Interview mit Prof. Mojib Latif – Teil 1
Warten auf die Konsequenzen

24.03.2021 Auch wenn es noch immer Menschen gibt, die dem Klimawandel skeptisch gegenüber stehen, so sind die Fakten des vom Menschen gemachten Klimawandels erdrückend und für die seriöse Naturwissenschaft unstrittig. Gleichwohl sind bei Weitem noch nicht alle Zusammenhänge klar und neue Erkenntnisse über Rückkopplungseffekte beunruhigen. Das ENTSORGA-Magazin sprach mit einem der renommiertesten Klimaforscher Deutschlands, Prof. Dr. Mojib Latif.

„Der Mensch ist seit Jahrzehnten im Klimageschehen absolut dominant. Alles andere spielt praktisch keine Rolle mehr.“ Prof. Dr. Mojib Latif ist seit 2015 Vorstandsvorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums e.V. (DKK) und seit 2017 Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome.
© Foto: Jan Steffen, GEOMAR
„Der Mensch ist seit Jahrzehnten im Klimageschehen absolut dominant. Alles andere spielt praktisch keine Rolle mehr.“ Prof. Dr. Mojib Latif ist seit 2015 Vorstandsvorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums e.V. (DKK) und seit 2017 Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome.

ENTSORGA-Magazin: Herr Professor Latif, inwieweit hat die Sorge um das Weltklima ihren beruflichen Werdegang geprägt?

Prof. Dr. Mojib Latif: Ich habe mich seit Beginn meiner beruflichen Laufbahn Anfang der 1980er-Jahre mit Klimaänderungen beschäftigt und damit, wie stark der Mensch in die Abläufe eingreift. Schon vor 30 Jahren haben wir Computersimulationen zur globalen Erderwärmung durchgeführt, die im Großen und Ganzen immer noch Gültigkeit besitzen.

ENTSORGA: Gerade aus der Politik hört man immer wieder den Vorwurf, die Erkenntnisse des anthropogenen Klimawandels seien recht neu. Können Sie dem zustimmen?

Latif: Überhaupt nicht. Die ersten Hinweise auf den anthropogenen Klimawandel sind schon mehr als 100 Jahre alt. Der schwedischer Physiker und Chemiker Svante Arrhenius, der u. a. im Jahr 1903 den Nobelpreis für Chemie erhielt, veröffentlichte bereits im Jahr 1896 eine wissenschaftliche Arbeit über den Einfluss von Kohlensäure in der Luft – so nannte man CO2 damals – auf die Bodentemperatur und sagte als Erster eine globale Erwärmung aufgrund der anthropogenen Kohlendioxid-Emission voraus. Arrhenius war einer der ganz großen Physiker seiner Zeit. Er berechnete den Temperaturanstieg, wenn die Menschheit immer mehr CO2 emittiert. Seine Berechnungen liegen im Rahmen der heutigen Computermodelle, wenngleich an der oberen Grenze.

Das Wasserdampf-Absorptionsspektrum der Erde. © Foto: EUMETSAT
Das Wasserdampf-Absorptionsspektrum der Erde.

ENTSORGA: Die zentrale Frage ist, wie der Einfluss des Menschen neben den vielen natürlichen Einflussfaktoren zu bewerten ist. Es gibt Sonnenfleckenzyklen, Schwankungen der Erdbahnparameter und vulkanische Aktivitäten. Sind diese natürlichen Faktoren nicht viel dominanter?

Latif: Der anthropogene Einfluss ist recht genau quantifizierbar, denn die Wissenschaft untersucht auch die Einflüsse natürlicher Ursachen und vermag, diese von den anthropogenen Faktoren zu unterscheiden. Es ist eindeutig: Die letzten 50 bis 60 Jahre standen hauptsächlich unter dem menschlichen Einfluss. Der überwiegende Anteil der Erwärmung, den wir seit etwa 1980 beobachten, geht auf den Menschen zurück. Natürlich gab es immer Eis- und Warmzeiten, aber das spielte sich in ganz anderen Zeiträumen ab. Das wird oft vergessen. Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann sprechen wir zum Ende dieses Jahrhunderts von einer Erderwärmung im globalen Mittel von 4 oder sogar von 5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit. Die Natur braucht dafür normalerweise mindestens 10.000 Jahre. Was uns als Wissenschaftler wirklich Sorgen macht, ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge ändern. Wir haben seit Beginn der Messungen 1880 schon eine Erwärmung von gut einem Grad. Und sollten dabei nicht vergessen, dass wir ja bereits in einer Warmzeit sind. Wenn wir jetzt noch einen zusätzlichen anthropogenen Temperaturanstieg bekommen, dann stoßen wir in Bereiche vor, die die Menschheit noch nie erlebt hat – und die Ökosysteme vor unlösbare Aufgaben stellt!

