulegen. Quelle: Andritschke

6 www.umweltwirtschaft.com Wasserszene was deren Mehrwert in wasser- und abwassertechnischen Applikationen ist. Mit einem Beispiel erläuterte Christoph Spiegel, wie eine smarte, sichere und effiziente Wasserversorgung durch ein intelligentes Monitoringkonzept der Wasserverteilungsnetze rechtzeitig Leckagen erkennen und letztlich Ressourcen sparen helfen kann. Daten aus unterschiedlichen Bereichen und Unterstationen zentral einsammeln, berechnen, Alarme analysieren und Kennzahlen bilden – am Ende sollen die wichtigsten Informationen den Mitarbeitenden übersichtlich zur Verfügung gestellt werden. Wer kennt das nicht aus seiner eigenen Praxis? Das alles auch noch sicher vor Cyberangriffen zu schützen, kann für die Verantwortlichen der kritischen Infrastruktur schnell zur Herausforderung werden. Malte Pichler (Videc) wies noch einmal darauf hin, dass kritische Infrastrukturen ab Mai 2023 ein System zur Angriffs- und Anomalieerkennung etabliert haben müssen, und stellte dazu „5-vor-12“-Empfehlungen für den einfachen Einstieg im Anlagenbetrieb vor. Nico Andritschke  Krohne Academy https://krohne.com/de/services/ schulungen/academy Die Energieeffizienz-Diskussion ist aber auch in der Wasserversorgung angekommen. Mario Hübner (Wilo) stellte Referenzanlagen vor, bei denen besonders energiesparende Permanentmagnetmotoren bei der Wasserförderung zum Einsatz kommen. Den Anspruch an Betriebssicherheit mussten Pumpstationen schon immer erfüllen. Und bei Energieeffizienz und Konnektivität? Die moderne smarte Abwasserpumpstation kann sich, dank der Nexos-Intelligenz und dem Digital-Data-Interface der Abwasserpumpen – Baureihe Wilo-Rexa SOLID-Q mit Synchronmotoren, mittlerweile selbst überwachen und regeln. Ihr Energieeffizienzpotenzial können diese Maschinen allerdings erst dann richtig entfalten, wenn sie digital vernetzt arbeiten und mit modernen Pumpensteuerungen in jedem Lastfall optimal an ihren Betriebspunkt herangefahren werden. Daten, IIoT , Sicherheit Um Effizienzpotenziale heben zu können, bedarf es einer sicheren Datenbasis. Hierfür erforderliche Daten liefern Messgeräte für Durchfluss, Analyse, Füllstand oder Druck beispielsweise von Krohne Messtechnik. Michael Rumpf zeigte, wie sich Messgeräte sinnvoll einsetzen lassen und Seminarreihe der Krohne Academy: Effizienzsteigerung versus Kosten Dienstag, 21. März 2023, Volksparkstadion Hamburg: Während die Spieler des Hamburger SV noch vom letzten Spiel träumen, läuft eine andere erfolgreiche Mannschaft im Stadion auf. Es ist eine Mannschaft aus der ersten Liga mit Vertretern der Teams von Krohne, Wilo, Aerzen, Phoenix Contact und Videc. Die Leidenschaft, die diese Experten vereint, ist nicht der Fußball. Ihre Mission ist klar auf „Sicherheit und Effizienzsteigerung in der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung“ ausgerichtet. Die Arena ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Zuhörer wollen aus erster Hand vom Know-how und der langjährigen Expertise der führenden Anbieter profitieren. In zwei Vortragssträngen dreht sich alles um den sicheren Umgang mit Daten, die Bauwerksanbindung mit Funktechnologien, intelligente Prozessknoten, smarte Pumpstationen und die Steigerung der Energieeffizienz auf Kläranlagen. Der Blick bezieht sich dabei nicht auf das einzelne Produkt, sondern auf das System. Experten informieren und beraten zu Applikationen, Effizienzsteigerungspotenzialen, dem sicheren Betrieb von Anlagen und zu Möglichkeiten der Kostenreduktion, sei es im Anlagenbetrieb oder bei der Instandhaltung. In den Pausen suchen die Teilnehmer das Gespräch in der parallel stattfindenden Firmenmesse, sodass in den Vorträgen offengebliebene Fragen vertieft werden können. Energieeffizienz ist das A und O Vor dem Hintergrund der aktuellen Energiesituation und der damit verbundenen Explosion der Strompreise gewinnen die Themen Energie und Energieeffizienz insbesondere auf Kläranlagen weiter stark an Bedeutung. Mit umfangreichen energetischen Optimierungen, kofinanziert mit staatlichen Mitteln, senkten beispielsweise die Kläranlagen Liebenwalde (Brandenburg) oder Bramsche (Niedersachsen) ihren Energieverbrauch um 50 % sowie auch die CO2-Emissionen, wie Markus Leidinger (Aerzen) berichtete. Die kommunalen Unternehmen können damit jährlich Zehntausende Euro an Energiekosten sparen – Geld, das somit für weitere erforderliche Investitionen zur Verfügung steht. Über Erfahrungen aus der Beratung und Unterstützung bei der Inanspruchnahme von Fördermitteln (Kommunalrichtlinie) informierte ein Vertreter von e.qua. Bild 1 Während in der Wasserbranche das Thema Energieeffizienz an Fahrt aufnimmt, wird der Rasen des Volksparkstadions mit großen Lichtstrahlern zumWachsen angeregt. Quelle: Andritschke Bild 2 Themen auf den Punkt gebracht: Die Seminarreihe war in Hamburg wie auch in Bielefeld, Hof und Hedersleben gut besucht. Quelle: Krohne Academy

