Die digitale Transformation wird auch die Entsorgungsbranche betreffen
Auf dem Weg zu mehr Transparenz

09.12.2019 Die Francotyp-Postalia Holding AG mit Sitz in Berlin und mehr als 1000 Mitarbeitern weltweit ist ein international tätiges Unternehmen für sichere digitale Kommunikationsprozesse. Dabei ist die FP Inovolabs GmbH aus dem Bereich Forschung & Entwicklung der Francotyp-Postalia Holding AG als Dienstleister für Entwicklungsaufgaben hervorgegangen. Einer der beiden Geschäftsführer des Unternehmens ist Dipl.-Ing. Uwe Hübler. Das ENTSORGA-Magazin wagt mit ihm einen Blick in die Zukunft.

Dipl.-Ing. Uwe Hübler (r.), im Gespräch mit Projektleiter Dipl.-Ing. (FH) Karsten von der Waydbrink. Hübler sieht bei vielen Unternehmen einen großen Veränderungsbedarf – besonders bei der Dokumentations- und Nachweispflicht.
© Foto: Inovolabs
Dipl.-Ing. Uwe Hübler (r.), im Gespräch mit Projektleiter Dipl.-Ing. (FH) Karsten von der Waydbrink. Hübler sieht bei vielen Unternehmen einen großen Veränderungsbedarf – besonders bei der Dokumentations- und Nachweispflicht.
ENTSORGA-Magazin: Im Mai vergangenen Jahres haben Sie die Firma Tixi.Com im Rahmen eines Asset Deals übernommen. Welches Ziel verfolgt FP Inovolabs?

Uwe Hübler: 2018 übernahm die Francotyp-Postalia den Geschäftsbetrieb der 1998 gegründeten Firma Tixi.Com GmbH & Co. KG, um mit den Tixi-Gateways die bewährte FP-Sicherheits-Technologie auch für die IoT-gestützte Automatisierung zugänglich zu machen. Im nächsten Schritt wurde das Unternehmen Tixi.Com dann in die FP InovoLabs GmbH integriert. Tixi brachte zunächst intelligente Modems für das Abholen von E-Mails auf den Markt. Mit Beginn der 2000er-Jahre erfolgte der Eintritt in den Industriemarkt mit Alarm-Modems für verschiedene Kleinststeuerungen von Siemens, Mitsubishi, Moeller/Eaton und ABB. Die Modems wurden zu Gateways weiterentwickelt, die später auch programmierbar wurden und sich ab 2004 mit dem M-Bus-Support im Energiemarkt fest etablierten.

ENTSORGA: Sie sind der klassische Zulieferer für den Maschinenbauer, der wiederum – wie im Falle der Husmann Umwelt-Technik GmbH – Kunden der Entsorgungswirtschaft bedient. Welche besonderen Anforderungen stellen Ihre Kunden?

Hübler: Die Firma Husmann hatte bereits klare Vorstellungen von der Lösung, die realisiert werden sollte. Das betrifft insbesondere den Inhalt der Lösung, die Preisgestaltung und den Zeitraum bis zur Verfügbarkeit der Lösung. Hier konnten wir sehr schnell durch einen ‚Proof of Concept‘ (PoC), also durch einen betriebsfähigen echten Aufbau, die Grundfunktion nachweisen. Die Grundfunktionen bestehen aus Datenerfassung aus der vorhandenen SPS (Speicherprogrammierbare Steuerung), der Rückwirkung in die Anlage (SPS) aus der Cloud und einem Cloud-Dashboard zur Visualisierung.

ENTSORGA: Welche Lösung können Sie dem mittelständischen Unternehmen anbieten und wo liegen Ihre Stärken?

Hübler: Es gibt im IoT-Umfeld nicht „die“ Lösung von der Stange. Vieles ist kundenspezifisch nd variabel auszulegen. Wir verstehen uns als „Ende-zu-Ende“-Anbieter. Wir liefern vom Sensor bis zum Dashboard alles aus einer Hand. Sogar die Konnektivität (Mobilfunk). Wir nehmen immer stärker wahr, dass gerade bei kleineren Unternehmen der Bedarf nach einer Komplettlösung aus einer Hand besteht. Diese Unternehmen wollen oft nicht als Projektsteuerer zur Lösungsentwicklung „ihrer Lösung“ auftreten und die verschiedenen Lösungsanbieter für Detail und Speziallösungen miteinander abstimmen, einzeln beauftragen und aussteuern. Vielmehr wird ein Ansprechpartner gesucht, der als Auftragnehmer auftritt.

ENTSORGA: Ihre Spezialität ist der sichere Umgang mit Daten. Inwieweit ist das überhaupt ein Thema für Entsorger?

