Bioabfall wird in der Anlage von Sinsheim gleich mehrfach genutzt
Grünes Gas aus der braunen Tonne

20.11.2019 Die Abfallverwertungsgesellschaft des Rhein-Neckar-Kreises (AVR) hat auf dem Gelände der Deponie Sinsheim eine Bioabfallvergärungsanlage mit Methaneinspeisung in Betrieb genommen. Damit kann der im Kreisgebiet gesammelte Bioabfall jetzt auch energetisch verwertet werden. Ein Vorzeigeprojekt in mehrfacher Hinsicht.

Die Biogasanlage mit Methaneinspeisung auf dem Gelände der AVR in Sinsheim gilt als landesweites Vorzeigeprojekt.
© Foto: AVR
Die Biogasanlage mit Methaneinspeisung auf dem Gelände der AVR in Sinsheim gilt als landesweites Vorzeigeprojekt.
Am 22. Februar 2018 wurde der erste Spatenstich gefeiert, am 19. Juli 2019 speisten AVR und MVV erstmals Biomethan ins Erdgasnetz ein. „Die AVR Bioabfallvergärungsanlage stellt die langfristige Entsorgungssicherheit des Rhein-Neckar-Kreises sicher und bringt unsere politischen Ziele wie regionalen Klimaschutz und regionale Energieversorgung einen entscheidenden Schritt voran“, sagte Landrat Stefan Dallinger bei der offiziellen Inbetriebnahme.

Als Generalübernehmer hat die Remondis GmbH & Co. KG die Biogasanlage zum vertraglich vereinbarten Festpreis von 40,5 Mio. Euro errichtet und ist mit 49 Prozent an der neu gegründeten AVR BioTerra GmbH & Co. KG beteiligt. Als Geschäftsführer der neuen Gesellschaft fungieren Siegfried Rehberger (Geschäftsführer Remondis Südwest) für die technischen Belange und Peter Mülbaier (Geschäftsführer AVR UmweltService GmbH) als ihr Sprecher.

Die jährlich rund 60.000 Tonnen biogener Abfälle werden vergoren, getrocknet und als zertifizierter Frischkompost vermarktet. Dieser Kompost zeichnet sich durch einen hohen Düngerwert aus, er trägt zur Humusbildung bei und ist äußerst pflanzenverträglich, heißt es bei der AVR Umweltservice GmbH. Die AVR BioTerra liefert das im Vergärungsprozess erzeugte Rohbiogas an ihre ebenfalls neu gegründete Schwestergesellschaft AVR BioGas GmbH.

Diese wiederum ist zuständig für die Aufbereitung und Vermarktung des Biogases. Beteiligt sind auch hier erfahrene Partner: das Mannheimer Energieunternehmen MVV Energie AG mit 41,5 Prozent und die Stadtwerke Sinsheim Versorgungs GmbH & Co. KG mit 7,5 Prozent. 51 Prozent der Anteile an den beiden neu gegründeten Gesellschaften verbleiben in Händen des Rhein-Neckar-Kreises.

Die Baukosten für die Anlage zur Biogasaufbereitung belaufen sich auf 4,5 Mio. Euro. Zu ihr gehört ein 5000 Kubikmeter fassender Biogasspeicher, der zum Ausgleich von Produktions- und Einspeiseschwankungen vor Ort genutzt werden kann. Mit den beiden neuen Gesellschaften wurden für den Bau und den Betrieb der 45-Millionen-Investition rechtssichere Organisationsstrukturen geschaffen und zugleich vorhandene Kompetenzen und externer Sachverstand gebündelt.

Nach Auskunft der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena) gibt es in Deutschland über 200 Anlagen, die Biomethan aufbereiten und ins Erdgasnetz einspeisen, doch nur wenige nutzen dafür Bioabfälle. Die Sinsheimer Anlage ist die erste in Baden-Württemberg, die nach diesem Prinzip arbeitet. Bestehende Biogasanlagen verstromen in der Regel das produzierte Rohbiogas vor Ort in Blockheizkraftwerken (BHKW) oder nutzen als Ausgangsmaterial nachwachsende Rohstoffe (NAWAROs) oder Klärschlamm. Die beim Verstromungsprozess entstehende Abwärme wird jedoch nur unzureichend genutzt, wenn geeignete Wärmeverbraucher am Ort der Erzeugung fehlen. Die Klimabilanz kann durch eine konsequentere Nutzung der Abwärme aber deutlich verbessert werden. Und das ist in Sinsheim der Fall.
In zwei Gärrestkonditionierern werden die flüssigen Gärreste mit Strukturmaterial vermischt und getrocknet. Anschließend werden sie in den Rottetunneln in Kompost verwandelt. © Foto: AVR
In zwei Gärrestkonditionierern werden die flüssigen Gärreste mit Strukturmaterial vermischt und getrocknet. Anschließend werden sie in den Rottetunneln in Kompost verwandelt.

Die Anlage der AVR gilt in diesem Sinne als Leuchtturmprojekt. Das auf Erdgasqualität aufbereitete Biogas ist vielseitig nutzbar und wird über das öffentliche Erdgasnetz zum Ort des Bedarfs transportiert. So kann es als Treibstoff für Fahrzeuge oder in städtischen oder industriellen Wärmeverbrauchszentren für die Strom- und Wärmeerzeugung genutzt werden. Genutzt wird auch die Abwärme des benachbarten Biomasseheizkraftwerks, etwa bei der Trocknung der flüssigen Gärreste oder bei der Beheizung bzw. Belüftung des Rottebodens. So steht mehr Biogas zur direkten Einspeisung in das Erdgasnetz zur Verfügung. Der getrocknete Gärrest wird als zertifizierter Frischkompost vermarktet.

