Erfolgreiches Kunststoffrecycling erfordert den Schulterschluss aller Marktakteure
Es wird so nicht reichen

Dienstag, 12. März 2019 Aus Mist kann allenfalls durch Zauberei Gold entstehen. Das gilt besonders für das Kunststoffrecycling. Die Quoten steigen, doch das gilt auch für die Probleme, mit denen die Recycler zu kämpfen haben.

Die Recyclingtonnagen müssen sich mindestens verdoppeln, um die Quoten des Verpackungsgesetzes bei gleichzeitig steigenden Lizenzmengen erfüllen zu können.
© Foto: mtm
Die Recyclingtonnagen müssen sich mindestens verdoppeln, um die Quoten des Verpackungsgesetzes bei gleichzeitig steigenden Lizenzmengen erfüllen zu können.
Unlösbare Verbunde, lästige Füllstoffe und immer wieder dunkle Farben – nicht zu vergessen der charakteristische Geruch und dann noch das Imageproblem durch Mikroplastik und Littering. Das sind nicht gerade Marktbeschleuniger. Jetzt sind alle Marktakteure gefordert.

Gute Zeiten für Kunststoffrecycling

Die Zeichen stehen derzeit nicht schlecht für das Kunststoffrecycling. Um nicht zu sagen: Sie stehen ausgesprochen gut. Die Quoten – zumindest für das Verpackungsrecycling – sind mit dem Verpackungsgesetz enorm nach oben gegangen: 58,2 Prozent Recycling bezogen auf die lizenzierte Menge müssen bereits im laufenden Jahr nachgewiesen werden. Im vergangenen Jahr waren das noch 36 Prozent. Und ab 2022 sind es gar 63 Prozent, die nachweislich ins Recycling gehen müssen. Gleichzeitig sind die Preise für die Verbrennung von Abfällen ebenfalls deutlich gestiegen. Und last but not least hat China seine Grenzen für Lieferungen unbehandelter Kunststoffabfälle und teilweise sogar für Regranulate aus Europa weitestgehend dicht gemacht, sodass auf unserem Kontinent deutlich mehr Menge verbleibt, die es zu verwerten gilt.

Alle diese Faktoren spielen den Recyclern in die Hände, verbessern ihre Position. Dies gilt insbesondere für die wichtige Investitionssicherheit und die Sicherheit, Forschung und Entwicklung betreiben zu können, ohne dass die diesbezüglichen Anstrengungen durch Federstriche einzelner Dualer Systeme (beispielsweise wegen Marktanteilsverschiebungen) obsolet gemacht werden können.

Herausforderungen beim Recycling

Und doch wird das alles nicht reichen, die aktuellen Herausforderungen zu meistern. Zu diesen Herausforderungen zählt nicht nur die enorme Steigerung der absoluten Recyclingtonnagen, die sich mindestens verdoppeln müssen, um die Quoten des Verpackungsgesetzes bei gleichzeitig steigenden Lizenzmengen erfüllen zu können. Letztlich geht es um die Rettung des Werkstoffs Kunststoff insgesamt. Dessen Image leidet enorm unter der Vermüllung der Meere. Auf hocheffizienten und innovativen Werkstoff wird man vermutlich auch künftig nicht verzichten können. Es besteht aber die Gefahr, dass Kunststoff zunehmend als notwendiges Übel angesehen wird. Zumindest was seine Verwendung für Verpackungen und andere Konsumgüter betrifft.

Mengen- und Imageziele sind schwer zu erreichen, weil nach wie vor zu viel Verpackungsabfall entsteht, der nur schwer und mit hohem Aufwand zu einigermaßen marktgängigen Produkten zu recyceln ist. Was muss geschehen, um die Quote ab 2019 wesentlich zu erhöhen? Ein Problem sind die vollflächig bedruckten, oftmals kleinformatigen, mehrschichtigen, durchgefärbten und/ oder stark mit Füllgutresten kontaminierten Funktionsverpackungen. Deren Hauptmaterialien sind zwar gut verwertbar, doch bereiten die marketinggetriebenen Zusätze wie Polyesterschichten, Druckfarben, Pigmente, Additive (z.B. Füllstoffe), Verarbeitungshilfen (z.B. siegelfähige Schichten) und funktionale Bestandteile (Barriereschichten aus PET, PE oder PVDC), die mit dem Hauptmaterial nicht verträglich sind, immer mehr Schwierigkeiten. Deren Eigenschaften wirken sich negativ auf die des Rezyklats aus. Es kommt zu Farbbeeinträchtigungen, Ausgasen und Störungen der mechanischen Eigenschaften des Recyclingkunststoffs.

Europäische Kunststoffverarbeiter beklagen im Rahmen einer Umfrage die angeblich nicht ausreichende Qualität oder auch die fehlende Lieferkonstanz. Da die absolute Abfallmenge nicht signifikant steigen wird, muss die Inputqualität durch eine verbesserte Recyclingfähigkeit der in den Markt gebrachten Kunststoffverpackungen besser werden. Ansätze dazu gibt es, doch praktisch geht es noch recht langsam voran. Was wir jetzt brauchen, ist ein Schulterschluss aller an der Werkstoffkette beteiligten Akteure.

