Energie- und Klimawende setzen Ressourcenwende voraus:
Ausstieg aus der Wegwerfgesellschaft

20.08.2019 Die bisherige linearere Wirtschaftsweise lässt nach wie vor den Ressourcenkonsum global dramatisch ansteigen. Die Europäische Kommission und auch die deutsche Bundesregierung wollen einen Wandel des bisher linearen zu einem kreislauforientierten Wirtschaftssystem fördern. Einen Schlüsselfaktor für die Ressourcen- und Energiewende nehmen dabei Produkte ein. Gesetzliche Vorgaben beispielsweise zu Öko- bzw. kreislauforientiertem Design könnten dabei sehr wirkungsvoll sein. Wichtig dafür ist eine zügige Umsetzung z.B. über die Ökodesign-Richtlinie.

Das Konzept der Circular Economy (CE) sieht eine Transformation der linearen Wirtschaftsweise in ein System vor, das Rohstoffe in Kreisläufen organisiert. Sekundärmaterialien wie Kupfer spielen hier eine große Rolle, denn 99 Prozent des abiotischen Ressourcenaufwands (inklusive der ungenutzten Extraktion) lassen sich gegenüber der Primärerzeugung einsparen.
© Foto: M. Boeckh
Das Konzept der Circular Economy (CE) sieht eine Transformation der linearen Wirtschaftsweise in ein System vor, das Rohstoffe in Kreisläufen organisiert. Sekundärmaterialien wie Kupfer spielen hier eine große Rolle, denn 99 Prozent des abiotischen Ressourcenaufwands (inklusive der ungenutzten Extraktion) lassen sich gegenüber der Primärerzeugung einsparen.
Jeder Tag kostet die Wirtschaft und Gesellschaft zurzeit wichtige Ressourcen, die unwiederbringlich verloren gehen und neu der Natur entnommen werden müssen. Die globale Ressourcennutzung steigt seit der industriellen Revolution und hat sich während der letzten 50 Jahre exponentiell beschleunigt. Im Jahr 2017 erreichte das weltweit gewonnene und genutzte Material mehr als die dreifache Menge, die 1970 verbraucht wurde. In Europa gelangen heute nur circa 12 Prozent der verwendeten Rohstoffe wieder in die Produktion – darunter kritische Metalle mit < 1 Prozent. Das kann sich die deutsche und europäische Wirtschaft nicht mehr lange leisten, greifen doch weltweit die Volkwirtschaften zunehmend auf diese wichtigen Rohstoffe für ihre Wohlstandsschaffung zu. Kluge, marktfähige Lösungen sind gefragt!

Auch wegen des Klimawandels, dem Biodiversitätsverlust, den Landnutzungsänderungen aber auch wegen der sozialen Ungleichheiten, die sich insbesondere entlang von globalisierten Wertschöpfungsketten abbilden, ist eine Senkung des weltweiten Ressourcenkonsums zwingend erforderlich. Eine Ressourcenwende ist Voraussetzung einer Energie- und Klimawende.

Auswirkungen der Ressourcenwende

Aber was bedeutet das für Unternehmens-, Produkt- und Geschäftsstrategien? Aus weniger mache mehr – die Ressourcenproduktivität massiv zu steigern, sozialen Ausgleich entlang von Wertschöpfungsnetzen zu stärken und die Ökosysteme damit umfassend zu entlasten, ist das Ziel des Pariser Übereinkommens und der UN Nachhaltigkeitsziele. Dies kann nur im Zusammenspiel dreier Strategien erfolgen:

a) Effizienz – mit weniger Materialeinsatz mehr Service schaffen,
b) Konsistenz – Kreisläufe schließen und Material“wert“ erhalten und
c) Suffizienz – Nutzen stiften statt linearen, „abfallproduzierenden“ Ressourcenkonsum.