Dass nur die Verstromung, nicht aber die Einspeisung des Biomethans über das ‚Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)‘ vergütet wird, sieht Geschäftsführer Peter Mülbaier nicht als Nachteil. „Mit der Erdgaseinspeisung sind wir unabhängig vom volatilen EEG“, sagt er.

Ralf Klöpfer aus dem Vorstand der MVV Energie AG spricht von einem gelungenen Beispiel für eine erfolgreiche Kooperation aus Energie- und Abfallwirtschaft einerseits und Kommunal- und Privatwirtschaft andererseits. „Wir müssen viel mehr kommunale Partnerschaften aufbauen“, bestätigt Norbert Rethmann, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Rethmann SE & CO. KG (Remondis).

Von einer der größten Anlagen in Deutschland spricht Remondis-Projektleiter Jörg Detlof bei einem Rundgang. Von der Gesamtnutzfläche von rund 22.000 m2 sind circa 11.500 m2 bebaut. Die Anlage besteht aus der Annahmehalle zur Störstoffentfrachtung, der Bunkerhalle zur Zwischenlagerung, dem Doppel-Fermenter mit je 2.250 m3 Rauminhalt zur Methanerzeugung, dem Doppel-Gärrestkonditionierer zur Trocknung der Flüssiggärreste und insgesamt 13 Rottetunneln und drei baugleichen Lagertunneln zur Kompostierung.

Alles, was kleiner als 6 Zentimeter ist, gelangt direkt in die Fermenter. Die Anlage wird weitgehend automatisch gesteuert, die Fermenter fordern die zuvor eingegebene Menge an Material an. Diese wird dann automatisch abgewogen.
In dieser Anlage wird das Rohbiogas aufbereitet, bevor es ins Erdgasnetz eingespeist wird. © Foto: S. Hebbelmann
In dieser Anlage wird das Rohbiogas aufbereitet, bevor es ins Erdgasnetz eingespeist wird.

Die Bioabfallvergärungsanlage ist komplett eingehaust. Unterdruck und Luftschleieranlagen an den Toren sollen sicherstellen, dass im Regelfall keine Gerüche nach außen dringen. Die gesamte Abluft wird über Biofilter geleitet und gereinigt. Bei der Standortwahl wurde besonders darauf geachtet, dass die notwendige Infrastruktur bereits weitgehend vorhanden ist und sowohl verkehrstechnische als auch sonstige Belästigungen der Bürger beim Bau oder dem späteren Betrieb minimiert werden. Das Gelände auf der AVR-Deponie Sinsheim bietet dafür in jeder Hinsicht gute Voraussetzungen. Von technischen Einrichtungen über Waagen bis zu einem modernen Maschinenpark war und ist alles vorhanden.

Mit der Einführung der gebührenfreien ‚BioEnergieTonne‘ setzt die AVR-Gruppe bereits seit 2012 die Vorgaben des Kreislaufwirtschaftsgesetzes um, das eine getrennte Erfassung der biogenen Abfälle vorschreibt. Die so gesammelten Mengen sind gleichzeitig die Basis für die neue AVR-Bioabfallvergärungsanlage. Aktuell sind rund 100.000 Biotonnen kreisweit im Einsatz. Die jährlich im Rhein-Neckar-Kreis gesammelten Mengen an Biomüll weisen seit Jahren rasante Steigerungsraten auf. Von rund 7000 Tonnen im Jahr 2011 auf circa 48.000 Tonnen aktuell, Prognose weiter steigend auf bis zu 60.000 Tonnen Bioabfall und 5000 Tonnen Grünabfälle und mehr in den kommenden Jahren.

Bislang ging der Biomüll noch in das Kompostwerk nach Heidelberg; doch nun verwertet die AVR ihn selbst. Der eingesammelte Grünschnitt der Region kommt weiter in das Biomasse-Heizkraftwerk. Da dieses aber weit mehr Wärme produziert als es auf dem abgelegenen Deponiegelände der AVR an Abnehmern hat, wird ein Teil der Wärme dazu genutzt, in der Biomassevergärungsanlage die Gärreste zu trocknen.

Das Unternehmen betont noch einmal ausdrücklich: In die BioEnergieTonne der AVR gehören nur biologisch abbaubare und organische Abfälle. Unerwünscht sind Plastiktüten – auch keine kompostierbaren. Diese brauchen zu lange, bis sie verrotten. Unter dem Motto #wirfuerbio haben sich die AVR-Unternehmen deshalb einer Informations- und Aufklärungskampagne der deutschen Abfallwirtschaftsgesellschaften angeschlossen. Das Ziel: die Bürger für das bewusste Mülltrennen zu sensibilisieren, den Plastikanteil im Bioabfall drastisch zu reduzieren und damit die Qualität des Biomülls und der aus Bioabfall gewonnenen Produkte deutlich zu verbessern.

Ein Beitrag von Sabine Hebbelmann, Sandhausen

Fachartikel aus dem ENTSORGA-Magazin Nr. 6/2019

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