Kunststoffindustrie: Potenzial für mehr Recycling

Beginnen wir mit der Kunststoffindustrie. Dort bewegt sich in der Tat etwas. So hat deren Kompetenzcenter BKV im Rahmen einer Studie errechnen lassen, dass mit relativ geringen Designänderungen die Recyclingmenge gegenüber dem Stand von 2014 um rund 100.000 Tonnen gesteigert werden könnte. Prämisse für die Studie war, dass vorhandene Funktionalitäten auf keinen Fall beeinträchtigt werden. Verbesserungen in der Sortierung würden demzufolge weitere 120.000 Tonnen bringen. Und die kunststofferzeugende Industrie will sich per Selbstverpflichtung für mehr Recycling einsetzen. Bis 2030 sollen demnach 60 Prozent aller Kunststoffverpackungen in Europa wiederverwendet oder recycelt werden, bis 2040 gar 100 Prozent. Auch will sie die Verbesserung der Ressourceneffizienz beschleunigen. In dem Zusammenhang hat sie allzu lange an Ideen der Gewichtsreduzierung und als Maßstab an Life-Cycle-Betrachtungen festgehalten.

Das hilft uns im Hinblick auf die Anforderungen des Recyclings und des Vermeidens von Littering nicht wirklich weiter. Stattdessen müssen Sammlung und Recyclingfähigkeit oberste Priorität erhalten, wenn weniger in der Natur und mehr im Recycling landen soll.

Duale Systeme, Verpackungsindustrie, Handel und Markenartikler

Aber noch mehr müssen die Dualen Systeme, die Abfüller und Verpackungsdesigner sowie die Einzelhändler und Markenartikler aktiv werden und möglichst an einem Strang ziehen, um die Recyclingmenge nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ zu steigern. Die Dualen Systeme können dazu schon bei der Erfassung Positives beitragen. Zum einen mit einer intensivierten Öffentlichkeitsarbeit für eine bessere Trennung beim Verbraucher, zum anderen aber auch mit einer an normierten Erfassungsmengen pro Kopf orientierten Sammelentgeltgestaltung.
 © Foto: Studie ‚Potenziale zur Steigerung der werkstofflichen Verwertung von Kunststoffverpackungen – recyclinggerechtes Design, Sortiertechnik‘ (Prognos/GVM)


Einen ganz wesentlichen Beitrag müssen Verpackungsdesigner und -hersteller leisten, indem sie sich auf einige wenige Polymertypen für alle Kunststoffverpackungen konzentrieren: Das sind Polyethylen (PE), Polypropylen (PP) und, für Getränkeflaschen, Polyethylenterephthalat (PET). Festverklebte Komponenten, die nicht kompatibel sind, also Kombinationen von PE und PP mit PVC, PET, Papier, PA, PVDC sowie Aluminiumbedampfungen in Mehrschichtverpackungen, Etiketten und Sleeves sind unbedingt zu vermeiden, beziehungsweise durch recyclingfähige Lösungen zu ersetzen.

Wenn Verbunde sich nicht vermeiden lassen, muss das verwertbare Hauptmaterial der Verpackung über 90 Gewichtsprozent ausmachen. Auf Füllstoffe wie Kreide müssen Verpackungshersteller verzichten, sofern diese die Dichte der Verpackung insgesamt von der des Hauptmaterials entfernen.

Ein weiteres wichtiges Kriterium ist die sogenannte Restentleerbarkeit. An der sollten bereits die Abfüller schon aus Respekt vor ihren eigenen Produkten Interesse zeigen und dafür Verpackungen ordern, die bei gewöhnlicher Handhabung einen vollständigen Verbrauch ermöglichen. Die Restinhalte verursachen beim Recycling mehr Aufwand und Kosten und verstärken ein Problem, das bis heute noch nicht wirklich gelöst ist: der Geruch des Rezyklats. Für potentielle Abnehmer vor allem aus dem Konsumgüterbereich ist genau das einer der Hauptgründe, warum sie keine Regranulate einsetzen.

Das gilt auch für die Farbe. Je dunkler das zu recycelnde Produkt, desto geringer ist das mögliche Farbspektrum des daraus hergestellten Regranulats. Aus Schwarz kann nun mal kein helles Gelb werden. Deshalb sind die Marketingexperten und Verpackungsdesigner aufgerufen, auf schwarze Verpackungen, beziehungsweise generell auf unnötige Einfärbungen und Bedruckungen ganz zu verzichten.

Es entsteht zu viel und überflüssiger Verpackungsabfall, der kaum zu marktgängigen Produkten zu recyceln ist. © Foto: M. Boeckh
Es entsteht zu viel und überflüssiger Verpackungsabfall, der kaum zu marktgängigen Produkten zu recyceln ist.


Die Zeit ist gekommen, diese Forderungen nicht mehr nur zu diskutieren, sondern sie tatsächlich umzusetzen. Wichtig ist, dass in Unternehmen die Spitze die neuen Prioritäten als wichtig erkennt. Dann kann und wird sich auch etwas ändern. Eine hilfreiche Lenkungswirkung kann auch die Orientierungshilfe der Zentralen Stelle Verpackungsregister im Verbund mit den Verpackungsdesignrichtlinien, die derzeit auf dem Markt sind, entfalten, wenn die Dualen Systeme sie tatsächlich für eine Lizenzentgeltstruktur nutzen, die eine Design- oder Materialumstellung lohnend erscheinen lässt.

Ein Beitrag von Dr. Michael Scriba, Bayreuth.


Fachartikel aus dem ENTSORGA-Magazin Nr. 1/2019

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