Wir benötigen also ökointelligente = kreislauffähige Produkt-Dienstleistungssysteme. Diese sollen die Bedürfnisse der Menschen befriedigen, aber gleichzeitig Gesundheit und Ökosysteme erhalten sowie das verwendete Material in hochwertigen, möglichst verlustfreien Kreisläufen organisieren.
In der Regel können wir in die ökologischen Rucksäcke der Produkte, die wir kaufen, nicht hineinschauen. Genauso wenig können wir alle Auswirkungen unserer Konsumhandlungen für alle heute und zukünftig lebenden Menschen überblicken. Dennoch können wir mit unseren Konsumhandlungen einen Beitrag dazu leisten, unseren Planeten zu schützen und anderen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen. Im englischsprachigen Raum wurden dazu leicht merkbare Leitlinien für das eigene Konsumhandeln entwickelt: die sogenannten R-Regeln. © Foto: Zusammenstellung nach Baedeker et. al., 2002; Shallcross & Wales, 2006
In der Regel können wir in die ökologischen Rucksäcke der Produkte, die wir kaufen, nicht hineinschauen. Genauso wenig können wir alle Auswirkungen unserer Konsumhandlungen für alle heute und zukünftig lebenden Menschen überblicken. Dennoch können wir mit unseren Konsumhandlungen einen Beitrag dazu leisten, unseren Planeten zu schützen und anderen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen. Im englischsprachigen Raum wurden dazu leicht merkbare Leitlinien für das eigene Konsumhandeln entwickelt: die sogenannten R-Regeln.

Konzept der Circular Economy

Das Konzept der Circular Economy (CE) bezieht sich auf diese Ziele: Es wurde bereits in den 1990er-Jahren als ein Modell zur Transformation der linearen Wirtschaftsweise in ein System formuliert, das Rohstoffe in Kreisläufen organisiert. 1993 wies das Konzept der ökologischen Rucksäcke bereits auf die klima- und ressourcenschonende Wirkung von im Kreislauf geführten Materialien, sogenannten Sekundärmaterialien, hin – allein bei Kupfer lassen sich 99 Prozent des abiotischen Ressourcenaufwands (inklusive der ungenutzten Extraktion) gegenüber der Primärerzeugung einsparen (MIT-Wertetabelle, Wuppertal Institut 2014). Auch bei anderen Metallen liegen die Werte in ähnlichen Bereichen; so verringert das Recycling von Aluminium die CO2-Emissionen um 80 Prozent gegenüber der Primärproduktion. Deswegen fordert die Ressourcenkommission am Umweltbundesamt auch, dass die Kreislaufführung von Rohstoffen in unserer Wirtschaft nicht mehr alleine durch Recyclingquoten bzw. Verwertungsquoten gemessen werden sollte, sondern dass mit einer Substitutionsquote der wirklich in die Wirtschaft zurückgeführte Anteil an Sekundärmaterial gemessen werden sollte (KRU 2019 – in Veröffentlichung). Denn bisher werden nur etwa 7 Prozent aller genutzten Ressourcen weltweit im Kreislauf geführt, in Europa sind es etwa 12 Prozent, die laut offiziellen Statistiken bezogen auf die insgesamt genutzte Materialmenge im Kreislauf geführt werden. Eine Wende in Produktion und Konsum ist notwendig.

Dabei zielt die CE nicht ausschließlich auf Recycling ab. Um das Wegwerfen zu stoppen und insgesamt den Einsatz von Primärmaterial zu reduzieren, sollen gerade auch Strategien wie die Verlängerung von Nutzungsdauern und eine ieder-/Weiternutzung beitragen. Doch wie kann die lineare Wertschöpfung in einen Kreis gebogen werden? Der Schlüssel liegt in den Produkten und deren wertschöpfungskettenübergreifendem Design. Bisher haben sich die Wertschöpfungsstufen: Entwicklung, Rohstoffextraktion,Produktion, Nutzung und Entsorgung isoliert voneinander entwickelt. Für einen Kreisschluss ist eine integrierte Betrachtungsweise notwendig, die alle Stufen zusammenbringt.

In der europäischen Umweltpolitik wurde bereits 2003 mit dem ,Weißbuch zur integrierten Produktpolitik‘ der Fokus neu gesetzt: weg von der Sichtweise auf große Punktquellen, hin zu einer, die den gesamten Lebenszyklus von Produkten in den Blick nimmt.
Das Recycling von Aluminium reduziert die CO2-Emissionen um 80 Prozent gegenüber der Primärproduktion. © Foto: M. Boeckh
Das Recycling von Aluminium reduziert die CO2-Emissionen um 80 Prozent gegenüber der Primärproduktion.