ENTSORGA: Nochmals zurück zu den natürlichen Klimaeinflüssen. Ist man denn heute in der Lage, in den Klimamodellen z.B. die Sonnenfleckenzyklen herauszurechnen, sodass nur der anthropogene Einfluss übrig bleibt?

Die Zunahme von Dürre-Ereignissen auch in Mitteleuropa gilt als eine der Folgen des anthropogenen Treibhauseffektes. © Foto: M. Boeckh
Die Zunahme von Dürre-Ereignissen auch in Mitteleuropa gilt als eine der Folgen des anthropogenen Treibhauseffektes.

Latif: Es gibt von den Skeptikern oft das Argument, dass es keinen Beweis für den Einfluss des Menschen auf das Klima gibt. Im Prinzip stimmt das ja auch. Aber man muss sich fragen: Wie könnte der Beweis denn aussehen? Wenn man es wirklich ernst nimmt mit einem 100 %-igen Beweis, dann könnte der nur erbracht werden, wenn wir eine Zeitmaschine hätten und zurückreisen würden in die vorindustrielle Zeit, z.B. in das Jahr 1800. Dann würden wir die Weltentwicklung nochmals starten, ohne dass wir Menschen Auto fahren oder sonst wie CO2 ausstoßen. Dann könnte man diese Weltentwicklung mit der tatsächlichen vergleichen. Erst dann könnte man den anthropogenen Einfluss genau quantifizieren. Dieser Vergleich bzw. dieser unumstößliche Beweis kann aber niemals erbracht werden. Was bleibt? Die zweitbeste Möglichkeit – und das sind die Klimamodelle. Wir können uns ein Abbild der Erde im Computer schaffen – und Klimamodelle sind nichts anderes – um zu untersuchen, welchen Einfluss die Sonnenflecken oder Vulkane haben und auch: Was gibt es für interne Schwankungen? Das Klima schwankt auch ganz ohne externe Einflüsse aufgrund seiner chaotischen Natur. Man muss sich das als die „Musik“ eines schwingungsfähigen Systems vorstellen. Und in den Modellen kann man auch berechnen, welchen Einfluss der Mensch mit seinen Treibhausgasen hat. Das lässt sich, zumindest global, sehr genau berechnen: Der Mensch ist seit Jahrzehnten im Klimageschehen absolut dominant. Alles andere spielt praktisch keine Rolle mehr.

ENTSORGA: Gab es nicht im Rahmen der letzten Eiszeiten ebenfalls recht kurzzeitige Klimasprünge?

Latif: Ich spreche ja von der globalen Temperatur. Was regional passiert, ist etwas ganz anderes. Als Ursache der Eiszeiten gelten nachweislich die Änderungen der Erdbahnparameter. Die Bahn der Erde um die Sonne ändert sich alle 100.000 Jahre. Dann schwankt die Neigung der Erdachse im Rhythmus von 40.000 Jahren, und es gibt noch die Richtungsänderung der Erdachse. Das sind die sogenannten Milankowitch-Zyklen. Die sieht man auch in den Temperaturkurven der Paläo-Klimatologen. Daneben gibt es recht kurzzeitige regionale Änderungen: Die hatten z.B. damit zu tun, dass es im eiszeitlichen Klima immer wieder Phasen gab, in denen große Eisberge von den kontinentalen Eisschilden abgebrochen sind. Das hat dazu geführt, dass der Golfstrom innerhalb kürzester Zeit zum Erliegen gekommen ist. Damit wurde die fürEuropa so bedeutsame Wärmezufuhr unterbunden und es gab Kälteeinbrüche. Als der Golfstrom wieder angesprungen ist, wurde es wieder spontan wärmer. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Treiber für die langen Klimazyklen die Schwankungen der Erdbahnparameter sind.

ENTSORGA: Sie beschäftigen sich bei GEOMAR intensiv mit dem Einfluss des Meeres auf die Atmosphäre. Wo liegen noch die ganz großen Herausforderungen? Und vor allem: Wie genau kennt man den Einfluss der Ozeane auf die Atmosphäre?

Latif: Wir verfolgen da sehr verschiedene Fragestellungen: Wie ändern sich Meeresströmungen wie der Golfstrom durch den Klimawandel? Die meisten Kolleginnen und Kollegen gehen davon aus, dass er sich abschwächen wird. Aber wir haben zu wenige Strömungsmesswerte, um das schon nachweisen zu können. Möglicherweise hat er sich bereits infolge der globalen Erwärmung abgeschwächt. Unsere direkten Messungen reichen nur rund 25 Jahre zurück. Das ist zu wenig. Aber unsere Modelle sagen auch eine Abschwächung voraus – z.B. durch Süßwasser, das durch die Gletscherschmelze auf Grönland in den Atlantik gelangt. Die Größenordnung ist noch umstritten. Die Modellergebnisse schwanken. Das besser zu quantifizieren, ist eine der großen Herausforderungen in den nächsten Jahren.

