Das Rücknahmesystem für batteriehaltige Geräte hat große Mängel – Teil1:
Brandgefährliches Nichtstun

17.03.2020 Müllverbrennungs- und Wertstoffsortieranlagen unterliegen einem besonderen Brandrisiko. Zunehmend müssen aber auch Betreiber von Recyclinghöfen und Transporteure von Elektroaltgeräten und Batterien Brände fürchten. Die Situation ist unübersichtlich. Um den Versicherungsschutz nicht zu gefährden, wird mancher Brand gar nicht erst erfasst, berichten Insider. Es soll sogar Betriebe geben, die gar keine Brandversicherung mehr haben. Das ENTSORGA-Magazin widmet sich dem Problemkreis Batterien in zwei Teilen. In dieser Ausgabe geht es um die eigentliche Problembeschreibung, in der nächsten Ausgabe äußern sich Branchenvertreter, Verbände und Politiker im Interview zu diesem „heißen“ Thema.

Im Experiment zeigt sich die Gefährlichkeit eines Lithium-Akkus; das eingeklinkte Infrarot-Bild zeigt die Hitzeverteilung. Der Akku wurde nur gequetscht und sollte dabei den Transportzustand simulieren. Es kam auch ohne Zündquelle zu einer Explosion.
© Foto: VOEB/Feuerwehr AT/R.Berger
Im Experiment zeigt sich die Gefährlichkeit eines Lithium-Akkus; das eingeklinkte Infrarot-Bild zeigt die Hitzeverteilung. Der Akku wurde nur gequetscht und sollte dabei den Transportzustand simulieren. Es kam auch ohne Zündquelle zu einer Explosion.
Derzeit vergeht kaum eine Woche, in der es nicht zu einem Brandereignis in Entsorgungsanlagen kommt. Davon betroffen sind nicht nur Erstbehandlungsanlagen nach dem ElektroG, sondern auch Sortieranlagen für Verpackungsabfälle oder der Gewerbeabfallsortierung.

Die von den Herstellern vor Jahren begonnene Umstellung auf batteriebetriebene Gerätearten macht sich nun deutlich im Rücklauf bemerkbar, erläutert bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock in einem Schreiben an die Abteilungsleiterin Ministerialdirektorin Dr. Regina Dube beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU). Jede falsch entsorgte Lithiumbatterie bzw. Lithiumzelle sei eine potentielle Zündquelle. Deshalb benötige die Branche schnelle Verbesserungen.

Rehbock sieht die Schmerzgrenze der Branche inzwischen als „deutlich überschritten“ an. Unternehmen mit Schadensereignissen müssten hohe Versicherungskosten tragen oder würden gar nicht mehr versichert, wenn nicht erhebliche Summen in aktive Brandschutzmaßnahmen investiert würden. Das zehrt natürlich an der Liquidität, sodass der bvse nicht mehr ausschließt, dass Unternehmen ihr Engagement im Altgeräterecycling einstellen werden.
Verbände und Entsorger im In- und Ausland warnen vor der wachsenden Brandgefahr in Sortierund Behandlungsanlagen. Es mangelt sowohl an der ausreichenden Bürgerinformation als auch an gesetzlichen Vorgaben im Umgang mit Produkten, die Lithium-Zellen enthalten. © Foto: Freiwillige Feuerwehr Laxenburg
Verbände und Entsorger im In- und Ausland warnen vor der wachsenden Brandgefahr in Sortierund Behandlungsanlagen. Es mangelt sowohl an der ausreichenden Bürgerinformation als auch an gesetzlichen Vorgaben im Umgang mit Produkten, die Lithium-Zellen enthalten.

Eric Rehbock: „Natürlich sehen wir hier auch die Verantwortung jedes einzelnen Verbrauchers. Fakt ist jedoch, dass die Verbraucheraufklärung über die Risiken von Batterien und die fatalen Auswirkungen sogenannter Fehlwürfe völlig unzureichend ist.

Wenn mehr als die Hälfte der Batterien, die in Haushalten anfallen und hochgefährliche Substanzen enthalten, im Restmüll oder sogar der LVP-Sammlung landen, ist es unserer Ansicht nach an der Zeit, das Rücknahmesystem grundlegend zu überdenken und gründlich nachzusteuern.“

Dabei warnt der bvse ausdrücklich „vor einer Fokussierung auf eine Pfandpflicht für bestimmte energieintensive Lithiumbatterien“, wie sie der BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V. fordert. Zwar sei der Verband für eine Bepfandung größerer Batteriesysteme wie in E-Scootern oder Rasenmähern.