7 4/2023 Projekte Niedersächsische Elbtalaue: Hochwasserschutz und Naturschutz verbessern Der Niedersächsische Umweltminister Christian Meyer besuchte Mitte März das Biosphärenreservat „Niedersächsische Elbtalaue“. Dabei verwies er auf die herausragende Bedeutung dieses einzigartigen und ökologisch hochwertigen Naturraums. Das Biosphärenreservat ist sowohl Modellregion für nachhaltige Entwicklung als auch für integrativen Naturschutz. Auch angesichts des Artensterbens und der Klimakrise soll die Auenlandschaft durch umweltschonende Wirtschaftsformen und ein vorbildliches Auenmanagement geschützt und erhalten werden. Die Elbtalaue erstreckt sich über rund 100 Flusskilometer und wurde 2002 von der UNESCO als niedersächsischer Teil des länderübergreifenden Biosphärenreservats „Flusslandschaft Elbe“ anerkannt. Die einmalige Auenlandschaft mit ihren bedeutenden Vogelbrut- und Rastgebieten soll so erhalten und entwickelt werden, dass ein Miteinander von Mensch und Natur möglich bleibt. Während einer Veranstaltung wurde der Entwurf des „Auenstrukturplans (ASP) Untere Mittelelbe“ vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz unter Mitwirkung der Biosphärenreservatsverwaltung und des Umweltministeriums in Bleckede vorgestellt. Beim ASP geht es insbesondere um Maßnahmen zur Verbesserung des Hochwasserschutzes, zur ökologischen Aufwertung der Natur in der Elbtalaue sowie für ein nachhaltiges Auenmanagement. „Dafür ist auch entscheidend, dass der Bund von seinen Ausbauplänen der Mittelelbe endlich Abstand nimmt, denn wir brauchen jetzt Klarheit für die bundeseigenen Flächen beim Hochwasser- und Naturschutz. Die neue Landesregierung lehnt eine Vertiefung der Elbe strikt ab“, so Minister Meyer. Ein Juwel: das UNESCO-Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue Quelle:IMAGO/imagebroker Die neue UPA S 250, eine Klasse für sich: Keine andere 10“-Brunnenpumpe hat aktuell einen niedrigeren Energieverbrauch. Korrosionsbeständig und abriebfest gefertigt, flexibel einsetzbar und mit individuell gefertigten Laufrädern erhältlich: Eine Unterwassermotorpumpe, auf die Sie sich Jahrzehnte verlassen können. Mehr auf www.ksb.de BRINGT EFFIZIENZ IN EINE NEUE DIMENSION. On-Line mit KSB: Jeden Mittwoch, 10-11 Uhr On-Line mit KSB. Melden Sie sich an.  Niedersächsisches Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz www.umwelt.niedersachsen.de

8 www.umweltwirtschaft.com nachlesen. Das Votum für Ihre Favoriten dürfen Sie dann in der Zeit vom 8.–19. Mai 2023 zahlreich auf derselben Plattform abgeben. Unterstützen Sie Ihre Favoriten! Zum Finale stellen die Preisträger auf der Landesverbandstagung der DWA Nord-Ost am 26. Juni vor fachkundigem Publikum noch einmal ihre wissenschaftlichen Arbeiten vor. Im Anschluss erfolgt die Übergabe der Urkunden und Preisgelder. Bereits im Vorfeld erhalten die Erst- und Zweitplatzierten die Gelegenheit, in den Veranstaltungspausen der Landesverbandstagung ihre Poster vorzustellen und mit dem teilnehmenden Publikum ins Gespräch zu kommen. Wer live dabei sein und sich weitere Vorträge aus dem interessanten Veranstaltungsprogramm der DWA Nord-Ost anhören möchte, sollte sich rechtzeitig unter www.dwa-no.de anmelden.  Nachwuchspreis Deutsche Wasserwirtschaft 2023 www.umweltwirtschaft.com/ veranstaltungen/wwt-NP2023News Seit Oktober 2022 läuft das Verfahren zum Nachwuchspreis Deutsche Wasserwirtschaft. In der vergangenen wwt-Ausgabe wurden Ihnen die Finalisten der Bachelor- und Masterarbeiten näher vorgestellt. Gleichzeitig präsentierte wwt die Kernergebnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeiten. In dieser Ausgabe lernen Sie nun die beiden Finalisten und ihre Forschungsergebnisse in der Kategorie Promotion kennen. Haben Sie alle Beiträge aufmerksam verfolgt, so sind Sie gut für die Online-Abstimmung präpariert. Denn gewinnen kann in jeder Kategorie nur der oder die Beste. Falls Sie die letzte Ausgabe verpasst haben, so können Sie die Beiträge auf www.umweltwirtschaft.com NACHWUCHSPREIS Deutsche Wasserwirtschaft VERLIEHEN VOM FACHMAGAZIN Nachwuchspreis Deutsche Wasserwirtschaft 2023 Auf dem Weg ins Finale – ab jetzt online über die Sieger abstimmen! In wwt 3/23 wurden die Finalisten und Abstracts in den Kategorien Bachelor und Master vorgestellt. Nun folgen die Finalisten bei den Promotionsarbeiten. Ab dem 8. Mai dürfen die Leser online entscheiden, wer den Nachwuchspreis in Berlin gewinnt! Die Endrunde der besten 6 Kategorie BACHELOR Jakob Ritthammer Hochschule Weihenstephan-Triesdorf Leonard Wegmann TU Berlin, FG Siedlungswasserwirtschaft Kategorie MASTER Silja Rau TU Berlin, FG Umweltverfahrenstechnik Nicole Tatjana Scherer TU München, Lehrstuhl für Hydrologie und Flussgebietsmanagement Kategorie PROMOTION Dr.-Ing. Tobias Reinhardt Universität Stuttgart, Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft Dr.-Ing. Nina Röttgers TU Berlin, FG Siedlungswasserwirtschaft Vom 9.–18. Mai online abstimmen! Unter den Teilnehmern der Leserabstimmung verlost der Deutsche Fachverlag: 10 Jahresabonnements Fachmagazin wwt – wasserwirtschaft wassertechnik Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Über den Gewinn werden die Teilnehmer per Mail informiert. Vergessen Sie bitte nicht, die E-Mail-Adresse bei der Abstimmung anzugeben! Teilnehmer müssen mindestens 18 Jahre alt sein.

