Bei Niedrigwasser steigt in Flüssen der Anteil von Abwasser aus Kläranlagen
Klarwasser im Fluss

01.09.2020 In Trockenperioden sinken in Flüssen und Bächen die Wasserstände. Das hat massive Auswirkungen auf die Wasserqualität, denn der Anteil an behandeltem Abwasser aus Kläranlagen steigt damit an, und dieses Klarwasser ist in der Regel mit Schadstoffen belastet, die die Kläranlage nicht entfernen kann. Auch das Trinkwasser ist davon betroffen, denn viele Wasserwerke nutzen Uferfiltrat für die Wasserversorgung.

© Foto: UBA/TU München (Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft)
Dass aus Wasserleitungen in Deutschland nur reines Quellwasser sprudelt oder dass das Wasser aus unbelasteten Tiefbrunnen kommt, ist leider eine Illusion. Gemeint ist nicht die Trinkwasserentnahme aus Stauseen
oder großen Gewässern wie dem Bodensee. Vielerorts wird Trinkwasser aus Uferfiltrat gewonnen, dessen Qualität unter anderem vom Wasserstand abhängig ist. Sinkt dessen Qualität, muss weniger belastetes Wasser zugemischt werden.

Wie hoch der Anteil des geklärten Abwassers in Flüssen und Bächen deutschlandweit ist, wie sich dieser Anteil bei Niedrigwasser verändert und was das für die Gewässerökologie und die Gewinnung von Trinkwasser aus Uferfiltrat bedeutet, hat das Umweltbundesamt (UBA) 2018 in der Studie ‚Dynamik der Klarwasseranteile in Oberflächengewässern und mögliche Herausforderungen für die Trinkwassergewinnung in Deutschland‘ untersucht.

Das UBA gibt den Anteil des Trinkwassers in Deutschland, der aus Uferfiltration oder künstlicher Grundwasseranreicherung stammt, mit 17 Prozent an. Laut dieser Studie birgt das Auftreten erhöhter Klarwasseranteile, also des Wassers, das aus einer Kläranlage stammt, in einem Oberflächengewässer, das durch Uferfiltration oder künstlicher Grundwasseranreicherung zur Trinkwassergewinnung beiträgt, per se kein Risiko für die öffentliche Gesundheit. Landesbehörden sollten aber Untersuchungen anstellen, um eine mögliche Beeinträchtigung von Trinkwasser aus Uferfiltrat oder künstlicher Grundwasseranreicherung besser abschätzen zu können. Gerade unter den Bedingungen des Klimawandels wird die Trinkwasserversorgung auf diese Verfahren angewiesen sein, um lokale Trinkwasserressourcen zu stützen. Die Studie enthält auch Handlungsempfehlungen für Überschreitungen gesundheitlicher Orientierungswerte.


Als Faktoren spielen sowohl der relative Anteil des Uferfiltrats im Rohwasser als auch der relative Klarwasseranteil im Oberflächengewässer eine Rolle. Weitere wichtige Faktoren sind die Qualität des Klarwassers und die Bedingungen der Bodenpassage, also die Filterwirkung des durchströmten Bodens.

Für die Untersuchung des UBA wurden Einleitungen aus 7550 kommunalen Kläranlagen über deren durchschnittliche Abwasservolumenströme bestimmt und Langzeitreihen des mittleren Abflusses (MQ) und mittleren Niedrigwasserabflusses (MNQ) für die bedeutendsten Flusseinzugsgebiete in Deutschland berücksichtigt. Q ist ein Maß für den Abfluss als Quotient aus dem Wasservolumen, das in einem Fließgewässer in einer bestimmten Zeit fließt.

Ergebnis der Untersuchung: Die Klarwasseranteile bei MQ-Verhältnissen liegen deutschlandweit in den meisten Oberläufen im Bereich von 0 bis 5 Prozent. Klarwasseranteile von über 5 bis 20 Prozent dominieren in größeren Teilflusseinzugsgebieten in oder unterhalb von Ballungsräumen sowie in abflussschwachen Gewässern. Bei MNQ Abflussbedingungen steigen die Klarwasseranteile stark an und können in manchen Flussabschnitten über 50 Prozent erreichen. Mit anderen Worten: Das Flusswasser stammt in diesen Fällen zu mehr als der Hälfte aus Kläranlagen.

Ein Beitrag von Sabine Hebbelmann, Sandhausen
Fachartikel aus dem ENTSORGA-Magazin Nr. 4/2020

Weitere interessante Fachartikel aus ENTSORGA-Magazin und wwt wasserwirtschaft wassertechnik finden Sie hier.

stats