Zur Umsetzung dieser politischen Ausrichtung dienen verschiedene politische Instrumente. Ziel dieser Instrumente ist der Schutz von Konsumierenden und Umwelt vor möglichen negativen Auswirkungen. Produkte auf dem europäischen Markt sollen dadurch nachhaltiger werden. Diese politischen Instrumente können in ,Push-and-Pull‘-Maßnahmen unterteilt werden. Die ,Push‘-Instrumente geben dabei Mindeststandards vor, die erreicht werden müssen, damit ein Produkt überhaupt für den europäischen Markt zugelassen werden kann (Verdrängung nicht nachhaltiger Produkte vom Markt). Die ,Pull‘-Instrumente stellen freiwillige, über die Mindeststandards hinausgehende Anforderungen dar.


Ökodesign-Richtlinie

Die Ökodesign-Richtlinie stellt beispielsweise eine ,Push‘-Maßnahme dar, die Mindeststandards für Produkte festlegt. Um Energieeffizienz stärker in das Produktdesign zu integrieren, wurde 2005 die Ökodesign-Richtlinie bzw. ‚Energy using Products‘ (EuP RL 2009/125/EG)-Richtlinie entwickelt, welche 2009 durch die ‚Energy related ,Push‘- und ,Pull‘-Maßnahmen als Instrumente einer nachhaltigen Produktpolitik Verdrängung nicht nachhaltiger Produkte aus dem Markt Anreiz für nachhaltige Produkte beim Konsum » Transformation des Markts Förderung nachhaltiger Produktentwicklung und Innovationen Produkte im Markt Products‘ (ErP RL 2009/125/EG)-Richtlinie erweitert und 2011 mit dem Energieverbrauchsrelevanten-Produkte Gesetz (EVPG) in deutsches Recht umgesetzt wurde. Diese Richtlinie fokussiert Produkte wie elektronische Haushaltsgeräte z.B. Kühlschränke oder Staubsauger, aber auch Computer oder Fernseher (siehe https://ec.europa.eu/energy/sites/ener/files/documents/list_of_ecodesign_measures.pdf für eine vollständige Liste).
Die Ökodesign-Richtlinie stellt eine ,Push‘-Maßnahme dar, die Mindeststandards für Produkte festlegt. © Foto: Eigene Darstellung nach Cordella et al. 2018 und EU COM 2019
Die Ökodesign-Richtlinie stellt eine ,Push‘-Maßnahme dar, die Mindeststandards für Produkte festlegt.

Die Produkte müssen hierfür Mindestanforderungen in Bezug auf die Energieeffizienz erfüllen. Diese sogenannten Ökodesign-Anforderungen sollen die negativen Umweltauswirkungen über den Gesamtlebenszyklus der betreffenden Produkte verringern. Die Richtlinien enthalten dabei keine konkreten Produktdesignanforderungen, sondern diese werden unter der Durchführung von Vorstudien in sogenannten Durchführungsmaßnahmen festgelegt. Die aktuelle Durchführungsmaßnahme 2016- 2019 umfasst 29 produktgruppenspezifische Durchführungsverordnungen, die von den Herstellern unmittelbar anzuwenden  sind, 16 Verordnungen zur Energieverbrauchskennzeichnung sowie 3 freiwillige Vereinbarungen. Hersteller müssen vor dem Inverkehrbringen von Produkten dieser Art sicherstellen, dass diese den Verordnungen genügen. Eine Vielzahl dieser Produkte ist durch die gesetzlichen Vorgaben wesentlich effizienter geworden und der Energieverbrauch konnte signifikant verringert werden.

Laut der Europäischen Kommission können durch diese Richtlinien die europäischen Bürger bis 2020 etwa 470 Euro pro Haushalt und Jahr an Energiekosten einsparen. Insgesamt sollen 154 Mio. Tonnen Erdöläquivalente pro Jahr an Primärenergie bis 2020 eingespart werden und 320 Mio. Tonnen CO2-Emissionen (siehe http://ec.europa.eu/environment/circular-economy/pdf/sustainable_products_circular_economy.pdf).