Der bvse betont jedoch, dass dies höchstens eine Teillösung sei und verweist darauf, dass Brandrisiken schließlich auch von weniger energieintensiven Lithiumbatterien ausgehen, für die eine Pfandpflicht nicht realisierbar ist.
In einem Warenlager konnte die Explosion eines Batteriefaches aufgenommen werden. Aktuelle Zahlen bestätigen, dass es aufgrund von sich entzündenden Lithiumbatterien bereits täglich zu Bränden in Tonnen, Fahrzeugen, Betriebshöfen oder Sortieranlagen kommt. © Foto: VOEB/Saubermacher
In einem Warenlager konnte die Explosion eines Batteriefaches aufgenommen werden. Aktuelle Zahlen bestätigen, dass es aufgrund von sich entzündenden Lithiumbatterien bereits täglich zu Bränden in Tonnen, Fahrzeugen, Betriebshöfen oder Sortieranlagen kommt.

Notwendig sei eine deutliche Ausweitung der Batterie-Rückgabemöglichkeiten für die Verbraucher und eine intensivere, verbraucherbezogene Aufklärung über die Gefährlichkeit von Batterien, insbesondere hinsichtlich der möglichen Risiken der Selbstentzündung und der Umweltauswirkungen bei unsachgemäßer Rückgabe und Entsorgung. Außerdem müsse eine eindeutige Kennzeichnung batteriebetriebener Geräte, z.B. mit dem Aufdruck „Nur gesonderte Rückgabe beim Wertstoffhof, Handel oder bei gem. ElektroG zertifizierter Entsorgungsfachbetriebe“ zur Vorschrift werden, fordert der bvse.

Kommunen sind gefordert

Der Verband meint, dass es schon helfen würde, wenn die bereits vorhandenen gesetzlichen Regelungen zur Erfassung endlich umgesetzt werden. Dazu müssten insbesondere die Annahmestellen vieler kommunaler Wertstoffhöfe qualitativ aufgerüstet werden. Teilweise scheinen die vorhandenen kommunalen Annahmestellen nämlich nicht die gesetzlichen Auflagen zu erfüllen, was zu einer regelwidrigen Befüllung der Sammelcontainer führt.

„Nur weil die Entsorgungswirtschaft schon seit Jahren nicht ADR-konforme Transporte batteriebetriebener Altgeräte durchführt, halten wir das System trotzdem noch am Laufen“, räumt Eric Rehbock ein. Das könne aber kein Dauerzustand sein. „Wir baden derzeit die Versäumnisse der Kommunen aus und werden mit den Risiken alleine gelassen. Hier ist deshalb auch der Ländervollzug gefordert, um eine regelkonforme Organisation und Infrastruktur der kommunalen Annahmestellen durchzusetzen“, so der bvse-Hauptgeschäftsführer.

Auch der BDE weist immer wieder auf den Missstand hin. „Aktuell müssen wir leider vermehrt feststellen, dass eine Vielzahl der in Verkehr gebrachten und am Ende des Lebenszyklus angelangten Lithiumbatterien und -akkumulatoren nicht dem sachgerechten Recycling zugeführt und wichtige Recyclingrohstoffe daraufhin dem Kreislauf entzogen werden“, erklärte BDE-Präsident Peter Kurth.

In der Tat erfüllt Deutschland seit vier Jahren die von der EU vorgegebene Sammelquote für Gerätebatterien von 45 Prozent der in Verkehr gebrachten Mengen. Im Umkehrschluss heißt das, dass mehr als die Hälfte aller Zellen gar nicht erst ins Recycling kommt, sondern in der Restmülltonne, in der Wertstoffsammlung oder gar in der Landschaft landet. Wie viele Zellen in Kellerschubladen vor sich hin gammeln, ist dabei überhaupt nicht erfasst. Vergeudete Rohstoffe sind das eine Problem, steigende Brandgefahren vor allem durch Lithium-Zellen das andere.