9 4/2023 Premiumpartner: Die Finalisten bei den Promotionsarbeiten Dr.-Ing. Tobias David Reinhardt Abstract S. 10–11 Dr.-Ing. Tobias David Reinhardt wurde am 21. November 1986 in Stuttgart geboren. Er ist begeisterter Wasserwirtschaftler und studierte Umweltschutztechnik an der Universität Stuttgart mit Vertiefungen in kommunaler Abwassertechnik, industrieller Wassertechnologie sowie Energie. Er war anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft (ISWA) an der Universität Stuttgart und Projektingenieur im Projekt kbb in Böblingen unter anderem mit Projekten zur Energieoptimierung auf Kläranlagen, Klärschlammverwertung und Phosphorrückgewinnung befasst. In seiner Dissertation beschäftigte sich Herr Dr. Reinhardt mit der Adsorption von Phosphonaten aus Membrankonzentrat aus der Trinkwasseraufbereitung, das derzeit oftmals ohne Behandlung in den Vorfluter eingeleitet wird. Damit möchte er auf dieses Thema aufmerksam machen und einen Beitrag zum Gewässerschutz leisten. Im Juni 2022 hat Dr. Reinhardt die Geschäftsführung im DWA-Landesverband Baden-Württemberg übernommen. Veranstalter: Landesverband Nord-Ost unterstützt von: Dr.-Ing. Nina Röttgers Abstract S. 12–13 Nina Röttgers hat ihr Studium im technischen Umweltschutz an der TU Berlin im Jahr 2012 erfolgreich abgeschlossen. Als Projektingenieurin der DELTA Umwelt-Technik GmbH war sie anschließend an verschiedenen Forschungs- und Entwicklungsprojekten beteiligt. Dabei war sie weiter eng an die Fachgebiete Umweltverfahrenstechnik sowie Siedlungswasserwirtschaft angebunden. Über ein ehrenamtliches Engagement für Wasser ohne Grenzen e. V. auf Madagaskar entstanden erste Überlegungen zum Thema Trinkwasserversorgung im humanitären Kontext. Dieser Fokus stärkte sich 2014 mit der Gründung von Cadus e. V. und Projekten in Syrien, Nepal und Äthiopien. Ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung ermöglichte es Frau Dr. Röttgers 2017 die Promotionsarbeit zum Thema „Small Scale Household Water Treatment Systems” in Angriff zu nehmen. Im Jahr 2022 fand deren erfolgreiche Verteidigung am FG Siedlungswasserwirtschaft der TU Berlin statt. Seit 2020 ist sie als Projektingenieurin für die Polyplan-Kreikenbaum Gruppe GmbH mit einem Schwerpunkt auf Naturfreibädern und Gewässersanierungen tätig. Aktuell engagiert sich Frau Dr. Röttgers ehrenamtlich für den Aufbau eines Labors des Forikolo e. V. in Sierra Leone sowie den Aufbau von Wasserlaboren in Nordost-Syrien. • Robuste Bredel Industrieschlauchpumpen für die Verarbeitung abrasiver Schlämme • Hochgenaue Qdos Schlauchdosierpumpen für Chemikalien • Geringe Betriebskosten durch einfache und sichere Wartung und maximale Zuverlässigkeit Zuverlässige Schlauchpumpen für Wasser und Abwasser wmfts.com | +49 2183 4204 0 | info.de@wmfts.com Fluid Technology Solutions

10 www.umweltwirtschaft.com Verfahren zur Behandlung von phosphonat- haltigemMembrankonzentrat Die Adsorption an geeignete Filtermaterialien wie Eisen(hydr)oxid ist eine Möglichkeit zur Behandlung von phosphonathaltigem Membrankonzentrat aus der Trinkwasseraufbereitung. In publizierten Studien zur Adsorption von Phosphonaten an granuliertem Eisenhydroxid (GEH) fehlen jedoch Untersuchungen zur Materialstabilität, Regenerierbarkeit und Anwendung auf reale Abwässer in Festbettsäulen. Außerdem können die in der (Abwasser-)Matrix vorhandenen Ionen einen großen Einfluss auf die Adsorption von Phosphorverbindungen haben. Ziel dieser Arbeit war es, die Adsorption von orPhosphonate werden als Komplexbildner in diversen Industriezweigen, in Kühlwassersystemen und in der Trinkwasseraufbereitung eingesetzt und verhindern oder verzögern die Bildung von Ausfällungen. Der Verbrauch dieser Additive hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen und sie werden in der Regel über den Abwasserstrom entsorgt. Dies kann zur Eutrophierung von Gewässern beitragen, da sie langfristig in der aquatischen Umwelt zu ortho-Phosphat abgebaut werden können. Außerdem haben sie eine hohe Adsorptionsaffinität, was zu einer starken Akkumulation in Gewässersedimenten führt. Das Erreichen der Adsorptionskapazität der Sedimente könnte zukünftig zu einem deutlichen Anstieg der Phosphonatkonzentrationen in Gewässern führen. NACHWUCHSPREIS Deutsche Wasserwirtschaft VERLIEHEN VOM FACHMAGAZIN Dr.