Gemeinsame Expertengruppe vereinbart
Massenhaftes Fischsterben in der Oder - Ursachen ungeklärt

16.08.2022 Bundesumweltministerin Steffi Lemke, Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel sowie der Umweltminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, trafen sich am 14. August 2022 mit Polens Umweltministerin Anna Moskwa sowie mit Polens Infrastrukturminister Andrzej Adamczyk in Stettin, um über das Fischsterben in der Oder und zu weiteren Auswirkungen zu beraten.

Die Oder ist nun ein schwer geschädigtes Ökosystem.
© Foto: IMAGO / Winfried Mausolf
Die Oder ist nun ein schwer geschädigtes Ökosystem.


Das Landesamt für Umwelt erhielt am 9. August 2022 erste Hinweise auf eine Umweltverschmutzung über das Landeslabor Berlin-Brandenburg (LLBB). Ein Schiffsführer hatte sich beim LLBB gemeldet und über das Fischsterben berichtet. Das LLBB setzte sich mit dieser Information auf kurzem Wege mit dem Landesamt für Umwelt (LfU) in Verbindung. Daraufhin erging vom LfU eine offizielle Meldung an den Verteiler laut Warn- und Alarmplan der Internationalen Kommission zum Schutz der Oder gegen Verunreinigung (IKSO). 

Proben aus der automatischen Messstation Frankfurt/Oder wurden in das LLBB gebracht. Die ersten Analyseerergebnisse zeigten übereinstimmend, dass am 8. August 2022, eine starke Welle organischer Substanzen durch Frankfurt/Oder ging und sich seitdem flussabwärts fortsetzt. Die Auswirkungen auf das Ökosystem lassen auf synthetische chemische Stoffe, sehr wahrscheinlich auch mit toxischer Wirkung für Wirbeltiere schließen. Was ursächlich für diese Stoffeinträge ist, bleibt derzeit noch unklar. 

Zudem ordnete das Landesamt für Umwelt eine Beprobung der verendeten Fische, um die Ursache des Fischsterbens zu analysieren. Nach Angaben des polnischen Gewässeramts in Wroclaw seien in neueren Proben keine Belastungen durch die giftige Substanz Mesitylen festgestellt worden.

„Das Ausmaß des Fischsterbens ist erschreckend. Für die Oder als ökologisch wertvolles Gewässer ist das ein Schlag, von dem sie sich vermutlich längere Zeit nicht erholen wird. Die Auswirkungen auf den Nationalpark Unteres Odertal und sein Ökosystem lassen sich derzeit noch nicht einschätzen“, betonte Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel nach einem Vor-Ort-Besuch im Nationalpark Unteres Odertal am 12. August

Am gleichen Tag erreichten das Landesamt für Umwelt erste weitere Ergebnisse des Landeslabors Berlin-Brandenburg zu den bis zum 12. August an der automatischen Messstation in Frankfurt/Oder entnommenen Tagesproben. Diese sind noch nicht voll aussagefähig und nicht abschließend. Demnach wurden stark erhöhte atypische Salzfrachten gemessen, die im Zusammenhang mit dem Fischsterben in der Oder stehen können. Nach jetzigen Erkenntnissen wird es jedoch nicht ein einziger Faktor sein, der das Fischsterben in der Oder verursacht hat. Die heutigen Daten weisen auf multikausale Zusammenhänge hin, zu denen auch die derzeit sehr niedrigen Abflussmengen und hohen Wassertemperaturen gehören. Weitere Untersuchungsdaten, insbesondere zu Schwermetallen, Quecksilber (in weiteren Proben) und anderen Elemente, befinden sich noch im Landeslabor Berlin-Brandenburg in Abklärung und werden in dieser Woche verfügbar sein.

Treffen der Umweltminister

Am 14. August trafen sich Bundesumweltministerin Steffi Lemke, Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel sowie der Umweltminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhausmit Polens Umweltministerin Anna Moskwa sowie mit Polens Infrastrukturminister Andrzej Adamczyk in Stettin, um über das Fischsterben in der Oder und zu weiteren Auswirkungen zu beraten. Es wurde vereinbart, die laufende Krisenreaktion in einer gemeinsamen Taskforce zu bündeln. Eine Gruppe aus Expertinnen und Experten der polnischen und der deutschen Seite sollen einen engen und permanenten Informationsaustausch gewährleisten, um die Ursachen für das Fischsterben zu ermitteln und die erforderlichen Maßnahmen ergreifen zu können.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke zeigte sich nach einem vorangegangenen Besuch in Frankfurt/Oder am 15. August bestürzt: „Uns alle eint die große Sorge über das Ausmaß und die Folgen dieser Umweltkatastrophe. Wir haben heute eine enge Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland vereinbart. Höchste Priorität haben der Schutz der Bevölkerung, Schadenbegrenzung und das Identifizieren des Verursachers. Wir haben eine Expertengruppe vereinbart, um damit sowohl über die Landesgrenzen hinweg als auch zwischen der Bundesebene und den Bundesländern beziehungsweise Woiwodschaften gut zu kooperieren. Die Expertinnen und Experten arbeiten mit Hochdruck an den Analysen, um schnellstmöglich herauszufinden, welche Stoffe und Ursachen zum massenhaften Sterben der Fische und zur Schädigung der Oder geführt haben. Das ist auch Voraussetzung, um die Verursacher schnellstmöglich finden zu können.“

Das Bundesumweltministerium steht in engem Kontakt mit der polnischen Seite, vor allem zum polnischen Umweltministerium. Zudem tauscht sich das Bundesumweltministerium mit den betroffenen Bundesländern, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, in deren Aufgabengebiet der Gewässer- und Naturschutz liegt, intensiv aus. Das Landesamt für Umwelt Brandenburg wird bei seinen Untersuchungen zur Schadstoffbelastung in der Oder vom Landeslabor Berlin-Brandenburg und von Bundesseite durch das Umweltbundesamt und die Bundesanstalt für Gewässerkunde unterstützt.

Derzeit gibt es weiterhin keine Erkenntnisse dazu, was genau das Fischsterben in Polen und Deutschland verursacht hat. Die Untersuchungen von Wasserproben und Fischen in Brandenburg, mit Unterstützung von Bundesbehörden, laufen noch. Quecksilber scheint nicht Auslöser für das Fischsterben zu sein. Die Umweltkatastrophe wird im deutsch-polnischen Umweltrat am 29. August 2022 auf der Tagesordnung stehen.

Die Oder ist nun ein schwer geschädigtes Ökosystem. Das Ausmaß der Schädigung ist noch nicht übersehbar. Weitere negative Einflüsse auf dieses wertwolle Ökosystem sollten unbedingt vermieden werden.

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