Gefahrenherd E-Scooter

Kurth weist darauf hin, dass durch die wachsende Zahl an Brandereignissen in Aufbereitungsanlagen nicht nur für die Arbeitenden in den Betrieben ein steigendes Gesundheitsrisiko entstehe und die Umwelt leide, es entstehe ein hoher, manches Mal durch die Versicherung überhaupt nicht mehr abgedeckter wirtschaftlicher Schaden. Die gesamte Kreislaufwirtschaft werde geschwächt, da Kapazitäten an notwendigen Aufbereitungs- und Behandlungsanlagen reduziert würden.

Besonders kritisch sehen alle Branchenvertreter die Verbreitung von E-Scootern. Eine Viertelmillion davon rollten Mittevergangenen Jahres durch Deutschland, so die Schätzungen der ‚stiftung elektro-altgeräte register‘ (ear). Seit dem 15. Juni 2019 sind sie in Deutschland für den Straßenverkehr zugelassen. Dabei fallen die E-Scooter weiterhin in den Anwendungsbereich des Elektro- und Elektronikgerätegesetzes (ElektroG)-Scooter ohne Sitz; in der Regel sind sie als Großgeräte in der Kategorie 4 des ElektroG bei der Stiftung ear zu registrieren. Bei der Mengenmeldung ist dann das Akkugewicht abzuziehen. „Hat ein E-Scooter ohne Sitz ausgedient, können Verbraucher ihn weiterhin kostenfrei bei den lokalen Wertstoff- und Recyclinghöfen oder beim Kauf eines neuen im Handel abgeben“, erklärt die ear.
In zahlreichen elektronischen Geräten sind wiederaufladbare Lithiumbatterien mehr oder minder fest verbaut und lassen sich von Laien u.U. nicht vor der Entsorgung entnehmen. © Foto: VOEB/M.Seyfert
In zahlreichen elektronischen Geräten sind wiederaufladbare Lithiumbatterien mehr oder minder fest verbaut und lassen sich von Laien u.U. nicht vor der Entsorgung entnehmen.

„Lässt sich der Akku vom E-Scooter trennen, so sollte das vorher erfolgen und der Akku einer separaten Alt-Batteriesammlung für Industriebatterien zugeführt werden. Der ausgediente Akku eines E-Scooters wird kostenfrei von den Vertreibern von Industriebatterien zurückgenommen – z.B. vom E-Scooter-Händler, wenn er entsprechende Ersatzakkus anbietet. Auch bestimmte kommunale Sammelstellen qualifizierte Sammelstellen) nehmen Industriebatterien kostenfrei entgegen“, verbreitet die Stiftung.

Fest verbaute Akkus

Doch genau hier liegt das Problem: Die meisten Akkus sind in den E-Scootern fest verbaut und lassen sich vom Laien überhaupt nicht ausbauen. Daher warnt das Umweltbundesamt (UBA) auch ausdrücklich davor, ausgediente E-Scooter an gewerbliche Sammler abzugeben (z.B. Schrottsammler und -händler, die oft mit Postwurfsendungen werben). „Diese sind nicht zur Elektroaltgeräte-Sammlung und Rücknahme berechtigt“, so das UBA. Es bestehe unter anderem die Gefahr, dass die Altgeräte am Lebensdauerende nicht umweltgerecht entsorgt würden.
Weit mehr als eine Viertelmillion Elektroroller dürften nach Schätzungen bereits durch Deutschland rollen. © Foto: pixabay / Rabenspiegel
Weit mehr als eine Viertelmillion Elektroroller dürften nach Schätzungen bereits durch Deutschland rollen.

Im November letzten Jahres befasste sich auf Initiative Thüringens auch der Bundesrat mit der Thematik. Ein Antrag zum „Verbot des Einbaus nicht wechselbarer Batterien bzw. Akkumulatoren in Elektro-Scootern, Elektro-Rollern, E-Bikes und Pedelecs“ wurde in den Ausschüssen intensiv beraten und am 8. November 2019 im Plenum des Bundesrates verabschiedet. Dabei wurde einem weiteren Antrag Baden-Württembergs zugestimmt, der eine Änderung für die Verordnung über die Teilnahme von Elektrokleinstfahrzeugen am Straßenverkehr fordert. Demnach sollen diese mit einer Allgemeinen Betriebserlaubnis nur noch zugelassen werden, wenn wechselbare Batterien bzw. Akkumulatoren eingebaut werden. Weiterhin soll sich die Bundesregierung auf EU-Ebene dafür einsetzen, dass Regelungen gefasst werden, die es dem Endnutzer leicht machen, Batterien aus entsprechenden Fahrzeugen zu entnehmen sowie das Inverkehrbringen von Elektrokleinstfahzeugen mit fest verbauten Akkus erschweren.