-Ing. Tobias David Reinhardt Adsorptive Entfernung von Phosphonaten aus Membrankonzentraten Phosphonate werden u. a. in der Trinkwasseraufbereitung eingesetzt. Sie gelangen über den Abwasserstrom in Gewässer, was z. B. deren Eutrophierung fördern kann. Es hat sich gezeigt, dass granuliertes Eisenhydroxid ein geeignetes Adsorbens zur Phosphonat- und ortho-Phosphatelimination aus Membrankonzentrat ist. tho-Phosphat und insbesondere Phosphonaten an GEH zu untersuchen, um den Adsorptionsprozess zu verstehen und auf die Behandlung von Phosphonaten im Membrankonzentrat anzuwenden, mit dem übergeordneten Ziel, den Phosphor-Eintrag in Gewässer zu vermindern. Dazu wurden zunächst Batchversuche mit phosphonataufgestocktem Reinstwasser durchgeführt und dadurch weitergehende Experimente in Festbettsäulen mit dem Membrankonzentrat einer Trinkwasseraufbereitungsanlage vorbereitet. In dieser Arbeit wurden zunächst vier verschiedene GEH in Batchversuchen untersucht, um deren Adsorptionskapazitäten miteinander zu vergleichen. Es zeigte sich, dass die maximale Beladung bei einer Ausgangskonzentration von 1 mg/L NTMP-P und bei einer Temperatur von 5 °C im Vergleich zur Beladung bei 20 °C um > 40 % auf lediglich ~7 mg P/g abfiel. Niedrige Abwassertemperaturen sollten daher bei einem Einsatz von GEH zur Phosphonat-Adsorption vermieden werden. Die Adsorptionskapazität des GEH nahm bei allen sechs untersuchten Phosphonaten mit steigendem pH-Wert ab (z. B. 80 % NTMP-Elimination bei pH 4 und 25 % bei pH 12). Mit steigender Molekülgröße und Anzahl an Phosphonatgruppen Bild 1 Überblick über den Versuchsablauf und die verwendeten Lösungen Quelle: Reinhardt Warumhabe ichmich umden Nachwuchspreis beworben? „Wissenschaftliche Ergebnisse müssen verbreitet werden. Durch die Vorstellung meiner Dissertation im Rahmen des Nachwuchspreises Deutsche Wasserwirtschaft kann ich ein großes Fachpublikum auf die Möglichkeiten der Entfernung von Phosphonaten aufmerksam machen.“ Vom 9.–18. Mai online abstimmen! Synthetische Nachbildung des Membrankonzentrats Batch- Adsorptionsversuche Säulen- Adsorptionsversuche Membrankonzentrat Aufgestocktes Reinstwasser

11 4/2023 Kategorie: PROMOTION schließlich in der alkalischen Regenerationslösung gefunden wurden. Die Rücklösung von Eisen aus dem Filtermaterial war vernachlässigbar. Zusammenfassung Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, dass GEH ein geeignetes Adsorbens zur Elimination von Phosphonaten und ortho-Phosphat aus Membrankonzentrat aus der Trinkwasseraufbereitung ist. Durch die gezielte Behandlung von Membrankonzentrat kann der Phosphonateintrag in die Gewässer reduziert werden, womit sich ein Beitrag zum Umweltschutz und zum Erreichen der Ziele der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie leisten lässt. Ein überschlägiger Kostenvergleich zeigt, dass die Adsorption an GEH in Bezug auf die Kosten mit Fällungs-/ Flockungsprozessen konkurrenzfähig ist, obwohl beim Adsorptionsprozess eine bessere Eliminationsseffizienz erreicht werden kann.  Dr.-Ing. Tobias David Reinhardt DWA-Landesverband Baden-Württemberg tobias_reinhardt@yahoo.de Betreuer der Dissertation PD Dr.-Ing. habil. Harald Schönberger (Universität Stuttgart) Prof. Dr.-Ing. Heidrun Steinmetz (RPTU Kaiserslautern-Landau) wurden durchgeführt, um den Einfluss des pH-Wertes und verschiedener Regenerationsmethoden zu untersuchen. Experimente mit einer synthetischen Lösung zeigten, dass das GEH mit 1 M NaOH erfolgreich nahezu vollständig regeneriert werden konnte. Bei Untersuchungen mit Membrankonzentrat mit seinem Ausgangs-pH-Wert (pH =~ 8) sank die Adsorptionseffizienz von ≥ 92 % in den ersten beiden Adsorptions-/ Desorptionszyklen auf 29 % im achten Zyklus deutlich ab. Dies ist auf Ausfällungen von Calciumverbindungen an der Oberfläche des GEH zurückzuführen, die die Adsorptions-/Desorptionsprozesse stören. Ein zusätzlicher saurer Regenerationsschritt, um die störenden Ausfällungen wieder zu entfernen, ermöglichte eine kumulative Adsorptionseffizienz von > 95 % über 20 Adsorptions-/Desorptionszyklen. Die verwendete Salzsäure konnte dabei über den gesamten Zeitraum wiederverwendet werden, wenn deren pH-Wert durch eine Regelung stabil bei pH 2,5 gehalten wurde. Die Natronlauge des alkalischen Regenerationsschrittes konnte ebenfalls über alle Zyklen hinweg verwendet werden. Ein Austausch der Natronlauge konnte die Desorptionseffizienz jedoch erhöhen, die elektrische Leitfähigkeit konnte als Parameter für den Zeitpunkt ihres Austausches dienen. CaII wurde nur durch die saure Regeneration entfernt, während DTPMP und ortho-Phosphat nahezu aussank die Adsorptionskapazität des GEH. In fünf Adsorptions-/Desorptionszyklen konnte nachgewiesen werden, dass eine Regeneration des GEH mit 1 M Natronlauge (NaOH) möglich ist. Umfangreiche experimentelle Arbeiten In weiteren Batchversuchen wurde der Einfluss von zusätzlich anwesenden Ionen auf die Elimination von Phosphonaten und ortho-Phosphat untersucht. Besonderer Fokus lag dabei auf dem Einfluss von CaII und es wurde festgestellt, dass dieses eine wesentliche Rolle im Adsorptionsprozess spielt und bei bestimmten Calcium-Phosphonat-Verhältnissen Ausfällungen verursachen kann. Weitere Untersuchungen mit DTPMP-haltigem Membrankonzentrat zeigten, dass der Einfluss von Nitrat- und Sulfationen auf die Adsorptionsvorgänge vernachlässigbar war, (Hydrogen-)Carbonat- ionen jedoch in Konkurrenz zur Adsorption von Phosphonaten und ortho-Phosphat standen. Unter Anwesenheit von CaII bei pH > 8 und