Hübler: Ein durchgängiger Prozess enthält immer Datensicherheit/Datenschutz und klares Datenhandling zur Prozesssteuerung und auch zur Fernüberwachung. Insbesondere, wenn diese Daten für Abrechnungszwecke benutzt werden sollen, setzt das zwingend Daten mit klarer Identität voraus. Nur so können entsprechende Nachweise der ordnungsgemäßen Anrechnung auch prüfungssicher erbracht werden. Wir verstehen unter dem sicheren Umgang mit Daten neben den inhaltlichen DSGVO-Themen auch, dass Daten mit der richtigen und unverfälschten Zuordnung zu Ort und Zeitpunkt ihrer Entstehung unverfälscht und geschützt nur zu demjenigen Zielsystem übertragen werden, das die Berechtigung hat, die Daten auszuwerten. In dem Augenblick, in dem datenbasierende Businessentscheidungen getroffen werden, sind die „richtigen“ Daten zwingende Voraussetzung. Entscheidungen auf Basis falscher, verfälschter oder unvollständiger Daten müssen folglich ausgeschlossen werden. Spätestens, wenn es Rückwirkungen aus der Ferne in Anlagen geben soll, z.B. das Setzen von Betriebsparametern, entsteht ein Schutzbedarf dafür, dass nur autorisierte und zulässige Rückwirkungen erfolgen. Das gilt auch und gerade für Entsorger. Eine solche Entscheidung kann z.B. der Umgang mit einer ‚Vollmeldung‘ oder die Abrechnung einer erbrachten Leistung basierend auf Betriebsparametern sein. Der Entsorger möchte ja z.B. den richtigen Container rechtzeitig abholen und dafür möglichst kosten- und energieoptimale Prozesse betreiben.
Die Husmann Umwelt-Technik GmbH stellt maschinentechnische Einrichtungen für die Entsorgungsbranche her. Für ihre Verdichteranlagen liefert Inovolabs Gateways für Kontrolle und Fernsteuerung. © Foto: Husmann
Die Husmann Umwelt-Technik GmbH stellt maschinentechnische Einrichtungen für die Entsorgungsbranche her. Für ihre Verdichteranlagen liefert Inovolabs Gateways für Kontrolle und Fernsteuerung.

ENTSORGA: Welche Branchen oder Kundenbereiche können von den Erfahrungen, die Sie mit dem Husmann-Projekt gewonnen haben, besonders profitieren?

Hübler: Im Grunde gibt es technisch keine Einschränkung auf bestimmte Branchen. Wir unterscheiden jedoch branchenübergreifend zwischen Produkt- und Prozessoptimierung. Das gilt auch für die Umwelt- und Abfallbranche. Beim Thema Prozessoptimierung sehen wir die Bewertung und Optimierung der Verbräuche an Energie, um Produkte zu fertigen oder Leistung am Markt anzubieten. Wir bieten z.B. Lösungen für virtuelle Kraftwerke als Mix aus kleinen dezentralen Energieerzeugern wie Blockheizkraftwerken, Photovoltaik und Windenergie genauso an wie Lösungen zum Energiemanagement- und zur Infrastrukturautomatisierung. Das ist branchenübergreifend interessant.

ENTSORGA: Die digitale Transformation ist für viele Unternehmen eine Herausforderung – und für Sie als IT-Unternehmen sicherlich eine große Chance. Wie sieht unsere von IoT-geprägte Zukunft aus – vielleicht mit Blick auf die Entsorgungswirtschaft?

Hübler: Der Trend in der Industrie geht schon einige Zeit weg vom Verkauf von Produkten hin zum Anbieten von Lösungen, die der Kunde nutzen kann, und zwar wann und in welchem Umfang er sie benötigt. Dieser Trend wird zum Standard werden. Kunden werden erwarten, dass entsprechende Services von den Herstellern angeboten werden. Wir nennen das ‚Platform as a Service‘ (PaaS) oder ‚Software as a Service‘ (SaaS). Insbesondere wird neben der Prozessoptimierung der Nachweis der umweltgerechten Fertigung, der energetisch optimalen Erzeugung der Produkte und auch dem umwelttechnisch und energetisch optimalen Betriebsmodell seitens des Gesetzgebers und der Kunden immer bedeutender. Die frühzeitige Anpassung an diese Trends wird Wettbewerbsvorteile bringen, eine Nichtanpassung wird disruptiven Einfluss haben. Bei der Bewertung und Auswahl von Produkten und Leistungen wird der Nachweis des Verbrauchs, etwa über die CO2-Bilanz, die gefahrenen Kilometer, die optimale Wahl der Fahrzeugart, den Energieverbrauch usw. auch für den Kunden zunehmend wichtiger werden.

ENTSORGA: Welche Veränderungen stehen für Entsorgungsunternehmen und auch für den Konsumenten ins Haus?

Hübler: Die digitale Transformation wird uns in allen Lebensbereichen betreffen. Der Alltag wird immer transparenter. Kunden und auch automatisiert erzeugten Handlungsempfehlungen selbstbestimmt folgen. Sie werden weniger und bewusster Ressourcen einsetzen. Prozesse werden automatisiert optimiert. Verfügbare Rechenleistung und Datenspeicher sind bereits ausreichend vorhanden. Aus ‚toten‘, bisher ungenutzten Daten, werden smarte, nutzbare Daten. Verschiedene Datenquellen werden kombiniert und ermöglichen ganz neue Businessentscheidungen. Unternehmen unterliegen einem zunehmenden Veränderungsbedarf. Insbesondere Entsorgungsunternehmen müssen sich mit einem immer flexibleren und kleinteiligeren Angebot mit steigender Dokumentations- und Nachweispflicht ausstatten, um am Markt bestehen zu können. Prozesse und Leistungsangebot müssen dabei optimiert und auf den Kunden feiner abgestimmt werden bei gleichzeitiger höherer Kostentransparenz und geringerer Zahlungsbereitschaft für nicht genutzte Leistungen. Das alles benötigt Daten und einen gesicherten Datentransfer mit entsprechendem Schutzbedarf. FP Inovolabs ist in der Lage, mit den verfügbaren Produktgruppen und Lösungen sowohl einzelne Lösungsbestandteile als auch ‚End to End‘-Lösungen (Solution Packages) anzubieten. Wir nennen das übrigens D2I – ‚Data to Information‘.

Vielen Dank für das Gespräch.
Mit Uwe Hübler sprach Martin Boeckh.
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