Ebenfalls angenommen wurde die zusätzliche Beschlussempfehlung des Umwelt- und des Wirtschaftsausschusses, welche Prüfaufträge an die Bundesregierung zu Kennzeichnungs- und Registrierungspflichten sowie auch gesonderte Recyclingziele und ein Pfandsystem für die Antriebsbatterien von u.a. E-Scootern fordert.

Politik ist gefordert

Der Ball liegt nun bei der Bundesregierung. Sie entscheidet, ob sie das Anliegen des Bundesrates aufgreift und eine Gesetzesänderung auf den Weg bringt. Feste Fristen gibt es hierfür nicht.

Damit würde auch der erste Punkt eines Fünf-Punkte-Forderungskatalogs des BDE erfüllt:

  1. Elektro- und Elektronikgeräte sind so zu konzipieren, dass Batterien und Akkumulatoren durch den Endnutzer ausbaubar sind. Dementsprechend bedarf es einer Anpassung der Regelungen zur Produktkonzeption im Elektro- und Elektronikgerätegesetz.
  2. Kennzeichnungs- und Informationspflicht: Eine einheitliche Kennzeichnung von Geräten mit hochenergetischen Akkumulatoren durch die Hersteller ist verpflichtend einzuführen. Schon beim Kauf und später bei der Entsorgung sollten die Verbraucher zudem auf die korrekte Handhabung der betroffenen Geräte und Akkumulatoren hingewiesen werden. Hier sind die Kennzeichnungsund Informationspflichten im Elektro- und Elektronikgerätegesetz anzupassen.
  3. Finanzielle Anreize: Eine Pfandpflicht zur Erhöhung der Sammelbereitschaft und damit eine wirksame Lenkung insbesondere kritischer Batterieströme ist mit dem Batteriegesetz einzuführen. Mit steigender Energiedichte steigt das Risiko einer Brandgefahr bei unsachgemäßem Umgang und Fehlwürfen in der Entsorgung. Die Pfandpflicht wäre daher ab einer Spannung von 9 Volt für Lithiumbatterien und -akkumulatoren einzuführen.
  4. Höhere Sammelquoten für alle Gerätebatterien: Eine gezielte Batteriesammlung kann über das Batteriepfand sowie eine erhöhte Sammelquote von 80 Prozent für alle Gerätebatterien, welche im Batteriegesetz zu verankern ist, erreicht werden.
  5. Vollzugsdefizit: Die Sammlung und der Transport von Lithiumbatterien sind mit einem Gefahrenpotential verbunden, dem auch mit einer gezielten Steuerung in die richtigen Recyclingwege begegnet werden muss. Die Sammlung und der Transport müssen durch klarstellende Formulierungen im Gesetz praktikabler gestaltet aber auch vollzogen werden.
Nach einer Bundesratsinitiative soll der Bundestag ein Gesetz formulieren, das das Aus für sogenannte Einwegroller bedeutet: Demnach sollen Elektrokleinstfahrzeuge mit einer Allgemeinen Betriebserlaubnis künftig nur noch zugelassen werden, wenn wechselbare Batterien bzw. Akkumulatoren eingebaut werden. © Foto: M. Boeckh
Nach einer Bundesratsinitiative soll der Bundestag ein Gesetz formulieren, das das Aus für sogenannte Einwegroller bedeutet: Demnach sollen Elektrokleinstfahrzeuge mit einer Allgemeinen Betriebserlaubnis künftig nur noch zugelassen werden, wenn wechselbare Batterien bzw. Akkumulatoren eingebaut werden.