MgII bei pH > 10 wurde die Fällung zum relevanten Eliminationsprozess. Eine softwaregestützte Modellierung zur Berechnung von Speziation und Lösungsgleichgewichten zeigte, dass es sich dabei neben Calcium-DTPMP-Komplexen auch um anorganische Ausfällungen von Calcium, Magnesium und Phosphat handeln kann. Bei zusätzlicher Anwesenheit von (Hydrogen-)Carbonat kann es zu Ausfällungen von Calciumcarbonat und/oder Dolomit (CaMg(CO3)2) kommen. All diese Ausfällungen können die Phosphonat- sowie ortho-Phosphatkonzentrationen entweder durch direkte Fällung oder durch deren Adsorption an den Ausfällungen vermindern. Es ist davon auszugehen, dass sich das Membrankonzentrat aus Trinkwasseraufbereitungsanlagen durch seinen hohen Gehalt an CaII und MgII für die Adsorption an GEH anbietet, sofern potenzielle Ausfällungen den Adsorptions-/Desorptionsprozess nicht stören. In Experimenten mit Festbettsäulen wurde anschließend die Anwendbarkeit von GEH zur Behandlung von Membrankonzentrat aus der Trinkwasseraufbereitung über bis zu 24 Zyklen hinweg untersucht. Untersuchungen mit phosphonataufgestocktem Reinstwasser und Membrankonzentrat Premiumpartner: Veranstalter: Landesverband Nord-Ost unterstützt von: Bild 2 Schematische Darstellung des Versuchsaufbaus Quelle: Reinhardt

12 www.umweltwirtschaft.com NACHWUCHSPREIS Deutsche Wasserwirtschaft VERLIEHEN VOM FACHMAGAZIN Dr.-Ing. Nina Röttgers Untersuchung von Trinkwasseraufbereitungssystemen auf Haushaltsebene Kleine Wasseraufbereitungssysteme für Haushalte (HWTS) können zur Verbesserung der Trink- wassersituation in dezentralen, einkommensschwachen und technisch gering ausgestatteten Regionen beitragen. Der Markt für HWTS-Produkte wächst beständig. Es gilt, Auswahlkriterien und nachvollziehbare Überprüfungsprozesse zu implementieren. Durch Wasser übertragene Krankheiten sind weltweit weiterhin eine der Haupttodesursachen. Bis heute fehlt etwa 800 Mio. Menschen ein Zugang zu sicherem Trinkwasser /1/. Dieser eklatante Mangel, dem gegenüber die vorhandenen technischen Möglichkeiten stehen, ist das Motiv für die vorliegende Arbeit. Sogenannte Household Water Treatment Systems (HWTS) werden als Ansatz zur Verbesserung der Trinkwasser- situation in dezentralen, einkommensschwachen und technisch gering ausgestatteten Regionen betrachtet. Der Markt für solche HWTS-Produkte und Notwasserversorgungssysteme wächst beständig. Anwender und Entscheidungsträger können aus einer Vielfalt von Systemen für fast jede erdenkliche Wasserquelle wählen. Gerade diese Vielfalt kann den Entscheidungsprozess erschweren und macht es insbesondere für Institutionen wie Nichtregierungsorganisationen notwendig, Auswahlkriterien und nachvollziehbare Überprüfungsprozesse zu implementieren. Hier gilt es, lokale Spezifika ebenso zu berücksichtigen wie Erfahrungen von Anwendern in der Praxis. Ein Ansatz zur Bewertung von HWTS wird mit dem „International Scheme to Evaluate Household Water Treatment Technologies” von der WHO (World Health Organiza- tion) /2/ empfohlen. Dabei wird lediglich der Rückhalt von Bakterien, Viren und Protozoen unter Laborbedingungen betrachtet. Wie in der vorliegenden Arbeit gezeigt wird, ermöglicht das zwar einen Vergleich, liefert aber keine Informationen über die Anwendung und Eignung im Feld. Für die Endnutzer entscheidende Aspekte wie die mögliche Durchflussrate werden nicht betrachtet. Daraus folgt, dass die Aussagekraft dieser rein qualitativen Untersuchung für Entscheidungsträger deutlich eingeschränkt wird. Neben dem Ansatz der WHO existieren verschiedene Bewertungsschemata, die eine Produktauswahl anhand von Kriterien wie 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 März 19 April 19 Mai 19 Juni 19 Juli 19 August 19 September 19 Oktober 19 November 19 Durchfluss [l/h] HWTS 1 HWTS 2 HWTS 3 HWTS 4 Bild 1 Durchfluss von HWTS-Membranprodukten Quelle: Röttgers

13 4/2023 Wasserqualität auf Haushaltsebene liefern kann. Die systematische Erfassung von Daten, insbesondere was den Langzeiteinsatz angeht, bleibt eine Aufgabe für die Zukunft.  Dr.-Ing. Nina Röttgers Polyplan-Kreikenbaum Gruppe GmbH roettgers@polyplan-kreikenbaum.eu Betreuer der Dissertation Prof. Dr.-Ing. Matthias Barjenbruch (TU Berlin) Prof. Dr.-Ing. Johannes Weinig (FH Bielefeld) tät /6/ sowie allgemeine Betriebsdaten zu ermitteln. Hier wurden insbesondere der Durchfluss und das Handling berücksichtigt. Während der Rückhalt von E.