Abfallwirtschaft noch weit entfernt von Zero-Waste-Economy
Bestens ausgelastet

29.05.2019 19,5 Millionen Tonnen Abfall werden hierzulande jährlich in 66 Müllverbrennunganlagen (MVA) thermisch verwertet. Mit den Abfallverbrennungsanlagen konkurrieren Ersatzbrennstoffkraftwerke, mechanisch-biologische Aufbereitungsanlagen und Sortieranlagen sowie Anlagen zur Mitverbrennung von Siedlungs- und Gewerbeabfällen um die Inputstoffe. Eine aktuelle Studie sorgt für den Marktüberblick.

Nach einer Studie ist mit einer konstanten bis leichten Zunahme des kommunalen Restabfallaufkommens zu rechnen, obwohl der Trend bis vor einigen Jahren zum Rückgang dieses Abfallaufkommens ging. Durch die gestiegene Auslastung der thermischen Anlagen kommt es regional bereits zu den ersten Entsorgungsengpässen
© Foto: M. Boeckh
Nach einer Studie ist mit einer konstanten bis leichten Zunahme des kommunalen Restabfallaufkommens zu rechnen, obwohl der Trend bis vor einigen Jahren zum Rückgang dieses Abfallaufkommens ging. Durch die gestiegene Auslastung der thermischen Anlagen kommt es regional bereits zu den ersten Entsorgungsengpässen

Abfallverwertungsanlagen sind über ganz Deutschland verteilt: Im Osten dominieren eher mechanisch-biologische Aufbereitungs-anlagen (MBA), Ersatzbrennstoffkraftwerke und Mitverbrennung, während im Süden, insbesondere in Bayern, überwiegend MVA für die Verwertung genutzt werden. Aktuell befinden sich neben den MVA auch 35 Ersatzbrennstoffkraftwerke (EBS-Kraftwerke) mit einer Gesamtkapazität von 5,6 Mio. Tonnen in Verwendung (vgl. Abb. 1). Auch in 15 Kohlekraftwerken und 33 Zementwerken werden Ersatzbrennstoffe auf Basis gemischter Siedlungs- und Gewerbeabfälle mit einer Kapazität von circa 2,8 Mio. Tonnen mitverbrannt. Die 37 bestehenden MBA behandeln 4,8 Mio. Tonnen Abfall. Alle diese Anlagen haben den Verwerterstatus und erfüllen – mit Ausnahme der MBA – das R1-Kriterium. Somit gilt die Entsorgung jeweils als thermische Verwertung und ist gegenüber der Beseitigung höherwertig.

Gegenläufiger Trend

Die deutsche Abfallwirtschaft ist aktuell von einer stabilen und hohen Auslastung geprägt. So ist z.B. die Beanspruchung der Abfallverbrennungsanlagen fast flächendeckend nahe 100 Prozent. Das Abfallaufkommen in Deutschland bleibt voraussichtlich in den kommenden Jahren nahezu konstant (vgl. Abb. 2). Nachdem über Jahre die Preise für kommunale Restabfälle und ge-werbliche Siedlungsabfälle gesunken waren und nur über den Umfang der Überkapazitäten diskutiert wurde, ist seit circa vier Jahren ein gegenläufiger Trend mit hoher Anlagenauslastung und erst steigenden und dann kontinuierlich hohen Preisen erkennbar, der auch bei längerfristigen Verträgen weiter anhält. Gründe für diese Preissteigerungen – speziell bei der energetischen Abfallverwertung – sind das steigende Abfallaufkommen im Inland aufgrund einer guten Konjunktur, die größeren Importmengen und die Schließung von Verwertungskapazitäten.

Ein Großteil der Importmengen, speziell von Restabfällen, kommt aus europäischen Ländern, beispielsweise aus Großbritannien. Angesichts des voraussichtlich bevorstehenden Brexits sorgt dies aktuell im Markt für Unsicherheit. Sollte der Austritt Großbritanniens aus der EU nicht wie geplant vertraglich geregelt erfolgen, bleiben die zukünftigen wirtschaftlichen Beziehungen mit Großbritannien unklar. Falls die weitere Regelung des Imports und Exports nicht endgültig geklärt ist, könnte es zu Verzögerungen des britischen Abfall-Exports kommen, was direkte Auswirkungen auf die deutsche Abfallwirtschaft hätte. Neben den größeren Importmengen erfuhr der deutsche Recyclingmarkt auch durch den Import-stopp von Plastikmüll in China im Jahr 2018 einen Aufschwung, da Deutschland selbst beispielsweise im Jahr 2016 850.000 Tonnen Kunststoffabfälle nach China exportiert Betreiber von Vorbehandlungsanlagen vor neue Anforderungen hinsichtlich eines ordnungsgemäßen, schadlosen und hochwertigen Recyclings stellt.