Sachgemäßer Umgang

Das Thema Pfandpflicht findet allerdings nicht nur Freunde. Neben dem bvse lehnt auch die Stiftung ‚Gemeinsames Rücknahmesystem Batterien (GRS)‘ ein Pfand ab. „Ein separates Rücknahmesystem mit Pfanderhebung allein für das elektrochemische System Lithium ist aus Sicht von GRS nicht zielführend“, heißt es offiziell bei der GRS. Die Stiftung habe einen Sicherheitsstandard für die Erfassung von Lithium-Batterien flächendeckend und deutschlandweit eingeführt. Seither habe es keine relevanten Schäden bei der Sammlung von Lithium-Batterien über die Rücknahmesysteme von GRS gegeben. Auch sei festzustellen, dass die separate Rücknahme von Lithium-Batterien vom Endverbraucher auf kommunaler und gewerblicher Ebene sehr gut und ohne Unfälle funktioniere. Alle der GRS bekannten Schadensereignisse seien vielmehr auf einen unsachgemäßen Umgang mit Elektroaltgeräten und Lithium-Batterien zurückzuführen, insbesondere in Abfallbehandlungs- und -verwertungsanlagen. Aus Sicht der Stiftung hätten die meisten dieser Unfälle bei Einhaltung der gesetzlichen Behandlungsvorschriften für Elektroaltgeräte vermieden werden können. Mit Blick auf die bisherigen Schadensursachen sei nicht erkennbar, inwieweit eine Pfandpflicht diesen Schadensereignissen entgegenwirken könnte.
Auf einer Pressekonferenz des Verbandes Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB) wurde das Problem der unsachgerecht entsorgten Lithiumbatterien aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet (v.l.): Prof. Roland Pomberger (Montanuniversität Leoben), Hans Roth (VOEB), Peter Kurth (BDE) und Roman Sykora (Öst. Bundesfeuerwehrverband). © Foto: VOEB/APA-Fotoservice/Hörmandinger
Auf einer Pressekonferenz des Verbandes Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB) wurde das Problem der unsachgerecht entsorgten Lithiumbatterien aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet (v.l.): Prof. Roland Pomberger (Montanuniversität Leoben), Hans Roth (VOEB), Peter Kurth (BDE) und Roman Sykora (Öst. Bundesfeuerwehrverband).

Hinsichtlich der befürchteten Fehlwürfe von Lithium-Batterien durch den Endverbraucher, z.B. in Sammelsysteme für Hausmüll oder Verpackungen, belegen die Erfahrungen von GRS zudem, dass eine gezielte Verbraucheraufklärung effektiver und effizienter einer derartigen Falschentsorgung vorbeugen kann, als die nur vermutete Lenkungswirkung einer Bepfandung.

Europaweite Vergleiche zur Elektroaltgeräte- und Batterierücknahme zeigen laut GRS, dass das Erreichen hoher Sammelquoten vor allem von drei Faktoren abhängig ist:

  • Klare Zuweisung von Pflichten zum Erreichen von Sammelzielen an Rücknahmesysteme
  • Flächendeckende, zentral gesteuerte, ergebnis- und zielgruppenorientierte Kommunikation mit Verbrauchern und Stakeholdern
  • Sanktionierung des Nicht-Erreichens von Sammelzielen

Alle drei Faktoren seien im Elektroaltgerätegesetz (ElektroG) und im Batteriegesetz (BattG) teilweise nur unzureichend ausgestaltet. Auch eine Pfandpflicht könne Regelungs- und Vollzugsdefizite nicht ausgleichen. Um höhere Sammelziele zu erreichen, seien verbesserte gesetzliche Vorgaben zu den drei genannten Stellgrößen erfolgversprechender.

Grenzüberschreitende Vertriebswege

Ein weiteres Gegenargument: Die Rücknahme von Lithium-Batterien erfolgt über den Handel, über die Verwertungsanlagen für Altfahrzeuge und Elektroaltgeräte sowie über die öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger. Ein Pfandsystem müsste gleichermaßen alle Rücknahmewege abdecken. Und letztlich wäre die Kapitalbindung für einbehaltene Pfandbeträge ganz erheblich, denn die Lebensdauer von Lithium-Batterien könne mehr als zehn Jahre betragen. Eine nicht europaweit einheitliche Einführung eines Pfandsystems würde aufgrund der vielfältigen grenzüberschreitenden Vertriebswege von Lithium-Batterien einen Missbrauch deutlich befördern.