-coli-Bakterien den Erwartungen entsprach und für die untersuchten Membransysteme besser ausfiel als für die verwendeten Keramikfilter, zeigte sich für den Durchfluss eine drastische Abweichung zwischen Hersteller- und Betriebsdaten (Bild 1). Hier wurden bereits nach kurzer Laufzeit trotz regelmäßiger Reinigung/Rückspülung der Systeme im Medianwert maximal 12,5 % der vom Hersteller angegebenen Durchflussrate erreicht. Dies zeigt die große Bedeutung von Erkenntnissen aus der Praxis gegenüber reinen Labortests. Die im mit Oberflächenwasser durchgeführten Versuch resultierende geringere Menge an hergestelltem Trinkwasser hätte erhebliche Auswirkungen auf die Akzeptanz, Kosten und Bewertung der Funktion der HWTS. Schlussfolgerungen Vor dem Hintergrund der Ergebnisse dieser Arbeit und der deutlich gezeigten Relevanz von Feldtests wird ein kombiniertes Bewertungssystem für HWTS- und Notwasserversorgungssysteme vorgeschlagen. Hierbei ist sowohl ein an Feldbedingungen orientierter Test von Produkten als auch der Einsatz eines an Bouman /5/ angelehnten, erweiterten Bewertungsschemas vorgesehen. Das vorgeschlagene Vorgehen lässt sich mit geringen Labormitteln umsetzten und stellt so auch für lokale NGOs ohne Zugriff auf voll ausgestattete Wasserlabore eine Möglichkeit der Überprüfung dar, die es ermöglichen kann, für ein Projekt infrage kommende Produkte vor dem Einsatz zu überprüfen. Um die so ggf. gewonnenen Erkenntnisse einer möglichst großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wird die Nutzung von Plattformen wie HWTS-info des Centre for affordable Water and Sanitation technology (CAWST) /7/ vorgeschlagen. In Hinblick auf die aktuelle globale Lage ist davon auszugehen, dass der Einsatz von HWTS-Produkten auch zukünftig einen relevanten Beitrag zur Verbesserung der Kosten, Handling, Eignung für eine bestimmte Wasserquelle oder Lieferkette vorschlagen. Der „WaterCompass“ /3/ sowie die Arbeiten von Loo /4/ und Boumann /5/ stellen solche Tools dar. Während hier lokale Spezifika berücksichtigt werden können, wird in der Bewertung meist von Herstellerdaten ausgegangen, sodass Erfahrungen aus dem Feld nur bedingt einfließen. Um zu einem besseren Verständnis und an den Anwendern orientierten Auswahlprozess von HWTS beizutragen, wurde in dieser Arbeit eine Kombination aus Laborarbeit, Bewertungsschemata und der Berücksichtigung von Feldbedingungen gewählt. Um lokalen Gegebenheiten Rechnung zu tragen, wurden Praxisszenarien aus Madagaskar, Äthiopien, Syrien und Nepal verwendet. Die hier gesammelten Erfahrungen wurden als Hintergrund für die spätere Bewertung der Eignung der Produkte verwendet. Experimentelle Untersuchungen und Ergebnisse Elf für die für die Nutzung von Oberflächenwasser geeignete und für die betrachteten Feldumgebungen einsetzbare HWTS wurden in einem Versuchsaufbau untersucht. Der Schwerpunkt lag dabei auf bekannten, etablierten Keramikfiltern und neuartigeren Membransystemen, darunter vier Prototypen. Produkte, die eine chemische Desinfektion vorsehen, wurden dabei nicht berücksichtigt, da diese häufig eine zusätzliche Vorbehandlung des Rohwassers erfordern und es ggf. zur Bildung von Nebenprodukten kommen kann. Oberflächenwasser aus der Panke in Berlin wurde verwendet, um die Reduzierung von E. coli als Schlüsselindikator für die TrinkwasserqualiLiteratur: /1/ UNICEF,WHO (2019): Progress on household drinking water, sanitation, and hygiene 2000–2017; Special focus on inequalities; New York, USA. Online unter www.who.int/ water_sanitation_health/publications/jmp- report-2019/en/, zuletzt abgerufen am 29. Januar 2023 /2/ WHO (2014):WHO International Scheme to Evaluate Household Water Treatment Tech- nologies; Harmonized Testing Protocol: Techno- logy Non-Specific; Geneva, Switzerland /3/ PRACTICA Foundation (2020):WaterCompass. Online unter www.practica.org/projects/ watercompass, zuletzt abgerufen am 26. Februar 2023 /4/ Loo, S.-L. et al. (2012): Emergency water supply: A review of potential technologies and selected criteria. In:Water Research; Volume: 46; 3125–3151 /5/ Bouman, D. et al. (2010): Smart disinfection solutions; Examples of small-scale disinfection products for safe drinking water. KIT Publishers; Amsterdam, Netherlands /6/ Sphere Project (2018): The sphere handbook; Humanitarian charter and minimum standards in humanitarian response. Fourth edition ed; Sphere Association; Geneva, Switzerland /7/ CAWST (2020): HWTS Knowledge Base; Centre for affordable Water and Sanitation technology; Calgary, Canada. Online unter www.hwts.info/ products-technologies, zuletzt abgerufen am 15. April 2020 Premiumpartner: Veranstalter: Landesverband Nord-Ost unterstützt von: Warumhabe ichmich umden Nachwuchspreis beworben? „Mit meiner Bewerbung und der Vorstellung der Arbeit in wwt möchte ich die Chance nutzen, das weit von unserer Realität hier in Deutschland entfernte Thema des sicheren Zugangs zu Trinkwasser in der Diskussion zu halten. Die Branche hat hier noch viel vor sich.” Vom 9.–18. Mai online abstimmen! Kategorie: PROMOTION

