Folgen des Ukraine-Kriegs
Die Märkte sind verunsichert

31.03.2022 Der COO des international engagierten Recyclers Geminor aus Norwegen, Ralf Schöpwinkel, über die neue Herausforderung Ukraine-Krieg für die Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft:

Geminor-COO Ralf Schöpwinkel sind erhebliche Auswirkungen des Ukraine-Kriegs für die Abfallwirtschaft in Europa.
© Foto: Geminor
Geminor-COO Ralf Schöpwinkel sind erhebliche Auswirkungen des Ukraine-Kriegs für die Abfallwirtschaft in Europa.

Wie in vielen anderen Branchen auch, führt der verhängnisvolle Krieg in der Ukraine zu einem Ungleichgewicht für viele Abfall- und Recyclingunternehmen in Europa. Zugegeben, dieses Ungleichgewicht hat die Branche bereits während der Pandemie zu spüren bekommen, aber die Herausforderungen, mit denen wir im vergangenen Jahr konfrontiert waren, haben sich nun in mehreren Bereichen verstärkt und tragen zu einer weiteren Verunsicherung auf den Abfallmärkten in Europa bei.

Einige Faktoren erschüttern die Abfall- und Recyclingindustrie in Zeiten des Krieges.

Verknappung von Abfall als Ausgangsmaterial: Die Abfallwirtschaft ist eine der ersten, die Signale eines bedeutenden wirtschaftlichen Wandels in der Gesellschaft wahrnimmt. Der Verbrauch der Haushalte und das Produktionsniveau des Unternehmenssektors wirken sich unmittelbar auf die Gesamtabfallmenge aus. Diese Mengen werden immer schwanken, aber der deutliche Rückgang, den wir derzeit erleben, führt zu einem Mangel an Rohstoffen für die nachhaltige stoffliche und energetische Verwertung. Der Krieg in der Ukraine sorgt für weitere Unsicherheit, indem er die Wirtschaft abkühlt und den Verbrauch in Europa verringert.

Ein Beispiel für die derzeitige Rohstoffknappheit ist die Versorgung mit Holz. Russland ist seit langem ein bedeutender Lieferant von Holz und Biohackschnitzeln sowohl für die Plattenindustrie als auch für die Papierindustrie und für Waste-to-Energy-Anlagen, die Hackschnitzel als Brennstoff verwenden. Mit der Verhängung neuer Sanktionen wurden diese Exporte mehr oder weniger über Nacht gestoppt. Auf dem europäischen Abfallmarkt herrschte bereits vor Kriegsbeginn ein Mangel an Altholz, was zu höheren Preisen führte. Dies ist auch eine Herausforderung für die WtE-Anlagen, die den Mangel an Haushalts- und Gewerbeabfällen durch die Verbrennung von Holz kompensieren.

Die Verknappung von Biomasse ist ein Phänomen, das verschiedene Industriezweige durchleben werden und das für energetische Verwertungsanlagen mit strengen Nachhaltigkeitsanforderungen eine Herausforderung darstellt.

Erhöhte Transportkosten: Als ob es nicht schon genug Herausforderungen für die Transportindustrie in Europa gäbe, wirkt sich der Krieg auch auf die Transportkapazität auf dem Kontinent aus. Darunter leidet die Abfallwirtschaft, wie andere auch. Ein akuter Mangel an Fahrern verringert die Transportkapazität, und wenn viele ukrainischen Fahrer jetzt nach Hause zurückkehren, um ihr Land zu schützen, werden diese Herausforderungen noch größer. In kurzer Zeit hat sich der Preis für Schiffstreibstoff verdoppelt, und der Dieselpreis für den Straßentransport war noch nie so hoch. Diese zusätzlichen Kosten werden auf die Transportpreise aufgeschlagen, was die preisempfindliche Abfallwirtschaft sehr stark trifft. Gleichzeitig scheiden russische Massengutfrachter aus der Lieferkette aus, was auch die Kapazitäten im Seeverkehr einschränkt. Der Schienenverkehr kann den Mangel an anderen Transportdienstleistungen derzeit nicht ausgleichen.

Gestiegene Energiepreise: Die Preise für Strom und fossile Energieträger sind eng miteinander verknüpft, und obwohl nach wie vor Gas aus Russland nach Europa fließt, hat der Krieg die Betriebskosten für viele Akteure der Branche erheblich erhöht. Die derzeitigen, äußerst ungewöhnlichen Strompreise zwingen mehrere Recyclingunternehmen zu einem vorübergehenden Produktionsstopp. Dies ist der Fall bei mehreren Karton- und Papierrecyclingwerken (RCP) in Europa.

Ein unberechenbarer Markt: Auch das Emissionshandelssystem (ETS) der EU ist vom Krieg in der Ukraine betroffen. Am 3. Februar wurden die Quoten zu 94 € pro Tonne gehandelt. Nach dem Einmarsch in die Ukraine am 7. März wurden die Quoten zu einem Preis von nur 58 € pro Tonne gehandelt, liegen aber derzeit wieder bei 80 €. Der Abfallmarkt, der auf dem Spothandel basiert, wird unberechenbar, da sich die Preise schnell ändern. Für Anlagen zur energetischen Verwertung, die an langfristige und vorhersehbare Marktbedingungen gewöhnt sind, sind die schwankenden Preise und Einspeisevergütungen eine Herausforderung, die zum Mangel an Sekundärbrennstoffen noch hinzukommt. Der grenzüberschreitende Transport von Abfällen, der durch die grenzüberschreitende Verbringung von Abfällen (TFS) geregelt ist, erfordert Anträge, deren Genehmigung normalerweise mehrere Monate dauern kann, was die Unsicherheit vieler Akteure in diesem Frühjahr noch verstärkt.

Wenn uns der Krieg in der Ukraine etwas lehren kann, dann, dass die gesamte Wertschöpfungskette schnell anfällig wird, wenn Marktmechanismen in Kombination mit Emissionsquoten und anderen Vorschriften unvorhergesehene Änderungen erfahren. Eine breite internationale Zusammenarbeit, die den Zugang zu Rohstoffen in ganz Europa erleichtert, würde die Risiken verringern und in künftigen Krisensituationen einen stabileren Abfallmarkt ermöglichen.

 

 

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