Ein verbesserter Vollzug sowie geeignete Kommunikations- und Schulungsmaßnahmen seien preiswerter und würden eher zu einer Steigerung der Sammelquoten und zur Verbesserung der Sicherheit der Altbatterie-Sammlung beitragen als eine Bepfandung, so das Fazit der GRS.
Bei dem brennenden Altglascontainer hat sich möglicherweise eine falsch entsorgte Lithiumbatterie oder ein elektronisches Gerät mit einer Lithiumbatterie entzündet. © Foto: pixabay / argh
Bei dem brennenden Altglascontainer hat sich möglicherweise eine falsch entsorgte Lithiumbatterie oder ein elektronisches Gerät mit einer Lithiumbatterie entzündet.

Einen völlig anderen Standpunkt vertritt der Verband Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB). Für den VOEB sind Ursache und Wirkung eindeutig, wie es Hans Roth, VOEB-Präsident auf einer Pressekonferenz in Wien Ende letzten Jahres formulierte: „Lithiumbatterien sind die größte Herausforderung der Branche in den letzten 40 Jahren. Wir wissen von Entsorgungsbetrieben, in denen sie für 95 Prozent der Störfälle verantwortlich sind. Wir haben verletzte Mitarbeiter zu beklagen, der Sachschaden ist enorm. Das kann so nicht weitergehen. Wenn die Batterie-Sammelquote nicht zumindest auf 75 Prozent erhöht wird, wird kein Weg an einem Pfand vorbeiführen.“

Informationsdefizite überall

Nach einer Studie ist die Bevölkerung nur unzureichend über die Gefahren von Lithiumbatterien informiert ist. Besonders auffällig ist das bei unter 30-Jährigen: Nur 29 Prozent wissen, dass der Handel verpflichtet ist, alte Batterien zurückzunehmen, gerade 32 Prozent ist die fachgerechte Entsorgung ein Anliegen und nur etwas mehr als jeder Dritte entsorgt alte Batterien fachgerecht. „Bei den über 60-Jährigen sind es 71  Prozent“, sieht Roth Informationsdefizite besonders bei jungen Menschen. „Diese Zahlen sind sehr beunruhigend. Wir müssen daher vor allem junge Menschen aufklären, wo überall Lithiumbatterien versteckt sind, wie man sie korrekt entsorgt und so gefährliche Brände verhindert.“

Gegenwind erfährt die deutsche GRS auch von wissenschaftlicher Seite. Seit Jahren beschäftigt sich Prof. Roland Pomberger von der Montanuniversität Leoben mit den leistungsstarken, hochexplosiven Lithiumbatterien. „Wir können den Zusammenhang zwischen der steigenden Anzahl von Lithiumbatterien im Restmüll und den Bränden bei Entsorgungsbetrieben eindeutig belegen. Für die Abfall- und Ressourcenwirtschaft ist diese Entwicklung existenzbedrohend. Ein Problem, für das jedoch keiner die Verantwortung übernehmen will.“ Die Hersteller erfüllten bereits die geforderte Sammelquote und fühlten sich daher nicht zuständig. Die Konsumenten hätten kein Bewusstsein dafür und wüssten oft nicht einmal, worin sich überall Lithiumbatterien befinden.

Auch für die Politik habe das Thema (noch) keine Priorität. Pomberger: „Die Faustregel lautet: In einer Tonne Restmüll befindet sich durchschnittlich eine Lithiumbatterie. Jede Lithiumbatterie ist eine potentielle Zündquelle. Durch Abfallbehandlung und Recycling steigt die Wahrscheinlichkeit einer Beschädigung und damit die Wahrscheinlichkeit eines Brandfalles.“
In zahlreichen Haushaltsprodukten sind wiederaufladbare Lithiumbatterien enthalten. © Foto: VOEB
In zahlreichen Haushaltsprodukten sind wiederaufladbare Lithiumbatterien enthalten.

BDE-Präsident Peter Kurth ergänzte in Wien: „Die Lage ist dramatisch. Wir können und wollen nicht zusehen, bis wir bei diesen Brandfällen Tote und Schwerverletzte beklagen müssen. Die Unternehmen der deutschen Recycling- und Entsorgungswirtschaft dürfen mit dieser ernsten Herausforderung nicht alleine gelassen werden. Alle Verantwortlichen müssen ihren Beitrag leisten, um diese Gefahr einzudämmen.“

Ein Beitrag von Martin Boeckh

Fachartikel aus dem ENTSORGA-Magazin Nr. 1/2020

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