14 www.umweltwirtschaft.com Nach über 30 Jahren wird die Richtlinie über die Behandlung kommunalen Abwassers erstmalig einer umfassenden Revision unterzogen und an die Rahmenbedingungen des Green Deal angepasst. wwt befragte Prof. Dr. Uli Paetzel zu den geplanten Änderungen und wie gut die deutsche Abwasserwirtschaft darauf vorbereitet ist. wwt: Herr Professor Paetzel, ein neuer Vorschlag der EU-Kommission zur Kommunalabwasserrichtlinie liegt auf dem Tisch. Wie zufrieden kann man damit zum gegenwärtigen Zeitpunkt sein? Gibt es deutliche Verbesserungen? Paetzel: Definitiv. Hervorzuheben ist besonders die geplante Einführung des Verursacherprinzips in das Wasserrecht. Mit der erweiterten Herstellerverantwortung nimmt die EU die Hersteller von Humanarzneimitteln und Kosmetika ganz konkret in die Pflicht, die Kosten einer vierten Reinigungsstufe zu übernehmen. Für uns als DWA ist dies der wichtigste Punkt der Novellierung der Kommunalabwasserrichtlinie, für den wir bei den weiteren politischen Verhandlungen intensiv kämpfen werden. Und dies zum Glück nicht allein: Mitte März hat eine große Verbändekoalition, von den kommunalen Spitzenverbänden über den VKU und den BDEW bis zu den technisch-wissenschaftlichen Spitzenverbänden DVGW und DWA, in einer gemeinsamen Position noch einmal definitiv gefordert, dass die erweiterte Herstellerverantwortung in der novellierten Kommunalabwasserrichtlinie verankert sein muss. Große Zustimmung findet bei uns auch die Aufnahme der Abwasserüberwachung auf Krankheitserreger. Hierfür ist aber noch die Finanzierung zu klären. Über die Abwassergebühren ist dies aufgrund der Zweckbindung nicht möglich und auch nicht zielführend. Diskussionsbedarf besteht aber auf jeden Fall noch bei der weitergehenden Abwasserbehandlung und bezüglich der geforderten Energieneutralität von Kläranlagen. wwt: Die Umsetzung der Kommunalabwasserrichtlinie ist seit 1991 in den EU-Mitgliedsstaaten in einem unterschiedlichen Maß vorangeschritten. Wo steht Europa in Sachen Abwasserbehandlung heute? Paetzel: Die Kommunalabwasserrichtlinie hat die Ableitung und Reinigung von Abwasser grundsätzlich deutlich verbessert und damit erheblich zu einem stärkeren Gewässerschutz beigetragen. Allerdings ist die Umsetzung der Richtlinie in den einzelnen Mitgliedsstaaten sehr unterschiedlich weit fortgeschritten. Ziel der Novellierung, die insbesondere vor dem Hintergrund des Green Deal und der Null-Schadstoff-Ziele der EU richtig und notwendig ist, muss daher auch die gleichmäßig gute Umsetzung und Umsetzbarkeit der europäischen Mindestvorgaben sein. Deutschland muss bei nationalen Verschärfungen künftig stärker darauf achten, dass diese in der Praxis auch umsetzbar bleiben. Dies gilt besonders für die schärfere Messmethodik bei der Überwachung der europarechtlichen Vorgaben, bei denen Deutschland aktuell durch die qualifizierte Stichprobe bzw. die Zwei-Stunden- Mischprobe für Phosphor und Stickstoff deutlich strengere Anforderungen erhebt als andere Mitgliedstaaten mit der europarechtlich vorgesehenen 24-Stunden-Mischprobe. wwt: Auf welche Bereiche zielen die wichtigsten neuen Maßnahmen der Kommunalabwasserrichtlinie ab? Wie bewerten Sie die konkrete Ausgestaltung der Vorgaben beispielsweise hinsichtlich der weitergehenden Abwasserbehandlung? Paetzel: Der Entwurf sieht, zeitlich gestaffelt, eine weitergehende Abwasserbehandlung bezüglich Spurenstoffen auf größeren Kläranlagen vor. Ab 2035 müssen alle Kläranlagen mit mehr als 100.000 EW über eine vierte Reinigungsstufe verfügen. Zudem fordert die EU bis 2040 den Ausbau mit vierten Reinigungsstufen für alle Kläranlagen ab 10.000 EW in Handlungsgebieten nach einem risikobasierten Ansatz. Die DWA begrüßt, dass mit dem Entwurf zugunsten des Gewässerschutzes auch eine aktive Politik zur Vermeidung und Verminderung von schädlichen Stoffeinträgen verbunden wird. Die weitergehende Abwasserbehandlung ist eine wichtige Säule – neben der Vermeidung an der Quelle – zur Verminderung des Eintrags von persistenten, mobilen und toxischen Stoffen in den Wasserkreislauf. Aufgrund des hohen finanziellen aber auch Im Gespräch mit Prof. Dr. Uli Paetzel Ein praxistaugliches Gesamtkonzept ist erforderlich Die EU-Kommission veröffentlichte am 26. Oktober 2022 ihren Vorschlag zur Überarbeitung der Kommunalabwasserrichtlinie. Damit startet das ordentliche Gesetzgebungsverfahren. Auf welche neuen Schwerpunktsetzungen muss sich die Abwasserwirtschaft einstellen? Bild 1 Prof. Dr. Uli Paetzel, DWA-Präsident und Vorstandsvorsitzender Emschergenossenschaft/Lippeverband Quelle: David Ausserhofer/DWA Wasserszene