Basierend auf der Umsetzung der neuen Gewerbeabfallverordnung prognostiziert trend:research ein Sinken des Gewerbeabfallaufkommens um ca. 1,5 Mio. Tonnen. Der Preis für die Gewerbeabfälle wird bis etwa 2024 langsam weiter steigen. Sofern die Mengen der Abfälle wie prognostiziert sinken und auch die Kapazitäten der MVA nicht reduziert werden, sind danach wieder sinkende Preise möglich. Bei weiterhin hohen Abfallmengen und gleichzeitig einem Rückgang der Verbrennungskapazitäten ist allerdings mit einem hohen Preisniveau zu rechnen, welches auch auf lange Sicht bestehen bleibt.

Abb.1: Die Mitverbrennung von Abfällen in Kohlekraftwerken wird in Zukunft stark abnehmen. © Foto: trend:research
Abb.1: Die Mitverbrennung von Abfällen in Kohlekraftwerken wird in Zukunft stark abnehmen.

Abb.2: Das Abfallaufkommen in Deutschland bleibt voraussichtlich in den kommenden Jahren nahezu konstant. © Foto: trend:research
Abb.2: Das Abfallaufkommen in Deutschland bleibt voraussichtlich in den kommenden Jahren nahezu konstant.

Handlungsschritte zugesagt

Die politischen Bestrebungen zur weiteren Stärkung des Recyclings und zum Aufbau einer Kreislaufwirtschaft lassen sich als wesentliche langfristige Trends erkennen. Konkrete Handlungsschritte umfassen mehr unverpackte Ware, Mehrweg-Behälter/Netze und Verkaufsstopp von Kunststoffartikeln wie Strohhalmen und Plastikgeschirr, von denen einige von den Handelsvertretern bereits zugesagt wurden. Innovationen und Neuerungen in der Abfallwirtschaft setzen zunehmend bei den Produkten an, da die Sortierung, Trennung und Aufbereitung in vielen Fällen an ihre Grenzen stößt und erkennbar wird, dass hier nur noch geringe Optimierungspotentiale bestehen. Gleichzeitig werden die Bestrebungen einer Zero-Waste-Economy nicht realisiert werden – unter anderem deshalb, weil auch künftig Abfälle und Schadstoffe entstehen, die nicht in der Umwelt verteilt werden sollen. Somit werden Abfallbehandlungsanlagen (stoffliche und energetische) auch langfristig ihren Platz in der Entsorgungswirtschaft behalten. Die benötigten Kapazitäten der energetischen Verwertung könnten dabei allerdings insgesamt leicht sinken, wenn es gelingt, besonders das Produktdesign so zu verändern, dass die Abfallmengen faktisch zurückgehen. Sollten die Abfallmengen tatsächlich abnehmen – aufgrund von Maßnahmen oder Aktionen auf der politischen und gesellschaftlichen Diskussion – wird sich ein ,Schweinezyklus‘ anbahnen.

Die Verwertung von Restabfällen erfolgt in Deutschland in ganz verschiedenen Anlagen. © Foto: trend:research
Die Verwertung von Restabfällen erfolgt in Deutschland in ganz verschiedenen Anlagen.

Neubauprojekte geplant

Eine weitere gesetzliche Vorgabe, die in den letzten Jahren zu Aktivitäten im Bereich der thermischen Verwertung geführt hat, ist die novellierte Klärschlammverordnung. Sie führt zu einer Veränderung der Entsorgungswege und – u.a. auch durch die in kommenden Jahren in Kraft tretenden Verpflichtungen zur Phosphorrückgewinnung – zu einer Stärkung der thermischen Verwertung sowie steigenden Preisen. Dies wirkt sich insbesondere auf den Markt für Monoverbrennungsanlagen aus: In Deutschland sind zurzeit 23 Monoverbrennungsanlagen zur Klärschlammverwertung in Betrieb (Gesamtkapazität circa 620.000 t Trockensubstanz). Es sind aktuell 33 Neubauprojekte für Monoverbrennungsanlagen geplant, und es sind mindestens sechs weitere potentielle Projekte im Gespräch.