ENTSORGA: Aber wenn sich aufgrund der globalen Temperaturerhöhung der Golfstrom verändert und abschwächt – dann wäre das doch ein zum anthropogenen Treibhauseffekt gegenteiliger Effekt!

Latif: Global kaum. Die Wirkung des Golfstroms auf das Klima Europas ist unbestritten. Aber der Golfstrom schwächt sich nur ab, wenn sich die Erdatmosphäre weiter erwärmt. Wenn sich die Strömung abschwächt, wird zwar die Wärmezufuhr in den Nordatlantik geringer, aber die ursprüngliche Erwärmung kann man damit keinesfalls kompensieren oder gar überkompensieren. – d.h. bei uns in Mitteleuropa bleibt immer noch eine massive Erwärmung übrig – auch wenn sie vielleicht kleiner ist als im globalen Mittel.

Der Hurrikan ‚Katrina’ suchte im Jahr 2005 den Süden der USA heim. Atmosphärenwissenschaftler sehen in der Zunahme starker Hurrikane eine der möglichen Folgen des atmosphärischen Temperaturanstiegs. © Foto: THW
Der Hurrikan ‚Katrina’ suchte im Jahr 2005 den Süden der USA heim. Atmosphärenwissenschaftler sehen in der Zunahme starker Hurrikane eine der möglichen Folgen des atmosphärischen Temperaturanstiegs.

ENTSORGA: Den Ozeanen wird eine hohe CO2-Pufferungsrate zugeschrieben. Wo steht die Wissenschaft in dieser Frage?

Latif: Die Aufnahme von CO2 durch die Ozeane ist in den letzten Jahrzehnten im Sinne der Effizienz relativ konstant gewesen. Die Ozeane haben im letzten Jahrzehnt, grob gerechnet, etwa ein Viertel des CO2 aufgenommen, das wir in die Atmosphäre emittiert haben. Doch wir befürchten – ohne es derzeit beweisen zu können – dass die Weltmeere infolge der Erwärmung weniger CO2 aufnehmen werden, da die Löslichkeit von Gasen von der Temperatur abhängig ist. Je wärmer es ist, desto schlechter können Flüssigkeiten Gase binden. Deshalb erwarten wir eine Abnahme der Effizienz der Kohlenstoffaufnahme.

ENTSORGA: Das ist dann einer der vielen Selbstverstärkungseffekte, die wir im Klimawandel beobachten – wie eine Abnahme der Albedo durch die Gletscherschmelze und die verstärkte Methanemission durch das Auftauen des Permafrostbodens?

Latif: Richtig. Davon gibt es einige. Doch die wichtigste positive Rückkopplung, wie wir die verstärkenden Prozesse nennen, ist die Wasserdampf-Rückkopplung. Das wird oft übersehen. Angenommen, es würde sich nur CO2 verändern, dann wäre die Erwärmung der Atmosphäre gar nicht so stark. Aber wenn sich die Atmosphäre erwärmt, dann verdunstet mehr Wasser und der Wasserdampfgehalt steigt. Wasserdampf ist das stärkste Treibhausgas überhaupt und ist viel bedeutsamer als Kohlendioxid, Methan oder Lachgas. Der Anstieg des atmosphärischen Wasserdampfs verdoppelt in etwa den CO2-Effekt und ist die dramatischste positive Rückkopplung, weil sie zudem eine exponentielle Abhängigkeit von der Lufttemperatur besitzt.

ENTSORGA: Muss man nicht den Einfluss von Methangas aus der Landwirtschaft, aus Deponien und auftauendem Permafrostboden stärker bewerten?

Latif: Der Methaneffekt ist unstrittig, und das CH₄-Molekül wirkt um mindestens den Faktor 20 stärker als das CO2-Molekül, aber die emittierten bzw. in der Atmosphäre vorhandenen Methanmengen sind vergleichsweise gering. Es gibt sehr viel mehr CO2 in der Luft; damit ist Kohlendioxid das dominante anthropogene Treibhausgas.

ENTSORGA: Gibt es eigentlich noch Wissenschaftler und Politiker, die den Klimawandel leugnen oder leugnen sie nur den anthropogenen Effekt?

Latif: Es gibt leider alle Arten von Leugnern. Es gibt Leute, die bestreiten wirklich alles. Im Zusammenhang mit dem ‚Climategate‘ 2009 wurde behauptet, die Wissenschaftler würden systematisch die Daten fälschen und manipulieren. Doch jeder seriöse Wissenschaftler wird bestätigen, dass es a.) die Erwärmung gibt und b.) der Mensch dafür hauptverantwortlich ist und c.) die Gletscher schmelzen und die Meeresspiegel steigen.

ENTSORGA: Vielen Dank für das Gespräch.


Das Gespräch führte Martin Boeckh,

ENTSORGA-Magazin.

Teil 2 des Interviews erscheint in ENTSORGA 2/2021

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