15 4/2023 Spurenstoffen auch in anderen Bereichen die Reinigungsleistung verbessern. Im Zweifel ist eine anteilige Kostenübernahme zu regeln. Wichtig ist zudem die Anreizwirkung, um eine Lenkungsfunktion im Sinne der Vermeidung zu forcieren. wwt: Wie gut sehen Sie die deutsche Abwasserwirtschaft auf die neuen Anforderungen eingestellt? Gilt hier schon der neue Deutschlandtakt? Paetzel: Die deutsche Wasserwirtschaft ist grundsätzlich sehr gut aufgestellt. Dies zeigt auch die Umsetzung der noch bestehenden Kommunalabwasserrichtlinie, bei der sich Deutschland im europäischen Vergleich mit Sicherheit nicht verstecken muss. Die sichere Einhaltung der EU-Vorgaben belegt der DWA-Leistungsnachweis kommunaler Kläranlagen sehr gut. Dass es zudem gelungen ist, die sichere Abwasserbehandlung auch während der harten Phase der Corona-Pandemie jederzeit zu gewährleisten, war eine großartige Leistung, bei dem unser besonderer Dank dem Betriebspersonal auf den Anlagen gilt. Und genau da spreche ich einen wunden Punkt an. Wie fast alle Branchen trifft auch uns der Fachkräftemangel. Und wir brauchen diese Fachkräfte, insbesondere, um nicht nur die bereits bestehenden, sondern auch die kommenden Anforderungen sicher bewältigen zu können. Daher ist es eine wesentliche Aufgabe unserer Branche, uns als attraktiver Arbeitgeber, der wir sind, nach außen zu präsentieren. Das Gespräch führte Nico Andritschke.  DWA e. V. www.dwa.de energetischen Aufwands sollte sie aber nicht flächendeckend rechtlich eingeführt werden, sondern nur dort, wo es gewässer- oder nutzungsbezogen sinnvoll ist. Es besteht zudem die Gefahr, dass die geplanten Vorgaben der Kommunalabwasserrichtlinie in Kombination mit anderen EU-Regeln wie der Umweltqualitätsnormenrichtlinie zu einer flächendeckenden Verpflichtung für die weitergehende Abwasserbehandlung führen. Erforderlich ist aber ein praxistaugliches Gesamtkonzept. Der für kleinere Kläranlagen von 10.000 bis 100.000 Einwohnerwerte vorgesehene risikobasierte Ansatz ist daher sehr zu begrüßen. Die konkreten Kriterien, wann auch kleinere Kläranlagen eine weitergehende Abwasserbehandlung installieren müssen, sind im Entwurf aber noch sehr unscharf. Hier muss deutlich nachgebessert werden – und auch hier immer mit dem Fokus auf ein praxistaugliches Gesamtkonzept. wwt: Und wie beurteilen Sie die Aussagen hinsichtlich Energieneutralität der Kläranlagen? Paetzel: Die geforderte Energieneutralität ist definitiv ein Punkt, den die DWA sehr kritisch sieht. Der Entwurf sieht vor, dass kommunale Kläranlagen gestaffelt bis 2040 insgesamt auf nationaler Ebene Energieneutralität erreichen müssen. Das Potenzial zur Erzeugung von Klärgas und dessen Verwertung zur Strom- und Wärmeerzeugung ist in Deutschland allerdings bereits zu großen Teilen ausgeschöpft. Die Eigenerzeugung von Strom liegt mittlerweile bei ca. 42 %. Wegen der künftig steigenden Anforderungen an die Abwasserbehandlung, beispielsweise die angesprochene weitergehende Abwasserbehandlung, aber auch das Phosphorrecycling, wird insbesondere der elektrische Energiebedarf künftig weiter ansteigen. Diese Energielücke können die Kläranlagenbetreiber nicht mit Photovoltaik- oder Windkraftanlagen vor Ort schließen. Und es muss hier auch noch einmal betont werden: Die Kernaufgabe der Abwasserwirtschaft ist die Abwasserbehandlung und nicht die Energieerzeugung. Zudem besteht seitens der Betreiber eine hohe finanzielle Eigenmotivation, die auf Kläranlagen vorhandenen Potenziale zur Erzeugung erneuerbarer Energie zu heben. Eine gesetzliche Vorgabe, die einen Zubau auf der jeweiligen Anlage vorsieht, ist daher nicht erforderlich. Stattdessen sollten Anreize den Betreibern ein flexibleres Vorgehen bei der Beteiligung am Ausbau erneuerbarer Energien ermöglichen. Aus Sicht der DWA ist vorrangig, dass Kläranlagen die erforderliche Reinigungsleistung energetisch möglichst effizient leisten. wwt: Als zentrales Element soll die Herstellerverantwortung zur Finanzierung der vierten Reinigungsstufe eingeführt werden. Wurde hier schon ein praxistaugliches Gesamtkonzept entwickelt? Paetzel: Eins vorweg: Wir sprechen hier nicht nur von den Investitionskosten, sondern auch von den Betriebskosten. Der EU-Entwurf sieht ganz klar eine Vollkostendeckung vor. Dieses Vorhaben ist ausdrücklich zu begrüßen. Europarechtlich ist eine solche erweiterte Herstellerverantwortung auch kein Neuland. Im europäischen Abfallrecht ist diese bereits etabliert. Außerdem erwarten wir durch die erweiterte Herstellerverantwortung auch eine Lenkungsfunktion. Die Hersteller der Arzneimittel und Kosmetika erhalten damit einen konkreten finanziellen Anreiz, um ihre Produkte umweltgerechter zu entwickeln. Dies darf selbstverständlich nicht auf Kosten des Gesundheitsschutzes gehen. Aber konkret zu ihrer Frage eines möglichen Konzepts: Die Ausgestaltung sollen ja die Nationalstaaten übernehmen, so sieht es der Entwurf vor. Wie das konkrete Verfahren am Ende aussieht, steht für uns gar nicht im Vordergrund. Wichtig ist eine pragmatische und praxistaugliche Regelung. So muss die Finanzierung technologie- bzw. verfahrensoffen gestaltet werden. Verfahren zur Spurenstoffelimination dürfen beispielsweise nicht deshalb aus einer Kostenübernahmeverpflichtung herausfallen, weil sie neben Interview Bild 2 Kläranlage Köln-Weiden: Das bei der Schlammfaulung anfallende Klärgas wird zur ressourcenschonenden Energieerzeugung eingesetzt. Damit werden 98 % des Stroms und 100 % an Wärme für den Eigenbedarf abgedeckt. Quelle: Johannes Lohaus

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