2015 hat die europäische Kommission den ‚Circular Economy Action Plan‘ (COM (2015) 614) verabschiedet, mit dem die Europäische Union eine Transformation zu einer zirkulären Wirtschaftsweise erreichen möchte. Produkte spielen dabei eine wesentliche Rolle. In einer zirkulären Wirtschaft erhalten Produkte ihr Wertschöpfungspotential so lange wie möglich. Produkte sollen eine sehr lange Lebensdauer haben durch ein langlebiges Design. Nach einem ersten „ökonomischen“ Leben sollen die Produkte repariert, aktualisiert oder überarbeitet werden und beginnen einen weiteren Lebenszyklus. Falls dies nicht mehr möglich sein sollte, werden die Materialien rezykliert. Insgesamt sollte Umweltpolitik so wenig Abfall wie möglich entstehen. Der Arbeitsplan der Ökodesign-Richtlinie 2016-2019 hebt dementsprechend auch entsprechend die Relevanz der Richtlinie für die Umsetzung des ‚Circular Economy Action Plans‘ hervor.

Ausweitung der Ökodesign-Richtlinie

Auch das EU-Parlament fordert, die Ökodesign-Richtlinie auf weitere Produkte wie Mobiltelefone auszuweiten und auch die Lebensdauer von Produkten mit in den Blick zu nehmen. Seitens der EU-Kommission ist der Normungsauftrag M/543 hinsichtlich Ökodesign und Materialeffizienz energieverbrauchsrelevanter Produkte ein Vorstoß für die Erweiterung der Ökodesign-Vorgaben. Dieser Normungsauftrag wurde 2015 von der Europäischen Kommission vergeben an das ‚Europäische Komitee für Normung‘ (CEN), das ‚Europäische Komitee für elektrotechnische Normung‘ (Cenelec) und das ‚Europäische Institut für Telekommunikationsnormen‘ (ETSI). Diese Normen, die als Grundlage für die Ausarbeitung von relevanten Produktgruppen und spezifischen Verordnungen dienen, werden derzeit noch erarbeitet. Laut dem Durchführungsbeschluss der EU-Kommission bezieht sich „dieser Normungsauftrag auf folgende Aspekte der Materialeffizienz:

• Verlängerung der Haltbarkeit des Produkts
• Möglichkeit, aus dem Produkt am Ende seiner Nutzungsdauer Bauteile wiederzuverwenden oder Werkstoffe stofflich wiederzuverwerten
• Nutzung wiederverwendeter Bauteile und/oder stofflich wiederverwerteter Werkstoffe in Produkten.“
Es gibt ökonomische, informatorische und rechtlich/institutionelle Hemnisse und Vorurteile im Recyclingmarkt. © Foto: Eigene Zusammenstellung nach Wilts et al. 2016, Sander et al. 2017
Es gibt ökonomische, informatorische und rechtlich/institutionelle Hemnisse und Vorurteile im Recyclingmarkt.

Der Abschluss des Normungsverfahrens für das generische Regelwerk ist für 2019 geplant. Nach wie vor bestehen allerdings zahlreiche Schwierigkeiten, die oben genannten Aspekte methodisch zu fassen und rechtlich bindende Vorgaben festzulegen. Es ist jedoch der notwendige Weg, den die Europäische Kommission derzeit geht. Gerade für die Abfall-und Recyclingwirtschaft ist diese Entwicklung von hohem Interesse, damit langfristig hochwertige Rohstoffe erhalten und bewirtschaftet werden können. Mindestanforderungen für Materialeffizienz wie ein vorgeschriebener Recyclinganteil, Langlebigkeit sowie Reparaturfähigkeit sind längst überfällig und müssen gesetzlich schnellstens gefasst werden. Das wäre ein grundlegender Schritt für Klimaschutz, Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit. 1,5-Grad-Lebensstile wären nicht mehr nur eine Vision.

Ein Beitrag von Dr. Kathrin Greiff u. Prof. Dr. Christa Liedtke, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH

Fachartikel aus Entsorga Nr. 4/2019

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