Die Gesamtkapazität der 33 geplanten Projekte wird (laut aktueller trend:research-Studie zur Klärschlammentsorgung) bei über 1 Mio. t TS liegen, was eine Steigerung der verfügbaren Gesamtkapazität von über 150 Prozent bedeutet. Durch die sechs noch nicht definierten Projekte – sollten diese gebaut werden – ist nochmals eine Steigerung um über zehn Prozent der Gesamtkapazität zu erwarten. Diese Neubauprojekte lassen die Angst vor einem ,Schweinezyklus‘ wachsen. Konsequenzen können dann fallende Preise und unausgelastete Anlagen sein – wie in der Mitte des vorigen Jahrzehnts im Bereich der Ersatzbrennstoffkraftwerke, als Mengen plötzlich stark zurückgingen und Projekte nicht mehr rechtzeitig aufgehalten werden konnten. Dies hatte damals den gesamten Markt für thermische Verwertung nachhaltig beeinflusst. Allerdings kann diese Entwicklung aufgrund nicht vorhandener bzw. begrenzter Ressourcen bei Engineering und Anlagenbau behindert werden.

Gefahr eines ,Schweinezyklus‘

Fazit: Der Abfallmarkt in Deutschland ist angespannt; aber stehen wir vor dem nächsten ‚Schweinezyklus‘? Das Beispiel Klärschlamm(mono)verbrennung zeigt, dass die Gefahr eines ‚Schweinezyklus‘ immer real ist – häufig auch angetrieben von Marktteilnehmern, die von den Investitionen profitieren: vom Planer über Finanzierer bis hin zum Anlagenbauer und allen Dienstleistern. Bei neutraler Analyse des Marktes ist festzuhalten: Eine Verhaltensänderung ist zwar durch aktuelle Ereignisse (Meeresvermüllung, Verpackungsdiskussion) im Blickpunkt der Medien, aber von der realen Umsetzung bis hin zur Zero-Waste-Economy relativ weit entfernt. Die Diskussion wird außerdem nur mit internationalen bzw. mindestens EU-weiten Regelungen zu führen sein. Dementsprechend ist also aktuell eher eine konstante bis leichte Zunahme des kommunalen Restabfallaufkommens zu verzeichnen, obwohl der Trend bis vor einigen Jahren zum Rückgang dieses Abfallaufkommens ging. Durch die gestiegene Auslastung der thermischen Anlagen kommt es mittlerweile regional bereits zu den ersten

Entsorgungsengpässen, beispielsweise für Ausfallzeiten. Darüber hinaus ist mit einer weiteren Reduktion der Kapazitäten zu rechnen, da es Pläne gibt, die Kapazitäten der Mitverbrennung in Kohlekraftwerken teilweise zu reduzieren. Bei einem Ausstieg aus der Kohleverstromung, der aber noch umgesetzt werden muss, könnten auch die Mitverbrennungskapazitäten noch schneller reduziert werden. Es ist insgesamt davon auszugehen, dass das hohe Preisniveau auch in den kommenden Jahren bestehen bleibt.

Der Restabfallmarkt in Deutschland ist in Bewegung. Nachdem über Jahre die Preise gesunken waren und nur über den Umfang der Überkapazitäten diskutiert wurde, ist seit zwei Jahren ein gegenläufiger Trend mit hoher Anlagenauslastung und deutlich gestiegenen Preisen erkennbar © Foto: M. Boeckh
Der Restabfallmarkt in Deutschland ist in Bewegung. Nachdem über Jahre die Preise gesunken waren und nur über den Umfang der Überkapazitäten diskutiert wurde, ist seit zwei Jahren ein gegenläufiger Trend mit hoher Anlagenauslastung und deutlich gestiegenen Preisen erkennbar

Neue Anlagen nötig

Um die Situation zu entschärfen, wäre mittelfristig der Neubau oder die Erweiterung von Anlagen erforderlich. Die Auslastung dieser Anlagen muss allerdings, wie das Preisniveau, langfristig gesichert und hoch genug sein, damit sich Neuinvestitionen überhaupt rechnen. Aktuell sehen die Marktteilnehmer diese nicht als gesichert an, denn sie rechnen mit sinkenden Restabfallmengen und einem steigenden Recyclinganteil – oder schätzen das Risiko einer solchen Entwicklung als hoch ein. Auch spielen obengenannte wirtschaftliche und politische Entwicklungen hier eine große Rolle. Die fehlende Geschwindigkeit der Anpassungen an den Markt legt eine Art ,institutionalisierte Demenz‘ nahe, die allerdings durch saisonal übliche Schwankungen etwas reduziert wird. Dennoch steigt das Risiko eines ,Schweinezyklus‘ im deutschen Entsorgungsmarkt weiter.


Ein Beitrag von Dirk Briese, trend:research GmbH

www.trendresearch.de


Fachartikel aus dem Entsorga-Magazin Nr. 3/2019 


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